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Ehebruch der Frauen: romantische Liebe oder schlichte Geilheit?

ehebruch

Seitdem die Idee der romantischen Liebe sich mit der Konvention der christlich-bürgerlichen Ehe vermählt hat, wird die Geschichte des Ehebruchs erzählt“, schriebt Kolumnistin Julia Schröder in der „Stuttgarter Zeitung“, und ergänzt: „Meist endet es sehr schlecht für die Ehebrecherin“.

Inzwischen – mache Männer vermerken es seufzend – ist die Ehebrecherin fein heraus. Will sie gehen, und bietet ihr der neue Mann mehr, dann wechselt sie eben den Ast und hüpft ins nächste gemachte Nest – dabei sind Kinder allerdings eher hinderlich, es sei denn, sie bleiben beim Ex-Ehemann. Will sie verheiratet bleiben, dann verheimlicht sie ihre Eskapaden so gut es geht. Im Hintergrund steht die Bedrohung: Wenn du dich wegen der Seitensprünge scheiden lassen willst, wirst du schon sehen, wo du wirtschaftlich landest.

Nein, Frauen gehen heute nicht „mehr oder weniger grausam“ zugrunde. Sie richten Männer leichtfertig zugrunde – das Argument „Liebe“ deckt dann alles andere zu. Oder sollten wir besser „Geilheit“ schreiben? Nun weiß ich, dass einige Frauen sagen: „Na und? Schließlich habt ihr es verdient – und außerdem nehmt ihr euch ja auch jede Menge Seitensprünge raus – und dann noch die vielen Hurenbesuche".

In der „Stuttgarter Zeitung“ geht es übrigens um ein Buch, dass der Österreicher Arno Geiger geschrieben hat: „Alles über Sally“. Nun wissen wir: „Richtig geiler Sex“ ist das Motiv – nun ja, mehr hatten wir ohnehin nicht vermutet.

Verschleierung: Wie der Ehebruch verheirateter Bürgerfrauen gedeckelt wurde

Oh, bevor ich diese kleine Frechheit hier beende: Der Eingangssatz über die Geburt des Ehebruchs wird von der Autorin reichlich an den Haaren herbeigezogen. Erstens nämlich wird die Geschichte des Ehebruchs, der für die Frau gut, für den Ex-Ehemann aber denkbar schlecht ausgeht, bereits in der Bibel erzählt (übrigens mit einem Schulterzucken: Ja, war nicht Rechtens, klar … aber dennoch …), und zweitens war nicht die Vermählung der romantischen Liebe mit der christlich-bürgerlichen Ehe Schuld an den Erzählungen über den Ehebruch, sondern die Tatsache, dass sich gewisse Ehebrüche auch bei „aller Liebe“ nicht mehr verheimlichen ließen. Das Vorbild der berühmten „Effi Briest“, die adlige Elisabeth Freiin von Plotho, wurde ja nicht wegen ihrer Affäre bekannt, sondern weil sich diese auch beim besten Willen nicht mehr verheimlichen ließ. Dazu muss man freilich wissen, dass Affären in der bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinesfalls ungewöhnlich waren. Sie mussten nur ausreichend „gedeckelt“ werden, das heißt sie mussten „in der Familie“ bleiben und duften nicht nach außen dringen.

Kaum Folgen für den Ehebruch bei Bürgerinnen

Ein Indiz dafür war unter anderem, dass die Tanten und sonstige Verwandte bei der Geburt eines Kindes antanzten, um wenigstens in der Mehrheit zu bestätigen, dass das Kind „ganz nach dem Vater“ käme – und wenn man dafür keine Indizien fand, dann kam es eben „ganz nach der Mutter“. Über biologische Feinheiten bei der Vererbung wusste man nicht viel, und ein DNA-Test war selbstverständlich zu dieser Zeit noch unbekannt. Wenn man nicht so offiziell war, sprach man schon mal davon, dass „den Namen des Vaters nur die Mutter“ kennen würde. Bürgerfrauen wurde zumeist geraten, einige Tage vor oder nach der Affäre mit dem Ehemann zu schlafen, falls die Begegnungen mit dem Liebhaber Folgen haben sollte.

Nun, nicht immer hatten außereheliche Verhältnisse solche Folgen: In den meisten Fällen war es wichtiger, die Affären vor dem Personal zu vertuschen als vor dem Ehemann, der ohnehin seinen Geschäften nachging.

Auch Bürgerinnen tauschten bisweilen Sex gegen Geld

Um das Maß vollzumachen: Als das Bürgertum in voller Blüte stand, kam manche Damen der Gesellschaft die Idee, wie sie ihr Nadelgeld erheblich auffrischen konnten: Nämlich durch Kupplerinnen, die bevorzugt Damen der Gesellschaft suchten – bei ihnen ließ sich die höchste Provision für die Vermittlung verdienen.

Ja, ich weiß, es gab sie auch, die reine Liebe – aber sie war es eben nicht immer, und auch wenn sie „reinen Herzens“ gegeben wurde, so entsprang sie nicht immer einem reinen Charakter.

Redaktion: Wir erwarten Widerspruch zu diesem Artikel. Wer hat Lust darauf?

Das verwendete Zitat erschien in der "Stuttgarter Zeitung"

Der Roman: Arno Geiger: Alles über Sally.