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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Die süße und die bittere Abhängigkeit



Das menschliche Leben reibt sich stets an einem Paradoxon: Natürlich wollen wir möglichst unabhängig sein und selbstverständlich wollen wir dabei auch eingebunden sein in die Geborgenheit, die unsere Unabhängigkeit einschränkt.

Die süße Abhängigkeit: sich fallen lassen

Man kann dies hinnehmen, lenken oder erleiden, aber gewiss nicht vermeiden. Wir bemerken schnell, um, wie viel schwerer unser Leben wird, wenn wir Unabhängigkeit erlangen: Der Jüngling, der aus dem Elternhaus auszieht, bemerkt es ebenso schnell wie die Ehefrau, die ihren Ehemann verlassen hat: Plötzlich hat man die alleinige Verantwortung für sich selbst. Die Sehnsucht, die Unabhängigkeit wieder ein ganz klein wenig aufzugeben, befällt fast jeden Menschen früher oder später: Geborgen sein wollen, sich fallen lassen können, nicht jeden Tag daran denken zu müssen „wie ich mein Brot mache für ein Leben, das allein sowieso sinnlos ist“.

Die süße Abhängigkeit kann Minuten, Stunden, Tage oder Wochen dauern, doch sobald wir sie wirklich erreicht haben, wird der konträre Gedanke wieder wirksam: „Mach etwas für dich, verfolge deine eigenen Interessen“.

Es scheint zur sozialen Gesundheit zu gehören, in diesem Paradoxon gefangen zu sein. Weder die totale Verschmelzung noch die völlige Unterordnung stellen uns wirklich zufrieden, und offenbar benötigen wir das Spannungsfeld zwischen beiden, um unsere Kultur voranzutreiben.

Die bittere Abhängigkeit: Die Tür zur Unterwerfung öffnen

Die bittere Abhängigkeit beginnt, wenn wir aufhören, unser Leben auszubalancieren, wenn wir dem süßen Lockruf der totalen Abhängigkeit dauerhaft verfallen. Dabei sieht es zu Anfang meist gar nicht so aus: der oder die spätere Abhängige hofft, Zärtlichkeit, Liebe, Sex und Geborgenheit zu finden, indem er die Tür zur Unterwerfung aufstößt. Viele Menschen ziehen dann einfach an ihm vorbei, ohne dies zu bemerken – sie sind einfach nicht interessiert an der Kreatur, die vor ihren Augen um Liebe bettelt. Andere sehen das Bedürfnis und nehmen die Person aus Eigennutz mit, um sie nach ein paar Tagen wieder dort auszusetzen, wo sie sei, vorgefunden haben, sonst aber nicht interessiert an ihrer Versklavung. Sie erkennen nicht nur die krankhaft übersteigerten Bedürfnisse, sondern wissen auch, wie sie dauerhaft Nutzen daraus ziehen können.

Mir ist klar, dass diese Sichtweise nicht allgemein akzeptiert sein dürfte: Sucht das Opfer etwa seinen Täter? Nein, denn zu Anfang einer solchen Beziehung gibt es zumeist weder „Opfer“ noch „Täter“, sondern nur zwei Personen, die ein ganz besonderes Verhältnis zueinander entwickeln.

Ob beide noch ein Spiel daraus machen können oder ob sich eine enge, krankhafte Bindung entwickelt oder ob der dominante Partner wirklich genügend verbrecherisches Potenzial hat, seinen Partner emotional und finanziell auszusaugen, ist zu Beginn einer solchen Beziehung niemals sicher. Es scheint aber so, als ob es für die meisten, die daran hörig werden, einen „Punkt ohne Wiederkehr“ gibt, an dem die Psyche sozusagen “kippt“: Erst dann sind die Menschen zu Opfern geworden, zu Hörigen, zu Zombies.

Psychologie: fragwürdige Ansichten

Psychologen mache es sich viel zu einfach, wenn sie uns die Hörigkeit erklären wollen, und führen die suchtartige Abhängigkeit auf die frühe Kindheit zurück. Das ist in hohem Grade albern, weil es nicht erklärt, warum so viele Menschen, die in ähnlichen Familiensituationen gesund psychisch gesund geblieben sind, ja, sogar an ihnen gewachsen sind. Die Psychologie spricht mit ihrer Meinung die vermeintlichen „Opfer“ von der Verantwortung für sich selbst frei – eine sehr gefährliche Ansicht.

Wer an der Schwelle zur Unterwerfung steht, dem kann nur geraten werden, die Tür gar nicht erst zu öffnen, denn wenn sie geschlossen bleibt, gibt es auch keinen Weg in die Abhängigkeit. Das ist mehr als ein Bonmot. Es beinhaltet die Chance, das eigene Seelenleben zu retten.

Foto oben © 2006 by Renzo Ferrante

Foto unten © 2008 by Mirko Macari

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