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Weibliche Männer – männliche Frauen

mann spielt frau


Sehr viele Menschen rümpfen die Nase, wenn sie geschminkte Männer in Frauenkleidern sehen oder maskulin wirkende Frauen in Anzügen. Doch wie sollen Menschen Literatur produzieren, ohne sich in beide Geschlechter hineinversetzen zu können?

Die Lust, einmal in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlüpfen, ist oftmals so groß wie die Furcht davor. Lediglich Schriftstellerinnen und Schriftsteller sollten beides können: Sie müssen die Gefühle beider Geschlechter so glaubhaft und lebensnah darstellen können, als wären sie selber sowohl Frau wie auch Mann. In der Regel gelingt dies dadurch, Personen des anderen Geschlechts zu kennen, die ihre Gefühle möglichst schamlos offenbaren. Dennoch liegt fast immer ein Hauch von Einseitigkeit über den Charakteren – das eigene Geschlecht wird meist eher aus der Innenperspektive, das andere aus der Außenperspektive gesehen.

Körper und Seele - unbeschreiblich fremd?

Doch wie weit kann man eigentlich in die körperlich-seelischen Vorgänge des anderen Geschlechts eindringen? Es gibt das bekannte Zitat, „kein Mann kann nachempfinden, wie es einer Frau ergeht, die ihre Schenkel für einen Mann öffnet“. Männliche Autoren mögen darüber nachdenken, doch wenn wir genau hinsehen, lassen auch weibliche Autoren zumeist aus, was sie im Augenblick der geschlechtlichen Vereinigung empfinden. Die vielen oberflächlichen Herz- und Schmerz-Geschichten aus weiblicher Hand lassen den Schluss zu, dass Frauen gar nicht beschreiben können, was sie selbst wirklich fühlen – besser ist es, „den Ball flach zu halten“ und die „dramatischen“ Geschehnisse auf die Leserinnen und Leser wirken zu lassen.

Doch wie schlüpft man eigentlich in die Rolle des anderen Geschlechts? Kann man sich nicht wenigstens ein wenig in die Empfindungen des anderen Geschlechts hineindenken, sie möglicherweise selbst entdecken?

Die Rolle als Frau schult den männlichen Blick

Ein männlicher Transvestit beantwortet die Frage: Ab dem Moment des Rollenwechsels, so berichtete er mir in einem Gespräch, sei er „ganz Frau“ und würde sich eben auch ganz anders fühlen. Das Besondere sei beispielsweise, dass er Rock, High Heels und Damenstrümpfe tragen würde – dies würde ihm ein völlig anderes Gefühl geben, denn dann können „der Wind überall heran“, was an sich schon eine wunderbare Erfahrung sei. Doch was ihn besonders anrege, sei das Gefühl, sofort als Frau wahrgenommen und behandelt zu werden – dies errege ihn am meisten, wenn er ausgehen würde.

Natürlich kann ein geschultes Auge einen Transvestiten erkennen, auch wenn er sich noch so verstellen mag. Frauen erkennen diese Männer zumeist auf den ersten Blick, doch Männer, die sich von optischem Tand eher täuschen lassen, merken es oft erst spät, was zu deutlichen Verwicklungen kommen kann. Verräterisch ist neben gewissen optischen Merkmalen am Kopf (Stirn und Adamsapfel) vor allem Stimme und Gang, während sich Brüste und Pobacken so geschickt aufkleben lassen, dass die Illusion perfekt wird. Hat ein Mann ohnehin eine „jünglingshafte“ Statur und wein weiches Gesicht, so wird die Illusion schnell perfekt: Aus dem “süßen Jungen“ wird schnell ein „süßes Mädchen“. Wer einmal einen professionellen, schlanken Travestiekünstler gesehen hat, wird schnell erkennen, wie groß die Illusion sein kann. Übrigens gibt es bei der Verwandlung von „ihm“ in „sie“ ja die üblichen Betrugsmanöver, deren sich Frauen ganz selbstverständlich bedienen: Perücken, Wimperntusche, Lidschatten, Nagellack und alles, was sonst in das Schminkköfferchen gehört. Die sogenannte „Feminisierung“ ist übrigens ein einträgliches Geschäft der Domina-Branche. Viele Männer wollen also wie eine Frau fühlen – aber können sie das auch?

