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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Die Woche: Brüste, Gesäße, Wirkung, Verstand und Gefühle

Die „Gretchenfrage“ jeder Art von Beziehungen ist stets: „Kenne ich mich selbst genug, um zu wissen, wer ich bin und wie ich wirke?“ Nachdem dies gesagt ist, müsste eigentlich kein weiteres Wort fallen. Nur sind die meisten Gehirne inzwischen mit dubiosen Meinungen dichtgekleistert, wie „jemand zu sein hat“. Blöd ist nur: Da kommt fast immer heraus, was du sein möchtest, aber nicht das, was du bist. Die Frage, was „dem Mann an dir gefallen könnte“ musste also mal gestellt werden.

"Brüste mit Frau dran" oder Frau mit Brüsten?

Im Zusammenhang mit „körperlichen Merkmalen“ fiel mir auf, wie oft sie falsch eingeschätzt werden. Die Brüste (und damit das, was aus deiner Kleidung davon hervorsticht) werden interessiert betrachtet, aber kaum ein Mann wird eine „dauerhafte Beziehung mit deinen Brüsten“ eingehen wollen. Auch nicht mit deinem Po und deinen Beinen oder Zehennägeln.

Wer die Brüste nicht generell überschätzt? Wir sind der Frage nachgegangen, und zwar aus mehreren Sichtweisen. Eine haben wir noch zurückgehalten. Wir wollen sie in unsere neue Serie einbinden, die sich mit (angeblich) populären Gegensätzen beschäftigt. Einer davon war so hirnverbrannt, dass Kollege Gramse ihn sofort aufgriff: „Po oder Brust“? Klar, alles aus der Sicht des männlichen Blicks. Frauen interessieren sich nicht für die Brüste anderer Frauen – es sei denn, sie täten es.

Die Wahrheit über die Attraktivität

Unsichtbar geht schlecht – das war einmal eine Verballhornung des Buches „Das unsichtbare Geschlecht“, das als einziges des „Verlags Gesundheit“ wirklich Erfolg hatte. Und die „Erscheinung“ einer Person geht nicht ohne Körper, weil er alles andere trägt – sogar das Lächeln. Und da wurde ich dann tätig mit der Frage: Kannst du ohne (bewussten) Körpereinsatz gefallen? Es wäre ein gutes Thema zum Nachdenken, wie ich meine.

Etwas Abstinenz von heiklen Themen

Och – wo bleiben denn die Themen, die sich mit qualvoller Lust und lustvollen Qualen beschäftigen? Sie liegen vorläufig mal auf Eis. Und sie werden wiederkommen, sobald das echte Grauen und die echte Missachtung der Menschenwürde endlich aufhört.

Vorläufig macht die Liebeszeitung mal einen großen Bogen um allzu kontroverse Themen, aber wenn ihr Vorschläge hättet – nur her damit. Und genau in diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Wochenende, aber nicht nur das. Sondern auch möglichst liebevolle Arme (mit Menschen dran, versteht sich), in die ihr euch flüchten könnt, wenn ihr voller Angst und Zweifel seid.

Und natürlich - der Humor soll auch wiederkommen. Ich lasse die Tür gelegentlich offenstehen, damit er mich begrüßt.

Ich bin wieder da und schreibe …

Starte mit Vollgas ...
Die gute Nachricht: Meine Schreibpause ist vorbei. Unter meinem Web-Namen „Sehpferd“ werde ich ab sofort wieder für jeden tätig, der Artikel über die Welt der Lust und der Liebe benötigt. Und über viele andere Themen, wenn man mich bittet und ich etwas darüber weiß. Zum Beispiel über Kommunikation oder Gefühle.

Ich schreibe also wieder für Dich, Sie und Euch. Und die Themen sind vielfältig: alles über die Liebe, über Sinnlichkeit, Partnersuche, Sexualität, Vanille und Chili, Küsse und Schläge, Moral und Unmoral. Ihr werdet kaum jemanden finden, der so gründlich recherchiert, so tief in die banalsten Themen eintaucht und über so viel Daten und Fakten aus Gegenwart und Vergangenheit verfügt. Ich halte das Angebot das ganze Jahr 2022 aufrecht.

Per E-Mail erreicht ihr mich sicher und bequem.

