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Das ungewöhnlich selbstbewusste, recht unartige Mädchen

Verloren auf einem rostigen Schiff ...


Das ungewöhnlich selbstbewusste, recht unartige Mädchen

1. Kapitel

Die in Teile zerlegte Kristina will sich nicht zusammenfügen lassen


Am Anfang war alles wüst und leer. Dann drangen Stoffe in ihr Blut ein, die ihr Körper noch nicht kannte. Brüste wuchsen, und periodisch floss Blut. Das Gemüt wurde wirr, der Finger fand den Ort, an dem sich die Lust beliebig oft erzeugen ließ, und schließlich gab es dann jenen jungen Mann, mit dem sie’s tat. Diese Sache war, wie üblich, nicht sehr angenehm. Aber Freundinnen sagten ihr, dies würde schon werden. Später, wenn sie wirklich erwachsen würde.

Sie hatte irgendwann, irgendwie und irgendwo, einen Mann getroffen, der sie vor dem Sex und manchmal während der wirklichen heißen Phase auf den nackten Hintern schlug. Ich glaube, ihr kennt das: Ihr seid kurz davor zu „Kommen“, aber da fehlt noch der letzte Kick. Und tatsächlich konnte sie dann und wann anschließend zu einem Orgasmus kommen.

Allerdings war dazu noch der Gedanke nötig, heftiger geschlagen zu werden. Dann war sie das Opfer von Seeräubern, die sie an einen Mast fesselten und sich an ihren Schreien ergötzten, wenn sie geschlagen wurde. Sie stellte sich vor, dass nun der letzte, heftige Schlag folgen würde und wenn sie dies tat, konnte sie damit rechnen, dass sich ihr Orgasmus nun lösen würde. Fast überflüssig zu sagen, dass dazu eigentlich kein Mann nötig war. Nach und nach reichte eine geschickte Kombination von heißen Gedanken und heftiger Stimulation, um in die „süße Agonie“ zu verfallen.

Gelegentlich schämte sie sich dessen, was sie tat. Sie hatte während der Pubertät Bücher gelesen, dies ihr nahebrachten, es sei zwar nicht schädlich, zu masturbieren. Doch müssen ein junges Mädchen immer die Gedanken kontrollieren, die sie dabei habe. Wenn sie dabei an schöne, romantische und angenehme Dinge denken würde, so sei das Masturbieren kaum schädlich … jedoch … die Gefahr für ihr Gemüt läge in den Vorstellungen von Perversionen.
Sie vermutete, dass die Piraten wohl einem solchen Bild entsprechen würden, und erst recht die Fesselung an den Mast und die verabreichten Schläge.

Die Autoren des Buches rieten dringend dazu, einen Arzt aufzusuchen, falls solche Gedanken auftreten sollten. Es würde ein Mittel dagegen geben, sicher. Der beste Psychotherapeut war gerade gut genug.

Also ging sie zu Frau Doktor Dolores Patricia B., die abseits der großen Stadt in einer feudalen, von einem Rosengarten umgebenen Villa hauste und praktizierte. Nachdem sie hartnäckig leugnete, jemals geschlagen, genötigt oder vergewaltigt worden zu sein, war die vorläufige Vermutung klar. „Passive Algolagnie“, zu deutsch „Schmerzgeilheit“, im Lexikon der allgemeinen Begriffsverwirrung auch „Masochismus“ genannt. Ob es sich möglicherweise um eine dissoziative Persönlichkeitsstörung handelte, wollten Frau Dr. B. offenlassen – hätte sie jedoch die Umstände gekannt, die Sie,liebe Leserin, lieber Leser, nun kennen, so wäre sie untrüglich auch auf diese Seite des Persönlichkeitsbildes gestoßen, das für einen Therapeuten viel interessanter ist.

Nachdem Dr. B. sie inmitten des Rosengartens über die Möglichkeiten einer vollständigen Heilung aufgeklärt hatte, die sie für dringend geboten hielt, war sie zunächst völlig verwirrt. Zwar sei sie ein leichter Fall, aber wenn sich ihre paraphilen Vorstellungen etwa in die Ausführung derselben wandeln würden, sei sie in der Gefahr, der bestehenden emotionalen Verirrungen noch weiter zu vertiefen, was zweifelsohne schwerwiegende Konsequenzen hätte. Im Übrigen, und dies hatte Frau Doktor mehrfach betont, sei es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sie während ihrer Kindheit, Pubertät oder gar noch danach nicht geschlagen oder missbraucht worden sei. Es gäbe da den Vorgang der Verdrängung, und genau jenem müsse man auf die Spur kommen, wolle man einen Heilungsprozess einleiten.

