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Wie ist es eigentlich, zu lieben?

Was ist los mit der Liebe?
Kaum ein Wort wir so strapaziert wie „die Liebe“. Besonders pervers gehen die Philosophen damit um, die „Liebe“ für sich (und den Rest der Menschheit) bereits als „Sozialkleister“ umdefiniert haben. Wenn die Liebe unter den Menschen weilt, herrscht Friede, Freude, soziales Miteinander und das gute Gefühl, wertvoll für die Menschheit zu sein.

Natürlich haben diese Leute kein Recht, die Liebe für sich zu vereinnahmen – es ist vielmehr die Rotzfrechheit selbst ernannter Eliten, Begriffe so zu definieren, dass sie in ihr Schema passen. Ob wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes oder seine vielen Definitionen anfragen: Die Liebe IST nicht, was sie IST, sondern sie wird erst durch denjenigen zum Begriff, der sie (aktiv wie passiv) erfährt. Da können sich die Spinner aus den Elfenbeintürmen auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, oder Manuskripte vollkritzlen, so oft sie wollen, sie sind Betrüger am Begriff der Liebe. Denn allein das Individuum definiert die Liebe für sich - auf Biegen oder Brechen, und unabhängig davon, ob es damit richtig oder falsch liegt.

Wie ist es, zu lieben?

Demjenigen, der liebt, ist nicht bewusst, ob er damit etwas Sinnvolles für sich und andere tut. Und derjenige, der sich geliebt fühlt, ist auch dann nicht davon abzubringen, etwas Gute zu empfangen, wenn man ihm vor Augen führt, dass er dabei ausgebeutet wir. Dieses System von Sinnfragen, Erfüllung, Rausch, Betrug und Zweifeln geht durch alle Formen der Liebe – von der caritativen Liebe bis zu sexuelle Begierde. Ausgebeutet werden kann sowohl der ehrenamtliche Helfer wie auch die gutgläubige Zufallsbekanntschaft, und der Schmerz, geliebt zu haben und keinerlei emotionalen Gewinn daraus gezogen zu haben, überkommt gelegentlich alle, die ausdauern oder heftig geliebt haben.

Geliebt werden, weil man existiert

Man unterscheidet „im Grundsatz“ zwei Gruppen von Menschen, die sich „geliebt fühlen“: solche, die in ihrer Jugend geliebt wurden, weil sie existierten, ohne dass sie etwas für diese Liebe tun mussten, und soclhe, die geliebt wurden, wenn sie bestimmte Leistungen erbrachten. Die erste Gruppe hielt (und hält weiterhin) für selbstverständlich, geliebt zu werden. Angehörige dieser Gruppe wundern sich, wenn Ihnen die Liebe nicht gewährt oder gar entzogen wird. Im negativen Fall verzweifeln sie an sich und suchen professionelle Hilfe, im günstigen Fall finden sie jemanden, der sie bis zu einem gewissen Grad selbstlos liebt.

Geliebt werden, weil man dafür etwas tut

Die andere Gruppe weiß, dass sie für die Liebe etwas leisten muss – das heißt, sie muss emotionale Mittel oder Geldmittel aufwenden, um die Liebe stets aufs Neue zu gewinnen. Das kann bis zur Erniedrigung gehen oder (bei Männern) bis zum häufigen Bordellbesuch. Im schlimmsten Fall geraten sie an jemanden, der sie in emotionale, soziale, wirtschaftliche oder gar körperliche Abhängigkeit führt, im besten Fall finden sie jemanden, der einen günstigen „Kurs“ für die Liebe bietet oder die Emotionstaler gar 1:1 tauscht.

Irgendwo dazwischen – liebst auch du

Die meisten von uns werden sich irgendwo „dazwischen“ wiederfinden, weil wir nicht davon ausgehen konnten, jederzeit absolut selbstlos geliebt zu werden, uns andererseits aber auch nicht immer dafür anstrengen mussten. Spätestens ab der Pubertät wird ja nicht nur in „Emotionstalern“ bezahlt, sondern auch in „Gunsttalern“. Und so kommt zum Kursstand der Liebe auch noch ein weiterer Indikator für unser Ansehen: Bekommen wir Sex ohne Anstrengung oder müssen wir dafür „bezahlen“, indem wir uns anstrengen, verstellen, unterwerfen oder gar geldwerte Geschenke dafür hergeben müssen?