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Etwas über den Funkenflug in der Liebe

Hoffnung auf die Liebesglut
Der Funke ist einfach nicht übergesprungen ... nicht beim ersten Date, nicht beim Dritten und auch bei Date Nummer 29 noch nicht. Der Beitrag, den ich las, wurde vollmundig angekündigt als „Dating: Single-Frau verrät, ab wann es keine weiteren Dates mehr gibt.“

Was dann im Artikel stand, war sozusagen „das Übliche“. Jemand, der innerlich „nicht wollte“ trifft auf jemanden, der es im Grunde will.

Nein, nein ... Ich meine dieses Mal nicht die Dating-Nomadinnen, (und Nomaden), die „mal sehen wollen, was der Markt so hergibt.“

Hier handelte es sich bemüht, Ablehnung zu signalisieren - und das liest sich dann so:

Dabei versuchte ich aber möglichst keine Situationen entstehen zu lassen, in denen er auf die Idee kommen könnte, mir näherzukommen.

Frage: Was erwartet eine Person denn noch, die von vorn herein Ablehnung signalisiert? Und was hat sie jemals erwartet?

Wie die Funken entstehen, fliegen und Lust auslösen

Wer oft sagt, dass ihm keine Schmetterlinge begegnet sind, dass Funken nicht übergesprungen sind und dergleichen, sollte sich wirklich überlegen, ob er seine Gefühlswelt nicht in die Mauser schicken sollte.

Zwei Frage, die wir vorab klären müssten:

1. „Sagt mir“ der Mensch etwas, der da vor mir sitzt?
2. Ist es schön (lustvoll, interessant) , die Zeit mit ihm zu verbringen?

Wenn du wenigstens eine dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet hast, ist es Zeit an körperliche Nähe zu denken. Erst durch sie wird der „Funkenflug“ zur Realität.

Reden wir bitte mal endlich Tacheles: Gefühle sind nicht irgendetwas Abstraktes. Sie beginnen mit empfangenen Reizen, die biochemische Prozesse auslösen. Die bemerkst du, dafür sorgt dein Körper schon. Die Zurückhaltenden unter den Autoren nennen dies körperliche Anziehung, die weniger zurückhaltenden „aufkommende Geilheit“.

Aber: Um Reize zu empfangen, ist es nötig, offen zu sein. Wenn du nicht lustvoll sehen, riechen oder hören willst und dich keinesfalls in irgendeiner Weise emotional oder körperliche berühren lassen willst - warum bleibst du dann nicht zu Hause?

Märchen und andere Scheinwelten

Das mag dir vielleicht provokativ erscheinen, aber vielleicht solltest du mal die Märchenwelt verlassen, in der eine überwältigende Gestalt auftaucht, bei der du ganz hingerissen bist.

Ja klar - es gibt die Menschen, die einander sehen, übereinander herfallen und beieinanderbleiben. Und es gibt auch diejenigen, die einander sehen und voreinander fliehen. Aber nun hör mal deutlich her: Das sind Minderheiten. Und sehr, sehr wahrscheinlich fällst du in keine dieser Gruppen.

Über Gefühle lernen heißt: Sich selbst verstehen

Und das heißt im Endeffekt: Lerne mehr über dich und deine Gefühle. Welche Funken lösen etwas in dir aus? Was entfacht „dein Feuer“? Und wie stellst du es selber an, Funken zu versprühen? Schon mal überlegt, welche Wirkung deine Körpersprache hat?

Ich verlasse dich und das Thema für heute. Aber es musste mal wieder sein: Tacheles reden, kein Herumschwafeln.

Bist du jetzt befremdet? Gut so. Denk an die Mauser. Geh mit einem anderen Gefieder ins neue Jahr. Viel Glück (ernsthaft und ohne Häme).

Dieser Artikel folgt einer alten Idee, Tacheles zu reden ohne irgendjemandem zu schmeicheln. Herumgeschwafelt wird derzeit wirklich genug.
Bild: © 2021 by Liebesverlag.de

Warum das „Fühlen“ neu erklärt werden muss - Abschnitt zwei aus "Fühlen ist ein wundersames Gefühl"

Unscharfe Begriffe, unscharfe Bilder - und du fühlst doch etwas, oder?
Wer Gefühle erklären will, begibt sich auf dünnes Eis. Die Psychologie sagt uns, dass wir mit dem „Fühlen“ seelische Vorgänge ertasten können. Was so bildhaft und poetisch dargeboten wird, muss freilich näher erläutert werden. Denn das „Fühlen“ steht nicht in „Zeichen“ die man leicht deuten und nachvollziehen kann. Es ist vielmehr ein analoger Prozess - und genau das macht das „Fühlen“ zu einem schwer beschreibbaren Vorgang.

