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Die Liebe der Hausmütterchen zur gepeitschten Heldin

Die unglaubliche Geschichte der Bloggerin, Übersetzerin und erotischen Star-Autorin Hannelore Meinerwerks - Teil fünf.

Für neue Leserinnen und Leser: Sie haben nicht versäumt. Und dieser Teil der Geschichte ist völlig unerotisch. Falls Sie also scharf auf "geile Szenen" sind - nichts für Sie. Der Hergang: Johann Fürchtegott Gramse und die Erotik-Schriftstellerin Hannelore Meinerwerks entwickeln einen Roman um die schamhafte, aber lüsterne Virginia V. Die vorausgegangene Folge finden Sie hier.

Trotz der späten Stunde dachte ich beim Heimgehen und in meiner Wohnung noch an Hannelore und ihre Heldin. Ein Pinotage würde mich dazu bringen, dies Sache im neuen Licht zu sehen - dachte ich jedenfalls. Doch stattdessen wurde mir meine Rolle bewusst. Ich fütterte Hannelore mit Gedanken, ohne einen Vorteil davon zu haben. Ich bin nichts als eine männliche Muse auf unterstem Niveau. Eine geistige Nutte, die sie sich holt, wenn sie nicht weiterweiß. Und ich kriege nicht einmal Sex als Belohnung.

Ich sehe Hannelore vor meinem geistigen Auge: Wie sie alles, womit ich sie füttere, verfälschst, profaniert und verkitscht. Alles, was sie schreibt, wirkt wiedergekäut, lächerlich und falsch. Aber dieses ganze falsche Gefühlsgebilde wurde offenbar von ihren Leserinnen geliebt.

Hannelores Leserinnen - ach, wenn ich nur gepeitscht würde!

Die niedliche Beschreibung von Virginias Schamgefühlen – ach, wie süß. Schokokekse für ihre Leserschaft von bürgerlichen Mütterlein, die hoffen, sich auch einmal unter den strengen Augen eines reichen und genussvollen Mannes erniedrigen dürften. Warum musste ich jetzt an diese Frauen denken? Sie saßen dort in ihren unpassenden, hässlichen BHs und Höschen aus der Grabbelkiste des Warenhauses, die ihre unförmigen Brüste und mit Haarstoppeln verunzierten Vulven verbargen.

Ich dachte unwillkürlich an die Gunst, die Ms. James (1) ihrer Heldin Anastasia zukommen ließ: Eine wundervolle Frau, die sich als würdig erweist, erotische Strafen zu erhalten. Kaum eine ihrer Leserinnen würde sich damit vergleichen können. Sie wären viel zu belanglos, um die Wonnen der sanftmütigen Rute, der beißenden Peitsche oder des zischenden Rohrstocks genießen zu dürfen. Allein der Gedanke an einen mit Fettwülsten gepolsterten Körperwürde Mr. Grey anekeln – warum sollte man solch einen Körper, den man kaum ansehen mag, auch noch peitschen? Wie ekelhaft!

Diese Gedanken musste ich verscheuchen – keiner dieser Frauen will wissen, wie wenig sie sich eignen, einmal die Wonnen der Schmerzlust spüren zu dürfen. Sie sehen sich doch nur als Stellvertreterinnen, denen Herr Grey Schläge auf die Brustwarzen appliziert – das tut er tatsächlich. Mich hat schon immer gewundert, ob die Hausmütterchen, die diese Bücher lesen, sich wirklich vorstellen können, wie sich ein Peitschenhieb auf de Brustwarzen anfühlt. Ms. Steeles „Nervenden singen“ hernach – vermutlich wie die Vöglein im Walde. Sie darf sich in einem Meer der Gefühle verlieren. Fall dies hier jemand lesen sollte, der Frau ist, über 40 und verheiratet oder so etwas in der Art: "Na, wann durftest du dich zuletzt mal in die See der Lust stürzen?" Wenn bist du „süß und qualvoll“, aber voller Wollust, zuletzt mit deinem Mann „ein zweites Mal“ gekommen? Oder ein Drittes?

Schreiben, was man niemals selbst erlebt hat? Die "Methode Hannelore"

Und Hannelore? Wie sollte sie jemals wissen, wie sich ein scharf geschlagener Hieb auf das Gesäß in den Nervensträngen fortpflanzte? Wie sollte sie den Luftzug spüren, der sie vor dem Schlag anhauchte? Woher sollte sie erfahren, in welcher Zeit der Schlag an ihr Ohr drang, bevor die Nervenleitungen ins Hirn weitergeleitet hatten, um den Schmerz auszulösen? Wie sollte sie das leise Wimmern, die Tränen, das sabbern und flehen begreifen, wie die unartikulierten Schreie, die falschen und echten Bitten um Gnade?