Liebe als Gefühl – nützlich und fragwürdig

All das ließe sich sehr einfach abhandeln, wenn wir nicht bei alldem Gefühle aktivieren würden, die uns den Kopf vernebeln. Denn wie es wirklich ist, zu lieben – das ist eine Angelegenheit, die im Kopf vor sich geht, dort bleibt und in Worte fast nicht zu fassen ist. Nur wenige Menschen lieben ihn, sie oder etwas aus einem bestimmten Grund. In Wahrheit bauen einfach eine zunächst einseitige Beziehung zu jemandem oder etwas auf. Es kann sich dabei um einen Menschen, ein Tier, eine Pflanze oder eine Antiquität handeln – das spielt zunächst keine Rolle, weil die Liebe ja noch einseitig ist. Vergegenwärtigen wir uns bitte, dass die Liebe zueinander etwas höchst Abstraktes ist – noch wesentlich abstrakter als „meine Liebe zum anderen“ oder „die Liebe des anderen zu mir“. Eigentlich ist es eine „Blackbox“, also ein Betrachtungsgegenstand, der nur durch die ein- und ausgehenden Aktionen beschrieben werden kann, dessen Inneres aber im Dunkel bleibt.

In Wahrheit – Liebe: ein Gefühl leichten Sinns

Wie ist es also, zu lieben? Die Liebe fordert uns. Sie zerrt an unseren Gefühlen, um sie in eine bestimmte Richtung zu zwingen, dun naturgemäß wehren wir uns gelegentlich dagegen. Am Ende unterliegen wir, wenn die Sehnsuchts- und Naturkräfte überwiegen. Wir geben uns der Liebe hin, stürmisch, unkeusch, tierisch und gelegentlich gar leichtsinnig.

Und wirklich zu lieben?

Oh ja, und wenn wir Glück haben, dann schwenkt uns die Liebe Sinn und Lebensqualität – aber erst sehr viel später.

Liebe – Absauger, Spender und Femmes fatales

femme fatale

Ein stabiler Mitmensch zeichnet sich vor allem dadurch aus, seinen Emotionshaushalt immer halbwegs in Ordnung zu halten. Hat man zu viel Gefühle, die hinaus wollen, so gibt man sie an die Umgebung so ab, dass niemand eine unverträgliche Überdosis bekommt. Hat man hingegen zu wenig, so versucht man eine Quelle anzuzapfen, die üblicherweise gerne ein wenig davon abgibt. Nur in der Liebe bricht zuweilen das Gefühlschaos aus – aber selbst diesen Ausnahmezustand der Natur können Menschen üblicherweise beherrschen.

Leider sind dazu nicht alle Menschen in der Lage. Mögen die allzu großzügigen Spender von Emotionen auch manchmal Unbehagen auslösen, so sind die eigentlich lästigen Mitmenschen die Sauger. Sie kommen, saugen und gehen und sagen deinen Freunden und Dir, du hättest noch lange nicht genug gegeben. Sie flehen, betteln und drohen, wenn du ihnen nicht sofort alles gibst, was sie gerade an Liebe benötigen.

