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Die englische Erziehung – was beinhaltet sie in Praxis und Fantasie?

Dienstmagd, Jüngling, Gouvernante: Das Trio für Fantasien von Lust und Schmerz in der Literatur


Englische Erziehung? Was geboten wir, ist oft nicht das, was wir erwarten würden. Denn die „englische Erziehung“ auf „das englische Laster“ genannt, ist die Lust am „geschlagen werden“, und zwar in der Form, in der dies im ausgehenden 19. Jahrhundert in London exzessiv praktiziert wurde. Als „Hochburg des Flagellantismus“ hat beispielsweise Albert Eulenburg geschrieben – vermutlich schrieb er es aber einfach ab.

Was aber ist die „englische Erziehung“ wirklich? Um dies zu verstehen, müssen wir unseren Blick teilen: Einmal ist es eine Form der lustvollen Züchtigung in sogenannten „Flagellationsbordellen“, zum anderen aber eine Literatur, die „Schläge aus Sinnlichkeit, Lust und liebe“ verherrlicht.

In beiden Fällen sind vorzugsweise Gentlemen betroffen, deren Gesäß in Rollenspielen auf Heftigste traktiert wird. Diese Männer sehnen sich entweder von vornherein nach Schlägen, oder sie werden als Jünglinge von Gouvernanten in die Welt der Schmerzlust beingeführt. Die Herren empfangen also die Schläge, und die Damen führen sie aus.

Da die englische Erziehung so gut wie immer in Rollenspiele eingebunden wurde, besteht sie nicht nur auf Schlägen, sondern aus einem Zusammenspiel zwischen „Herrin und Zögling“. Sie folgt deshalb immer eine Art Schema, das gezielte Demütigung, Abwertung und Züchtigung beinhaltet, aber auch lustvolle Erfüllungen der männlichen Sexualität. In jeden Fall aber steht im Vordergrund, dass der Gentleman von der „strengen Erzieherin“ zu irgendeinem Zeitpunkt in entehrenden Positionen mit Schlägen traktiert wird.

Aus psychologischer Sicht erleben wir vor allem in der Literatur eine „Doppelbindung“ an liebevolle Berührungen und schmerzliche Hiebe, also die Erinnerung daran, dass die geliebte Person auch heftig zu strafen imstande war. Darüber hinaus wurden (und werden) folgende Fantasien bedient:

1. Unterwerfung unter eine Frau, die der Mann normalerweise als „Personal“ bezeichnen würde, also eine Dienstmagd, einer Putzfrau oder eine Sekretärin.
2. Die Teilnahme an geheimnisvollen Ritualen, die mit Strafen verbunden sind, deren Regeln dem Zögling aber weitgehend verbogen bleiben.
3. Unterwerfung unter eine gleichaltrige Frau, etwas einer Mitschülerin oder Cousine.
4. Die Unterwerfung „unter den Rock“, also das peinliche Tragen weiblicher Kleidungsstücke vor und nach der Prozedur.
5. Gespielte homosexuelle Handlungen am „Gentleman“ im Rahmen von Geschlechter-Rollenspielen. Dies bedient die Neigung, in Internate entstandene homosexuelle Kontakte neu zu erleben.

Die sonstigen psychologischen Gründe liegen im Dunkel. Vermutlich hatten die meisten der Gentlemen in ihrer Jugend Umgang mit dem Personal, und nicht selten wurden dabei heimlich an sich harmlose, aber prägende sexuelle Handlungen vorgenommen. Zudem waren die meisten jungen Männer mit der körperlichen Züchtigung durchaus vertraut, und homosexuell geprägte Kontakte bestimmten möglicherweise ihr Internatsleben.

Wie immer die tatsächliche Gefühls- und Erlebniswelt der jungen Männer auch aussah – sie wurden alsbald zum bevorzugten Thema der flagellantischen Literatur. Erst über sie wurde England als “Stammland der Flagellanten“ bezeichnet.

Im Allgemeinen gilt das Werk „Gynecocracy“, das 1893 unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht wurde, als deutlichstes literarisches Beispiel einer „englischen Erziehung“. Die Geschichte handelt von einem jungen Mann, der die Lust parallel zum Schmerz kennenlernt, dabei von mehreren älteren und gleichaltrigen Frauen benutzt wird und zudem in seiner geschlechtlichen Identität verwirrt wird. Der Haupthandlungsstrang besteht aber aus seiner Erziehung durch eine strenge Gouvernante, unter denen Rock er zugleich sein erstes sexuelles Erlebnis hat: einen forcierten Cunnilingus.


