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Hilft uns das Denken in Liebes-Kategorien?

Was dieses Bild mit dem Thema zu tun hat? Die Antwort findet sich in einer britischen Fernsehserie.
Ich will euch einen Satz zitieren, den ich gestern gelesen habe. Er zeigt, wie man etwas plausibel beschreiben kann, aber gerade dadurch das Denken verhindert. Zitat:

Der Mensch denkt in Kategorien. Das ist so – und das ist wichtig. Denn Kategorien ordnen die Welt, machen sie übersichtlich und reduzieren sie und das Universum um uns herum auf ein begreifbares Maß.

Hübsch formuliert, und so akademisch, nicht wahr?

Das Denken beginnt erst, wenn die Kategorien überwunden werden

Aber das eigentliche Denken beginnt erst, wenn die Kategorien aufgehoben werden können und wenn wir wieder Gemeinsamkeiten finden können in unseren Unterschieden oder eben auch Unterschiede bei unseren Gemeinsamkeiten.

Mich erinnert die moderne Sexualwissenschaft an die Zeiten von Dr. Freud: Damals musste jeder, der auf sich hielt, Begriffe erfinden und zahllose neue „Syndrome“ entdecken. Ob es sich dabei um wirkliche „Syndrome“ handelte, war den Damen und Herren ziemlich schnuppe: Ruhm war eher mit neuen Etiketten zu erwerben als mit neuen Erkenntnissen. Und das Parktische Schöne daran war: Wenn ein Etikett gebraucht wurde, dann dufte auch der Laie mitreden. Komplexe Zusammenhänge? Ach du liebes Lieschen – doch nicht so etwas.

Ach, die Präferenzen - die Inflation der Etiketten

Heute rühmen sich Sexualwissenschaftler (durchaus im Kanon mit Journalisten) bestimmte Präferenzen zu katalogisieren, und dabei kommt mehr als „Hetero“ oder „Homo“ heraus. Nach und nach bekommt alles einen Namen, was zeitweilig oder beständig die Lust beflügelt – oder eben auch nicht.

Ach, ich könnte … Namen verteilen und ihnen Bedeutungen geben wie Humpty Dumpty (ich erwähnte ihn kürzlich schon). Und jedes dieser Wörter würde – am Ende gar nichts bedeuten, weil es die entsprechenden „Sexualitäten“ so gar nicht gibt. Typisch dafür sind Menschen, die „heteroflexibel“ sind, was kaum mehr heißt als: Wenn sie die Lust befällt, dann lieben sie den Menschen (auch körperlich), den sie gerade mögen: Frau oder Mann – flexibel eben.

Wird "Liebe" zum Etikett?

Ich habe gerade mal gefragt, wie Menschen eigentlich damit umgehen, dass „Liebe“ an sich schon so ein vermotteter Begriff ist, den jeder für seine Zwecke missbraucht. Das Ergebnis steht noch nicht fest, aber die Tendenz geht dahin, dass sich kaum jemand Gedanken darüber gemacht hat. „Ach, Liebe bedeutet nicht für alle das Gleiche? Wusste ich gar nicht.“

„Präferenzen“ gibt es bekanntlich nicht nur in der geschlechtlichen Identität. Du bist kein Fischer, weil du irgendwann man geangelt hast, und kein Veganer, weil du viel Salat isst. Die meisten Menschen definieren sich ohnehin über ihre Profession, was um Vieles sinnvoller ist. Hübsch wäre auch, sich über die eigene, vorherrschende Denkweise zu definieren.

Kluge Leute hindern die Bevölkerung am denken - und das soll gut sein?

Das eigentliche Problem mit den Etiketten liegt darin, dass sie von eigentlich klug sein sollenden Leuten allen aufgeklebt werden, die sie begierig annehmen. Das hat etwas mit „nicht Nachdenken“ zu tun. Ich vermeide den Begriff „Dummheit“.

Und siehe - das ist das eigentliche Problem: Nichts zu wissen. Ja nicht einmal etwas wirklich wissen zu wollen. Nur alles im Vorübergehen registrieren, was gesagt wird.

Homosexualität – wie wir Menschen (dis)-qualifizieren

Wer küsste wen - und wer begehrt wen?
Die gleichgeschlechtliche Liebe mit festen Begriffen zu bezeichnen, war das Ziel derjenigen Aktivisten, die für ihre eigene Neigung eine feste, unverfängliche Bezeichnung suchten. Am besten gelang dies zunächst Karl Heinrich Ulrichs, der die Männer, die Männer liebten, gerne als „Urninge“ bezeichnet hätte. Indessen setzt sich der Begriff nicht durch, ebenso wenig wie die „Dioninge“, die heutigen „Heterosexuellen“. Der offizielle Begriff war – recht neutral – die „Conträre Sexualempfindung“, oder – wo immer Männer betroffen waren, die „mannmännliche Liebe“.

Erst Perversion, dann Krankheit, dann Etikett

Wirklich „pathologisiert“, also mit einem Begriff der „Krankhaftigkeit“ belegt wurde die gleichgeschlechtliche Liebe 1869 durch den Psychiater Carl Friedrich Otto Westphal. Viel waren froh darüber, denn statt als „kriminell“ oder „pervers“ eingeschätzt zu werden, wurden zumindest Männer nun zu „psychisch Kranken“.

Erst Ende 1973 entschloss sich die namhafte „American Psychiatric Association“, Homosexualität vom Geruch des „Krankhaften“ zu befreien.