Die weiblichen Exemplare der Gattung nennt man nicht ohne Grund „Vamp“ – Vampire also, Emotionssauger, Blutsauger, Gefühls-Abzocker. Früher nannte man sie auch „Femmes fatales“, eine Art von Frauen, denen man sich besser nicht nähern sollte, weil sei einen unheilvollen Einfluss auf die Männer hatten. Eigentlich sind die Femmes fatales nicht einmal Abzocker – sie tauschen ihre erotisch motivierende Gesellschaft gegen echte Gefühle, die ihnen entgegengebracht werden. Das alleine aber macht noch keine wirkliche „Femme fatale“ aus, denn auf diesen Tausch verstehen sich viele Frauen. Doch während „ganz normale Frauen“ die Kannen niemals leersaugen, die Liebe, Ansehen und gelegentlich auch ein neues Kleid garantieren, saugt die Femme fatale alles an Gefühlen ab, was verfügbar ist. Sie ist maßlos – und wenn sie alles aufgesaugt hat, was sie an Emotionen eines Menschen aufnehmen konnte, dann steigt sie über die Gefühlsleiche hinweg und sucht sich neue Opfer.

Wer einmal einem Menschen begegnet ist, der Gefühle absaugt und nie genug davon bekommt, weiß in den meisten Fällen, dass diese Menschen eine gewisse Faszination ausstrahlen, eine erotische Kraft, die unmittelbar unter die Haut geht. Es ist eine Mixtur aus vermeintlicher Stärke der Persönlichkeit, die in Wahrheit nur ein starkes Gerüst ist, und der erbärmlichen Schwäche, von den Emotionen anderer leben zu müssen.

Angesehen oder anerkannt sind sie kaum, die Blutsaugerinnen und Blutsauger. Das liegt zum Teil daran, dass sie oft gar nichts zum Tauschen haben: Nicht jeder Mensch, der sich von Emotionen andere nährt, ist eine erotisch interessante Persönlichkeit. Doch auch diejenigen, die ihre erotische Anwesenheit gegen echte Gefühle tauschen, werden schnell als Falschmünzer enttarnt: Sie können sich die angebliche erotische Kraft, die von ihnen ausgeht, anziehen und ausziehen wie ein Kleid: Sieht man sie des Nachts alleine in der Single-Wonung sitzen, verfallen sie oft wie Dracula im Sarg: Jede Faszination ist von ihnen gewichen.

Man wird selten zum Opfer eines Emotionsabsaugers, wenn man sich selbst und den Diebinnen und Dieben der Gefühle klare Grenzen setzt. Es ist besser, als „hartherzig“ angesehen zu werden, als eines Tages emotional am Boden zu liegen. Die Absaugerinnen und Absauger arbeiten so gut wie alle nach der Salami-Taktik: Gibt man ihnen eine kleine Scheibe, dann nehmen sie nach und nach die ganze Wurst. Wichtig ist aber auch, nicht nach den Lüsten zu gieren, die sie im Austausch anbieten, denn auch hier besteht sozusagen eine „umgekehrte Salamitaktik“: Erst großzügig geben, dann immer mehr einschränken.

Die Femme fatale und ihre Schwestern und Brüder sind eigentlich armselige, hilfebedürftige Menschen – aber auch Hilfe lässt sich „absaugen“. Helfer sind daher in Gefahr, selber hilflos zu werden, wenn sie einer Femme fatale helfen wollen.

Titelbild von © 2009 Sabrina Campagna




Die Liebe: Bitte schämt euch nicht für eure Gefühle



Es ist merkwürdig, aber ich habe schon lange niemanden mehr über die Liebe reden hören. Nein, ich meine keine pubertierenden Teenager, die allerlei Gedicht absondern, und keine Romanautorinnen, die ihr dümmlich-romantisierendes Kitschgesülze leider immer noch als Bestseller an Frauen jeden Alters verkaufen können.

Wen ich wirklich meine, sind die Menschen, die Liebe suchen. Es ist doch sehr eigenartig, wie das Wort „Partnersuche“, oder noch schlimmer, das Wort „Dating“ für den menschlichen Wunsch nach Liebe benutzt wird. Nun sagt bitte nicht, ich würde solche Wörter ja selber benutzen. Tatsache ist, dass mir in der Netzwelt gar keine andere Wahl bleibt.