Ich weiß, was ihr denkt, die ihr dies lest … ihr denkt an Perversionen und an Folterkeller, an eklige Szenen mittelalterlicher Demütigungen, an das Elende der Opfer und an die ekelhaft lüsternen Ankläger, Kirchenmänner und Folterknechte. Aber dies hier ist die Geschichte einer jungen Frau, der überaus lustvollen Virginia, die in ein Spiel eingewilligt hat, an deren Ende sie die Krone tragen will – so wie Cinderella. Der Weg dorthin wird dornig, beschämend und schmerzhaft sein. Doch sie tut kaum mehr als eines dieser jungen Mädchen, die an Gummiseilen in die Tiefe fallen und dann wieder hochkatapultiert werden. Sie will zeigen, dass sie den freien Fall wagt, will bewundert werden für ihren Mut. Die Frauen, die sich von Bungeeseilen getragen in die Tiefe stürzen, haben ähnlich sehnige, schlank, zähe Körper wie Hannelores Heldin.

Oh, ja, die Superschlauen unter euch, werden vielleicht sagen:

"Warum schlägt er der Hannelore nicht einfach vor, sich über einen Schemel zu legen, den Rock hochzuschlagen und sich von Herrn Gramse ein paar Hiebe verpassen lassen, die ihre schriftstellerische Kompetenz beflügeln?"

Eigentlich will ich gar nicht darauf eingehen. Ein fraulicher, mit den Jahren korpulent gewordener und ausgesessener Schriftstellerinnen-Hintern reagiert anderes als der knackige Po einer so jungen, sportlich-schlanken Frau wie Virginia. Und Hannelore selbst ist nicht der Typ, der Realitäten in Worte setzt. Alles muss erst durch das Tor der Scheinwelt gehen, in der Virginia und Roger angesiedelt wurden. Ich denke, ich hatte das schon erwähnt.

Unbeliebte Szenen: Schläge sind langweilig

Es gab aber noch ein anderes Problem. Flagellationsszenen wirken in den meisten Romanen erschreckend langweilig. Wer von Schlag eins bis (beispielsweise) 24 jedes Mal Hergang, Reaktionen und Gefühlsinhalte beschreiben soll, muss entweder ein literarisches Genie sein oder er wird seine Leser vom dritten bis zum vierundzwanzigsten Schlag langweilen. Offen gestanden hatte ich keine Ahnung, wie ich das Problem angehen sollte.

Über diese Gedanken schlief ich ein, aber eine gute Fee musste mich in dieser Nacht doch noch geküsst haben. Jedenfalls fand ich ein alter, ziemlich zerlesenes Psycho-Buch: „Modernes Handbuch der Heilung durch Schläge“. Als ich im Internet weiterstöberte, fiel mir auf, dass moderne Managementtrainer die totale Erniedrigung einsetzen, um Wirtschaftsbosse erst in den Boden zu stoßen und dann aus ihren Trümmern wieder zusammenzusetzen. Dies modernen Gehirnwäscher verdienen viel Geld damit, solche Seminare anzubieten. Im Grunde tun die Sadisten auch nichts anderes. Der Meister löscht das zumeist ohnehin angeschlagene Ego seiner Schülerin mit all ihren Inhalten … und ersetzt ihn durch den Stolz auf die Leistung, als Sklavin perfekt zu dienen und viele Dutzend Hiebe ertragen zu können. Oder sie gibt ihren Stolz an der Kasse ab.

Doch dies Geschichte würde anders verlaufen. Das Ego der Virginia ist nicht so schwach, wie Roger denkt. Sie empfindet die Prozedur als Therapie: Sie wird ihre Scham ablegen und die Ängste überwinden, und wenn ihr Peiniger glaubt, sie zerstört zu haben, wird sie sich wie der Phönix aus der Asche erheben und selber herrschen. Irgendwie klingt dies sogar plausibel. Was hatte ihr denn gefehlt, um Macht zu gewinnen? War es nicht die Scham, die Angst und die Unwissenheit?

Voraussichtlich würde es so möglich sein, auch nur den Hauch von Pornografie aus der Züchtigungsszene in Hannelores Buch herauszuhalten. Ich war zuversichtlich, dazu einen namhaften Beitrag leisten zu können.

Eigentlich wer es einfach: Da ist Roger, der nicht halb so zwielichtig ist, wie er zu Anfang scheint. Ein Maulheld, ein Möchtegern-Sadist , der seine schwache Potenz hinter der Maske des unerbittlichen Dominus verbirgt. Und da wäre Virginia, die zwar zu Anfang scheu und mädchenhaft wirkt, sich aber in Wahrheit nur schämt, wenn sie sich nackt zeigen soll.

Ja … und wie würde es nun weitergehen? Alles hängt von Hannelore ab ... aber ich weiß wirklich nicht, wann sie mich wieder konsultiert.

(1) Ms. James ist Autorin der "Fifty Shades of Grey"

Hinweis: Die Person des Johann Fürchtegott Gramse, die der Autorin Hannelore Meinerwerks sowie die erotischen Werke, die sie schrieb, beispielsweise "Hautsmauz" oder „Sedukastion“ sind frei erfunden.

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