Gefangene in einem Schuhkarton mit Etikett

Für DICH gelesen
IDie eigentliche Schwierigkeit liegt aber in den Begriffen selbst. Sie drückt den Menschen einen Stempel auf: Entweder du bist heterosexuell oder homosexuell oder vielleicht gerade noch bisexuell. Oder noch anders „sexuell“, denn der Erfindungsreichtum der Kampagnenreiter und die Geschwätzigkeit der Journalisten bringt jedes Jahr neue Sexualitäten hervor, mit denen man sich interessant machen kann. All diese neuen Begriffe wurden, sobald man sie erschuf, auch als Etiketten verwendet – ein populäres Beispiel sind die „Asexuellen“.

Gegen den Etikettierungs-Wahn gibt es inzwischen keine Medizin mehr. Hanne Blank versuchte mit ihrem Buch „Straight“ dagegenzuhalten, aber auch sie konnte lediglich eine schmale Bresche in den Dschungel der Arroganz schlagen, jedweden Menschen sexuell einordnen zu müssen.

Hanne Blank sagt uns sinngemäß:

Das Schema, nach dem wir heute unsere Sexualität bestimmen, an sie glauben und an ihr festhalten, entspringt einem Gedankenmodell – mehr nicht.

Man könnte auch sagen: Unsere Gefühle, unser Verlangen, unsere Begierde und jedwede Verstrickung unserer Leidenschaften folgt nicht einem einzigen Modell, sondern entsteht in uns und wandelt sich in uns.

Zum Schluss ein Satz von Professor Dr. I. L. Reiss, den man für nahezu alle sexuellen Fragen nutzen kann:

Die meisten unserer Verhaltensmuster entwickeln sich allmählich und ohne festes Konzept. Später erst wird dann ihre Existenz gerechtfertigt.

Den Einwand, die sexuelle Orientierung sei kein „Verhaltensmuster“ kann man möglicherweise gelten lassen. Doch die Varianten des sexuellen Seins und Verhaltens sind mehr als nur „sexuelle Orientierung“. Und sie sind unser emotionales Eigentum, das niemand katalogisieren darf.

Quellen:
Aktuell:
Zur sexuelle Orientierung, Zeitschriften-Artikel
Bücher:
(1) Blank, Hanne: Straight , Boston 2012.
(2) Reiss: Freizügigkeit , Reinbek 1970

Und ein Hinweis:
Bevor ihr fragt: Nach dem gegenwärtigen Modell würde ich als „heterosexuell“ eingestuft. Ich schreibe aber nicht für mich, sondern um den liberalen Geist in die Welt zu bringen und die Liebenden gegen Bevormundungen aller Art zu schützen.

Was lernte ich als Redakteur der Liebeszeitung (2)?

Teil zwei: Geschlecht, sexuelle Identifikation und Lust

Der gewöhnliche, gebildete und angeblich tolerante Mensch denkt, mit dem Etikett einer sexuellen Identität sei etwas Wichtiges für andere (selten für sich selbst) gewonnen. Möglicherweise sei es sogar ein bahnbrechender Schritt, um sich endlich eindeutig zu definieren.

Nun gibt es viel sexuelle Etiketten, und jedes Jahr wird ein neues erfunden. In den letzten Jahrzehnten war es vor allem die Homosexualität, zu der sich viele bekannten. Es ist, dies sei vorausgeschickt, ihr gutes Recht. Allerdings heißt dies nicht, dass sich die Rest-Menschheit nun zur Heterosexualität bekennen muss.

Nach der üblichen Definition ist homosexuell, wer ausschließlich von der erotischen Attraktivität des gleichen Geschlechts sexuell angezogen wird und die Sexualität auch ausschließlich so auslebt.

Heterosexuelle - Erfindung von Schwarz-weiß-Denkern?

Wenn man das übliche Schwarz-weiß-Denken zugrunde legt, müssten sogenannte „Heterosexuelle“ also ausschließlich der Attraktivität des anderen Geschlechts verfallen, nur von ihm erotische angezogen werden und nur mit ihm die eigene Sexualität ausleben können.

Man muss gar nicht die Forschung bemühen, um zu beweisen, dass es diese Ausschlüsse gar nicht gibt. Denn obgleich die meisten Menschen bevorzugen, sich dem anderen Geschlecht zuzuwenden, werden sie zugleich auch von anderen attraktiven Personen „angezogen“. Mithin finden sie Gegenstände oder Beobachtungen sinnlich, die sich weder als „weiblich“ noch als „männlich“ definieren lassen und sie geben sich oft und gerne – sich selbst hin.

Wenn Sie über Liebe, Lust und Leidenschaft schreiben, werden Sie neutraler in der Beurteilung von Personen, die sich nicht an die üblichen Konventionen halten, aber kritischer gegenüber sexuellen Sektierern. Denn normalerweise lässt sich verbindlich sagen: Die Sektierer igeln sich gegenüber der Restwelt ein und bilden Ideologien, während die Unkonventionellen eher die Mauern durchbrechen.

Innerhalb der „ganz gewöhnlichen“ Menschen ist nicht klar:

1. Homosexualität ist Homosexualität und unveränderbar.
2. Homoerotische Gefühle sind bei sogenannten "Heterosexuellen" verbreitet, unterschiedlich ausgeprägt und und sie wechseln in Art und Intensität.
3. Als „homosexuell“ eingestufte Praktiken sind zunächst nur sexuelle Praktiken – sie haben mit Homosexualität gar nichts zu tun.

Wer über die Liebe schreibt, muss nahezu alle Definitionen und Etiketten überwinden können und eine menschliche Sicht auf Menschliches gewinnen. Das fällt nicht immer leicht, aber es lohnt den Versuch.