Die Liebe ist nicht peinlich

Ich meine auch gar nicht die Medien. Ich meine alle die Menschen, die sich kaum mehr wünschen, als sich die Liebe ins Haus zu holen, aber die sich dennoch schämen, es auszusprechen. Ja, es ist wahr: in einer Zeit, in der es kaum noch jemandem peinlich ist „Sex zu haben“ (auch so ein lästiges Wortgebilde), schämen sich die Menschen offenbar, innige Gefühle zu haben: „Liebe zu suchen“ gilt in weiten Teilen der Bevölkerung bereits als unfein. Man hat keine Gefühle zu haben. Man will seine Wünsche, Ansprüche, Forderungen oder was auch immer sonst erfüllt wissen.

Wo sind die jungen Frauen, die noch sagen „ich suche eine große Liebe?“ Heute sagen sie, „ich suche einen Traummann“ und fallen damit eher auf die Stufe kleiner Mädchen zurück. Es ist erschreckend albern, einen Traummann zu suchen, und es ist sehr natürlich, nach der großen Liebe zu suchen, wenngleich auch sie wahrscheinlich eine „Nummer kleiner“ ausfallen wird.

Es muss nicht immer die „große Liebe“ sei. Die Liebe selbst ist reichlich ins Hintertreffen gekommen. Was bringt denn bitte schon die ewige Suche nach diesem absolut widerwärtigen Begriff „Mr. Right“? Können unsere jungen Frauen nicht einfach unbeschwert lieben, wie es ihnen einstmals die Mütter der Frauenbefreiung verhießen? Müssen sie wirklich so lange suchen, bis sie den „perfekten Mann“ gefunden haben? Ist es richtig, diesen Mann erst mit 35 zu suchen?

Sinnlos verlieben - warum eigentlich nicht?

Manchmal hört man es noch: „Du, ich möchte mich mal wieder wirklich so Hals über Kopf sinnlos verlieben“. Ich höre so etwas gerne, weil es so verrückt lebendig klingt, so ganz ohne Hintersinn und Abwägung. Bis an den Rand des Wahnsinns ausgebrannt werden vor Liebesglut ist sicher nicht immer erstrebenswert, aber wer wollte, im Nachhinein betrachtet, schon die Liebe vermissen, der er mit Haut und Haar verfallen war?

Das klingt anders als „Notgeil“ zu sein, sich in eine Hotelbar zu setzen und dort mit einem Gast „Sex zu haben“, nicht wahr? Es klingt auch anders als „der Mann, der mich treffen will, muss erst einmal beweisen, dass er mich auch verdient“.

Manchmal, wenn ich so nachdenke über die Zeit, insbesondere aber über die deutsche Befindlichkeit, dann merke ich, wie viel den Menschen heute entgeht mit ihrer Arroganz, ihrer „Coolness“ und der generellen Überbewertung ihrer Persönlichkeit.

Was sind wir schon? Und vor allem, was sind wir, wenn wir uns nicht mehr einlassen auf die Gewalt der Gefühle? Müssen wir wirklich unserer Umgebung diesen Popanz von Großartigkeit vorführen? Können wir nicht einfach einmal wieder schwach werden und uns ganz auf dem Meer der Sinne treiben lassen? Sicher, dazu braucht man auch Rückhalt und Kondome. Aber so etwas habt ihr doch alle, oder etwa nicht?

Warum muss ich nur immer in Hildegard Knef denken, wenn ich so etwas schreibe? Sie sang noch davon, dass der „Mensch sich für sein Gefühl“ schämt und meinet die sexuelle Hingabe (so war es damals üblich) – und heute? Heute schämen wir uns offenbar dafür, überhaupt zu lieben oder geliebt werden zu wollen.

Mein bester Rat zu den bevorstehenden Fest- und Feiertagen: Liebt, lasst euch lieben, weint Tränen der Freude und des Leids. Und schert euch den Teufel darum, was andere über euch und eure Gefühle sagen. Die geht das nämlich einen feuchten Kehricht an.

Ein kleiner Nachsatz: Mir ist bewusst, dass ich im Titel besser "Schämt euch nicht eurer Gefühle" geschrieben hätte, aber wer hätte denn das wieder gelesen?

Foto: © 2008 by Victor Bezrukov