Weibliche Literatur? Männliche Literatur?

Zumindest teilweise gelingt dies durchaus. Männliche Autoren haben erfolgreich unter Frauennamen geschrieben, ohne „aufgedeckt“ zu werden, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn erst umgekehrt wird ein Schuh daraus: Der größte Teil der Frauen, die körperlich-seelische Empfindungen in Büchern beschrieben haben, wurden anfangs verdächtigt, Männer zu sein. Die Autorin des Blogs „Belle de Jour“ wurde jahrelang aggressiv befehdet, ein „männlicher Journalist“ zu sein – bevor klar wurde, dass sie als Studentin tatsächlich eine „Schöne des Tages“ war - eine Art Exklusiv-Callgirl.

Es ist also nicht die Frage, ob ein Mann fühlen kann wie eine Frau, sondern ob er die Gefühle einer Frau glaubwürdig zu beschreiben weiß. Paradoxerweise glaubt das Publikum sogar, dass Männer Frauennamen annehmen, um bewusst Fehlinformationen über Frauen zu verbreiten – wie im Fall der „Belle de Jour“, oder im Fall der „Geschichte der O“.

Frauen haben Schwierigkeiten, Männer zu verkörpern

androgyn?
Nun gibt es auch Frauen, die in Männerrollen schlüpfen –zumeist ebenso spielerisch wie die Männer, aber eben deutlich seltener. Das Gesicht ungeschminkt, schmucklos, die Haare kurz, die Nägel nicht einmal farblos lackiert - das allein erschreckt viele Frauen. Doch schwierig ist für sie vor allem der Gang: Die Hüften schwingen bei Frauen nun einmal – da hilft nur Konzentration auf das Becken. Zumeist lohnt sich das „Gehen lernen“ nicht, weil es zu lange dauert. Frauen outen eine Frau in Männergestalt zumeist sofort – so etwa sagt die Inhaberin eines typischen feministischen Buchladens, dass sich Frauen und Männer ruhig verkleiden können – sie erkenne sofort, ob eine Frau oder ein Mann ihren Laden beträte – trotz alle Verkleidung.

Trotz alledem: Manche Frau hat es schon versucht. Kleine BH-Größen wie AA oder A lassen sich noch weiter verflachen, und ein weit geschnittenes Herrenhemd mit entsprechender Krawatte, unter einer Anzugjacke getragen, macht die Illusion glaubwürdiger. Wichtig, und von vielen Frauen nicht beherzigt: Nur das Beste kann dienen, vor allem bei Hemden und Schuhen. Ein Anzug ist nicht unbedingt nötig, und eine teure Tweed-Jacke verdeckt den Oberkörper besser als ein Anzug aus feinem Wollstoff.

Hetero ist der Anfang, aber nicht das Ende der Liebesliteratur

Schlanke, flachbrüstige Frauen, die ohnehin androgyn wirken, werden bald bemerken, dass sie von beiden Geschlechtern begehrt werden – auch eine Erfahrung, die manche Autorin schon in ihren Büchern verarbeitete. Denn wer das pulsierende Gefühlsleben der Menschen und ihre verborgenen Wünsche und Ängste beschreiben will, wird kaum bei der Heterosexualität stehen bleiben. Schon heute schreiben Hetero-Frauen männlich dominierte schwule Literatur ebenso wie weiblich dominierte – ohne auch nur zu erröten. Männer scheinen da größere Probleme zu haben.

Titelbild: © 2006 by zaphodsotherhead - das Bild stellt einen Mann dar, der eine Frau spielt (technisch verbessert)

Bild links: © 2009 by idhren (Original-Ausschnitt)