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Die extreme Erotik und das viktorianische England

Die Szene könnte aus einem britischen Roman stammen - der Zeichner ist aber Belgier
Kaum eine andere Form der erotischen Literatur kommt in ihrer Verruchtheit und – auch aus heutiger Sicht – brutalen Direktheit an das heran, was im viktorianischen England gelesen wurde. Verantwortlich war in erster Linie die aufkommende öffentliche Diskussion aller Belange, auch solcher sexueller Natur.

Die offizielle Geschichtsschreibung weiß – wie so oft – nichts davon, weil sie blind an der Oberfläche fischt. Erstaunlicherweise erschien erst im 21. Jahrhundert ein Buch, das an dieser Oberfläche von Glanz und Gloria kratzte. „The Origins of Sex“ ist zu verdanken, dass wir das Viktorianische England heute aus einer völlig anderen Perspektive sehen können.

Die Neubewertung des "Vulgären"

Da man damals begann, sich für alles zu interessieren, was zwischen Frauen und Männer geschehen konnte, gleich, wie realistisch es im Alltag war, standen mild-erotische Werke neben solchen mit heftigen Erziehungs- und Flagellationsritualen. Es mag seltsam erscheinen, dass dabei alle Regeln missachtet wurden, die angeblich für die Gesellschaft galten, also beispielsweise Inzest und Homosexualität, Unterwerfung und Körperstrafen, Menschenhandel und physische Gewalt. Doch genau betrachtet waren es ja gerade diese Themen, die besonders heftig diskutiert werden konnten und die nicht nur die Lenden, sondern auch die Köpfe erhitzten. Dazu ein Zitat aus dem oben erwähnten Buch:

«Statt „gewöhnliche oder „vulgäre“ Ansichten als „geringwertig“ und „abwegig“ zu entwerten, kann nun mehr und mehr in Mode, sie abzuwägen .. und ihnen Gestalt zu verleihen …»


Nicht alles war britischen Ursprungs - aber wer Erotik schreib, blieb oft unklar

Nicht alle erotischen Werke, die damals erschienen, waren wirklich britischen Ursprungs, doch kann man sagen, dass insbesondere solche Werke, die „erzieherische“ Komponenten wie beispielsweise die „körperliche Züchtigung“ enthielten, in der Regel im viktorianischen England entstanden.

Die Herkunft der Werke ist – auch heute noch – weitgehend unklar. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Menschen, die wirklich wortgewandt waren und die Schrift beherrschten, in der Regel unter Akademikern und professionellen Autoren zu suchen waren. Daher wer es üblich, die Manuskripte „Anonym“ oder jedenfalls unter faschen Namen zu veröffentlichen. Da auch die Drucker und Verleger oft anonym bleiben wollten, wurden Fantasieadressen als Herausgeber angegeben. Anders als in manchen französischen Werken wurde auf Illustrationen weitgehend verzichtet, sodass der Text für sich wirken konnte, und der Druck billiger wurde –was nicht zuletzt zum schnellen Profit beitrug.

Die Themen machten vor nichts halt

Einer der Standardthemen neben der Gouvernante, die mal Knaben, mal Mädchen auf seltsame Arten in die „Welt der Erwachsenen“ einführen sollte, war der Umgang mit „Personal“. Zeitzeugen wollen wissen, wie üblich es war, sie mit Ruten, Reitgerten oder Rohrstöcken zu traktieren, und es wird zumindest berichtet, dass etliche Damen und Herren ein erotisches Vergnügen dabei empfanden, das Personal zu züchtigen. Daneben war es nicht unüblich, auch sexuelle Dienstleistungen von ihnen zu verlangen. In der erotischen Literatur kommen Dienstmägde daher ebenso als Opfer der Wollust ihrer Herrinnen und Herren vor wie auch als Vollzugsgehilfen in der „Erziehung“ von jungen Frauen und Männer oder der niedrigen Bediensteten.

Befremdliche Situationen aus einer anderen Welt

Die Situationen, die dort geschildert werden, sind und heute fremd, teils sogar ausgesprochen befremdlich. Die Erziehung mittels „Zuckerbrot und Peitsche“, die Möglichkeiten, mit Personal nahezu beliebig umzugehen und die Internatserfahrungen, die von homosexuellen Handlungen durchsetzt waren, erscheinen uns eigenartig. Hinzu kommen noch die privaten und schulischen Strafrituale ebenso wie die bezahlten Auspeitschungen im Bordell – und überhaupt verwundert uns, wer und was in diesen Bordellen sonst noch verfügbar war. Mischt man all dies zusammen, kommen die Fantastereien heraus, die damals geschrieben wurden.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass unsere heutige erotische Literatur dagegen eher zaghaft und zurückhaltend mit dem Thema extremer Lust umgeht, um nicht ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten. Bei der bösen Konkurrenz, den Internetautorinnen, fehlt hingegen die Wortgewalt, um wirklich extrem erregende Situationen glaubhaft schildern zu können.

Hinweis: Als Urheber der Zeichnung gilt ein Künstler, der unter dem Namen "Jim Blake" bekannt wurde.

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