Dieses Buch ist nicht nur in verschiede Sprachen übersetzt wurden, sondern es wurde auch vielfach „umgeschrieben“ und gilt seither als Vorbild für viele flagellantische Werke. Es dauerte nicht lange, bis die Autoren auch junge Frauen als Zöglinge und zu strafende Dienstmägde in ihre Geschichten einfügten. Bis heute allerdings wird die „strenge Gouvernante“ als Lieblingsmodell für die die „erziehende“ Person verwendet, auch, wenn es sich bei den Zöglingen um junge Frauen handelt. Ein Großteil der heutigen englischen Literatur dieser Art basiert auf lesbischen Flagellations-Ritualen, vorzugsweise solchen, die in Internaten stattfinden.

Wenn wir uns von der Literatur abwenden, kommen wir unweigerlich in die Nähe der viktorianischen Flagellationsbordelle. Da die Kunden allesamt wohlhabende Gentlemen waren, wurde ebenso viel Wert auf die Qualität der Damen gelegt, die mit machtvoller Hand Schläge ausführten, wie auch auf solche, die eher für die Befriedigung zuständig waren.

Die Anzahl und Intensität der Schläge der ausführenden Damen waren in interessierten Kreisen bekannt und gingen weit über die „Sechs der Allerbesten“ Schläge mit dem Rohrstock hinaus. Viele der Herren hatten ihre besonderen Vorlieben, die in Rutenschlägen, Rohrstockschlägen oder Schlägen mit Lederriemen und Peitschen bestanden. Zumeist wurden sie so ausgeführt, dass der Herr gefesselt auf einem Bock oder Holzgestell („Horse“) liegt oder etwas gebeugt an einem solchen steht, und die Herrin in bequemer Position mit einem Rohstock sein Gesäß verbläut. Dabei kalkulieren die Gentlemen durchaus ein, dass sie erhebliche Blessuren bekommen, die noch tagelang sicht- und fühlbar sind. Zeitzeugen berichten, dass es bestimmte „Böcke“ gab, mit deren Hilfe ein Dame Fellatio von vorne am Herrn ausführen konnte, während eine zweite Dame von der anderen Seite seinen Hintern verstriemte. Das sinnliche Gefühl, zugleich bestraft zu werden und der Lust zu frönen, musste in dieser Zeit besonders stark in den Köpfen verankert gewesen sein. Die „englische Erziehung“ als professionelle Tätigkeit ist eng verbunden mit der im Londoner Stadtteil Soho residierende Theresa Berkley, die mit einem Flagellations-Bordell ein Vermögen machte.


In den 1920er Jahren und noch weit bis in die 1950er Jahre war es üblich, das Angebot sinnlicher Züchtigungen mit dem Attribut „englische Erzieherin“ oder „Konsequente, junge Lehrerin gibt Nachhilfe in Englisch“ zu tarnen. Heute bieten die Nachfolger der „Flagellationsbordelle“, die Domina-Studios, bisweilen noch „englische Erziehung“ an.

Die literarischen Bemühungen, die „englische Erziehung“ fortleben zu lassen, sind weitgehend eingeschlafen, weil das Publikum nicht mehr auf den eher sinnlich-romantischen Aspekt der Beziehung schaut, sondern die Schilderung „harter SM-Erlebnisse“ bevorzugt. Zwar war „Küsse und Schläge“ noch ein literarischer Erfolg, in dem ein derartiges Szenario in die Neuzeit verlegt wurde, jedoch war die Darstellung eher abstoßend und „männerfeindlich“, wodurch ein stark überzeichnetes, verzerrtes Bild der damit verbundenen Gefühle entstand.

Dennoch ist das Wechselspiel von lustvoller Zuneigung und heftiger Bestrafung immer noch ein Thema, das die Fantasie von Frauen und Männer anregt. Und so wird das Lied vom armen Legionär, der Küsse und Schläge erbittet, wohl noch vielen Menschen lustvolle Schauer über den Rücken jagen – auch wenn es in ihrer Jugend keine strafende Hand der Gouvernante gab.

Bild: retuschiert nach einer Veröffentlichung aus "Dressage" von Bernard Montorgueil

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die liebeszeitung am : Die „Englische Erziehung“ - nicht nur für Männer

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Ist die wahre Liebe mit der „strengen englischen Erziehung“ vereinbar? Oder noch genereller gefragt: Ist die Liebe eine Sache, die man der lustvoll agierenden Freundin oder der Ehefrau überlassen sollte, während man (Mann!) sich die geheimen Lüste der

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