Skip to content
Werbung Email:

Manifest gegen die Beratungsliteratur

Gerade wurde ein Feuerwerk von Beziehungsratschlägen über mir abgebrannt. Nicht, weil ich selbst Beziehungsnöte hätte, sondern weil ich sie stets mit kindlichem Staunen lese: oh, das Märchenbuch! Ob es nun Tante Hannah oder Schwester Kristina ist, immer habe ich den Eindruck, dass da jemand mit ausgesprochen wichtigem Gesicht vor mir sitzt und mir die Welt erklären will.

Sieben Brücken begehen, sieben Zwerge beschlafen?

Irgendwann hat, soweit ich mich erinnere, mal ein Schlagersänger in Philosophie gemacht. „Über sieben Brücken musst du gehen,“ und alle, die nichts von Philosophie verstanden, haben ehrfürchtig gelauscht: Oh, welch mentale Kraft muss in dem Mann wohnen, wenn er so etwas weiß! Er hätte auch singen können, man müsse erst einmal sieben Jungfrauen vernascht haben, oder – falls Frau – von sieben Zwergen geliebt worden zu sein. Nur hätte man dies schnell als Unfug entlarvt, während die „Sieben Brücken“ den Hauch des mystischen an sich hatten.

Es ist die Sieben, die von uns allen als mächtig angesehen wird – und auch die beiden anderen ungraden Varianten, die Drei oder die Fünf, sind beliebte Aufhänger für weise Ratschläge von Märchentanten und Märchenonkeln. In drei Schritten zum Glück? Fünf dornige Wege, die Sie beschreiten müssen? Sieben Hürden, die Ihr Glück verhindern?

Selbstbedienungsladen Lösungen: ach, sie haben tatsächlich ein Problem?

Sehen sie, nach Meinung der Märchentanten und Märchenonkel sind Sie unfähig, ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Das liegt nicht so sehr an Ihnen, sondern an einer besonderen Eigenschaft dieser Leute: Sie glauben, Ihnen Ratschläge erteilen zu können, ohne ihre Probleme zu kennen. Ich will nicht in Abrede stellen, dass einige von ihnen ein durchaus respektables Studium absolviert haben. Die eine oder andere Person kann sicherlich sogar auf etwas Praxis verweisen. Das ist alles ganz schön und gut – aber: Es muss Sie persönlich trotzdem nicht betreffen, weil Ihr Problem ganz andere Ursachen hat.

Man könnte es so sagen: Die Autorinnen und Autoren der Beratungsbranche verkaufen Ihnen Lösungen, ohne Ihre Probleme zu kennen. Wozu auch? Auf irgendjemanden da draußen wird die Lösung schon zutreffen – oder jedenfalls wir derjenige daran glauben, dass es für ihn die Lösung ist.

Nun will ich nicht behaupten, davon ganz frei zu sein. Von einem Menschen meines Alters wird erwartet, dass er neben Erfahrung auch über Lebensklugheit verfügt. Und wenn das so ist, dann kann es eine gute Idee sein, dies alles auch zu teilen.

Je uneigennütziger der Berater, umso besser der Rat

Ich habe einmal einen wirklich guten Lehrmeister gehabt, der dies sagte: „Vertraue immer nur dem, der dir uneigennützig ein Gespräch anbietet.“ Also nicht, um ein Buch zu verkaufen, ein Seminar zu besuchen oder jemanden in seine Praxis zu locken. Das ist Werbung, und sie ist selbstverständlich legitim – aber eben nicht uneigennützig.

Nahezu alle nachdenklichen Menschen, unter anderem auch der berühmte Paul Watzlawick, warnten nachdenkliche Menschen vor den schrecklichen Vereinfachern. Dazu gehören auch Leute, die uns alles in drei, fünf oder sieben Sätzen erklären können. Wie man eine Million Euro in zwölf Monaten verdient. Wie man jede Frau „rumkriegt“, die einer Bar sitzt. Oder wie man mit „drei wichtigen Änderungen“ ein glückliches Leben führen kann.

Mein Rat: Versuchen Sie doch, selbst einmal Meisterin oder Meister Ihres Lebens zu werden. Versuchen Sie, das durchzusetzen, was Sie wirklich wollen – und schämen Sie sich um Himmels willen nicht, wenn Ihnen das misslingen sollte.