Sie hatte vorher schon geahnt, dass Dr. Freud ihre potenzielle Therapeutin nachhaltig beeinflusst hatte. Dieser war jedenfalls, so ihr Schulwissen, der Meinung, dass man in der Kindheit graben müsse, um den gegenwärtigen Malaisen auf die Spur zu kommen. Und sie würde über ihren Vater sprechen müssen. Jede Frau, die irgendwie und irgendwann eine Macke entwickelte, wurde nach dem Verhältnis zu ihrem Vater gefragt. Nicht, dass sie dies schreckte. Aber sie hielt alles, was ihre Familie anging, für privat. Und sie sah nicht ein, über ihren Vater zusprechen, oder sonst einen Ahnen, Verwandten, Hausgeist oder Liebhaber.

Sie fuhr mit der Straßenbahn in die Innenstadt, setzte sich in ein Café, bestellte sich ein wahnsinnig kalorienreiches Stück Buttercremetorte und einen Cappuccino mit reichlich Zucker und dachte nach.

Wie so oft meldeten sich zwei winzige Stimmchen in ihr, die sie nur zu gut kannte: „Kristina“, sagte das eine zu ihr, „vertraue Frau Doktor und werde wie ich – ein Engel reinen Herzens. Du wirst niemals einen guten Ehemann bekommen und heiraten, wenn du solche Gelüste hast.“

Kristina – oh ja, das war der Teil in ihr, der brav Klavierstunden genommen hatte und sich bei Tisch zu benehmen wusset. Doch sie war nicht nur Kristina, sie war auch Kiki, und mit ihr sprach stets das Stimmchen, aus dem anderen Ohr: „Kiki, du wirst dir doch nicht etwas austreiben lassen, was du noch nicht einmal richtig genossen hast? Erinnerst du dich nicht mehr, wie viel Gruselvergnügen du an den Geschichten von Lizzie hattest, diesen Geschichten über die Seereise der zukünftigen Sklavinnen für den Sultan, aus dessen Harem es kein Zurück gab?“

Das Buch aus dem viktorianischen England war ihr in London in die Hände gefallen. Die Kassiererin hatte sie so merkwürdig angesehen, als sie es bezahlen wollte: „Are you sure?“, und als sie es später in der U-Bahn aufschlug, wurde ihr bewusst, warum. Das Buch handelte von lustvollen Strafen und schmerzhaften Vorbereitungen auf das Leben einer Sklavin in Arabien. Erst hasst sie, es das Buch zu lesen. Dann liebte sie einzelne Passagen, und schließlich verschlang sie das Buch in drei Nächten, immer wieder unterbrochen von der Faszination, der sie sich mehrfach körperlich hingab.

Sie war Kiki, wenn sie sich in die Trance der Lust versetzte. Und sie war Kristina, wenn sie ihre Mutter am Rand der Schwäbischen Alb besuchte. Und im Alltag? Da war Sie Krista – selbstbewusst, konsequent und ab und an ein wenig skrupellos, wenn es den Erhalt ihrer Position ging.

Brav und wollüstig, konsequent und dann und wann ein wenig brutal – wie passte das zu ihren Fantasien? Nachdem sich Engelchen und Teufelchen verabschiedet hatten, das zweite Stück Cremetorte gegessen und der zweite Cappuccino getrunken war, faste sei einen Entschluss: Sie würde für den Moment auf Dr. Freud und Dr. B. verzichten. Denn wenn sie schon therapiert werden müsste, so schloss sie messerscharf, dann könnte sie sich vorher auch noch ein paar einschlägige Erfahrungen gönnen. Es würde die Sache nicht verteuern und hätte den Nutzen, wirklich zu wissen, worüber sie dann spräche.

Hinweis:

Diese Geschichte ist reine Fiktion. Sie hat weder etwas mit meinem eigenen Leben zu tun, noch wurde sie anhand des Lebens existierender Personen nacherzählt. Etwaige Ähnlichkeiten wären der reine Zufall.

Wie soll es weitergehen? Schlagen Sie vor, schreiben Sie mit oder warten Sie einfach ab, was anderen dazu noch einfällt …

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