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Das Warten auf die strafende Rute des Weihnachtsmannes

Ich werde ein bisschen stottern müssen, wenn ich mein Weihnachtsgedicht aufsage. Sonst wird mich der Weihnachtsmann nicht bestrafen. Denn wäre alles vergeudete Zeit.

Ach, ich habe vergessen, von den Vorbereitungen zu sprechen. Zuerst muss der Tannenbaum geschmückt werden. Dann müssen echte Kerzen dran. Dann ziehe ich mich festlich an. Weiße Bluse, schwarzer Rock. Viel zu kurz, wie damals. Am großen Tisch in der guten Stube sitzen Großmutter und Großvater, daneben Tante Bertholda und Onkel Kasimir. Die Eltern werden nicht kommen, das wäre mir viel zu peinlich. Oh, Sie wundern sich? Meine Eltern sind längst Rentner und fliegen Weihnachten immer auf Teneriffa und genießen dort die Wärme. Und von Großmutter und Großvater stehen die Porträts auf der Festtafel – sie sind schon vor ein paar Jahrzehnten verstorben. Wo Tante Bertholda und Onkel Kasimir abgeblieben sind, weiß ich nicht so genau, aber ihr Foto steht ebenfalls auf dem Tisch.

Nun denken Sie vielleicht, diese Personen wären gar nicht anwesend, weil da nur die Fotos stehen? Ich versichere Ihnen, sie werden dort sein, sobald der Weihnachtsmann hereinkommt. Die Großeltern werden sich über mich freuen wollen, weil ich eine so schöne, glockenhelle Stimme habe. Tante Bertholda ahnt wohl, dass ich etwas vorhabe. Schließlich sagt man ihr nach, sie habe eine „eigenartige Vergangenheit“. Und Onkel Kasimir bekommt immer Stielaugen, wenn er meinen kurzen Rock sieht.

Ich zünde alle Kerzen an, und schon tappst ein Bär die Treppen herauf – das ist er, der Weihnachtsmann! Er betritt die „gute Stube“ und schon duftet alles nach Äpfeln, Rheinwein, Rum, Braten, Kerzen, Tannen und einem extrem süßlichen Damenparfüm. Das hat Tante Bertholda über sich geschüttet.

„Hast du denn auch dein Weihnachtsgedicht brav gelernt?“ Ich nicke. „Dann wirst du es jetzt aufsagen“ kommt die scharfe Stimme von Tante Bertholda. Ich stelle mich in Positur: Lichterglanz in den Augen, ein holdes Lächeln, zwei Knöpfe der Bluse frech geöffnet, mit viel zu kurzem Rock und völlig unpassenden High Heels. Ich beginne noch ganz forsch:


Zwar ist das Jahr an Festen reich,
doch ist kein Fest dem Feste gleich,
worauf wir Frauen Jahr aus Jahr ein
stets harren in süßer Lust und Pein.

O schnuckelige, wilde Weihnachtszeit,
was bringst du Lust und Geilheit …
Äh … wie in jedem Haus teilst du auch hier.
Die Gaben aus und spielst Klavier



An dieser Stelle muss ich mich hilflos umsehen, und Tante Bertholda wird keifen „Sie macht es absichtlich, sie macht es absichtlich!“

Der Weihnachtsmann wartet ein paar Minuten geduldig, dann sagt er: „Du weißt aber, was böse Mädchen erwartet, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen? Willst du es nicht noch einmal versuchen?“ Er schweigt einen Moment, verbirgt ein Lächeln hinter dem Bart „Sonst muss ich die Rute herauszuholen, und sie wird … sehr, sehr schmerzhaft auf dein Gesäß treffen.“

Tante Bertholda wendet sich nun an Onkel Kasimir: „Das ist doch, was du wolltest, du Lustmolch?“ Und Onkel Kasimir bekommt nun tatsächlich Teleskopaugen, und der Rotwein läuft ihm aus dem Winkel seines schiefen Mauls.

Ich senke den Kopf. „Ich habe das Gedicht nicht gelernt“, sage ich zum Weihnachtsmann. „Ich habe die Rute verdient.“ Dabei drehe ich ihm meine Kehrseite zu und bücke mich. „Überzeug dich, dass es sich lohnt.“

Die Großeltern sind sitzen geblieben. Stocksteif. Tante Bertholda knetet an meinen Hintern herum und Onkel Kasimir hat sich einen Stuhl besorgt, damit er auch alles genau mit ansehen kann. „Köstlich, ganz köstlich“, flüstert die Tante, „das wird ein hübsches Bild abgeben, wenn dieser wundervolle Hintern von der Rute geküsst wird.“

Es riecht plötzlich nach dieser ekligen Mischung aus Chlor, Eau de Cologne und schimmelnden Wänden. So roch es überall bei Großmutter, außer in der „Guten Stube“, wenn Weihnachten war. Da duftete es nach Zigarren, Wein, Jamaikarum und Braten und nach dem süßlichen Parfüm der Tante. Da soff Onkel Kasimir und bekam Stielaugen, wenn ich den kurzen Rock trug, und die Tante dachte an ihre bewegte Vergangenheit. Und nun stehen sie da wieder auf dem Tisch, und der Weihnachtsmann ist zurück auf das Poster an der Wand gewandert. Das Harren auf Lust und Pein erfüllt sich nicht alle Tage. Aber träumen wird man doch noch dürfen?