Gefühle lassen sich schlecht beschreiben

Ein Psychologe (1) schreibt dazu:

Das Fühlen kann mitunter sehr facettenreich und weitaus differenzierter als unsere visuelle Wahrnehmung sein. Nicht umsonst gibt es Formulierungen wie „das hat mich tief berührt“ oder „das geht mir unter die Haut“.

Ich will versuchen, euch die Gefühle aus einer anderen Sichtweise nahezubringen.
Eine ausgesprochen aufschlussreiche Definition entnehme ich dem Buch „Die Kybernetik des Gehirns“ (2):

Jeder Reiz muss sich in einer Reaktion des Organismus fortsetzen und nach außen hin wieder abließen. Aber Empfindungen und damit der Reiz ist (nur dann) der Ausgangspunkt einer Leib-Seele-Reaktion, wenn die Empfindung zugleich gefühlsbetont ist (also) etwas Lockendes oder Abstoßendes für uns hat.


Dieser Satz ist deswegen so aufschlussreich, weil wir daraus entnehmen können:

1. Nicht jeder Reiz von außen erzeugt ein erkennbares Gefühl.
2. Reize müssen offenbar eine Art „Reise“ antreten, bevor sie als Gefühle wahrgenommen werden.
3. Soll es zu Emotionen kommen (also wahrnehmbare Folgen), so muss unsere Gefühlswelt von etwas angestoßen werden.


Nehmen wir an, dies wäre der Fall. Dann hätten wir also ein Gefühl, aber wir wären immer noch nicht in der Lage, es einzuordnen. Das ist nur dann verständlich, wenn wir unterstellen, dass Gefühl zunächst immer „analog“ stehen, also sozusagen „fließend und ohne nachvollziehbare Struktur“ in unser Gehirn eindringen. Für die meisten Säugetiere, auch die Primaten, ist das absolut in Ordnung. Die grundlegenden, überlebenswichtigen Gefühle sind dazu da, uns zu nähern, einander abzuweisen oder uns fortzupflanzen. Das muss der Gorilla oder Schimpanse nicht verstehen. Er lebt damit. Und wir? Wir wollen es genauer wissen.

Fühlen und Denken im 21. Jahrhundert

Aus der Sicht des 21. Jahrhunderts ist das Fühlen nicht in einem abstrakten Raum, „Psyche“ genannt, angesiedelt, sondern im Gehirn.

Dazu ist es gut, ein klein wenig über das Gehirn zu wissen. Zudem benötigen wir ein neues Vokabular, weil die bisher verwendeten Begriffe nicht mehr zutreffend sind. Und schließlich müssen wir wenigsten ungefähr wissen, wie das Gehirn auf unsere Gefühle – und damit auch auf unseren Körper – einwirken kann. Das Wichtigsten ist aber, festzuhalten, dass es kein natürliches Gebilde in unserem Körper gibt, das den Namen „Psyche“ verdient.

Was macht unser Gehirn eigentlich „mit Gefühlen“?

Stark vereinfacht verfügen wir über ein Gehirn, das entwicklungsgeschichtlich aus drei Teilen besteht. Das ist wichtig, denn jedes Teilgehirn hat eine andere Funktion. Das Stammhirn steuert sozusagen die lebenswichtigen Funktionen. Weil wir es mit den Reptilien teilen, heißt es auch Reptiliengehirn.

Unser Fühlen und Empfinden, liegt, stark vereinfacht, im „Zwischenhirn“. Das teilen wir mit all den anderen Säugetieren und es liefert uns die Impulse und Stimmungen, die wir aus der Evolution übernommen haben.

Das Großhirn schließlich ist sozusagen die Informationszentrale, aber auch das Archiv. Wir Menschen haben ein hoch entwickeltes Großhirn, sodass wir „differenziert denken“ können und vor allem eine Möglichkeit entwickelt haben, Informationen in Zeichen zu hinterlegen: Die Sprache spielt dabei die entscheidende Rolle.

Das kannst du gleich mitnehmen:

Ort des Fühlens ist nicht die Psyche
Nimm dies mit ... es hilft dir

Drei Gehirne - und eine schwierige Zusammenarbeit

Wir wissen nicht genau, wie unsere drei Gehirne miteinander kommunizieren. Hingegen wissen wir, dass sie es tun. Man nimmt an, dass der „Meister“ stets das Großhirn ist, weil es in der Lage ist, Informationen über Gefühle zu speichern, erneut abzurufen und mindestens oberflächlich in Worte zu fassen. Generell aber gilt: Wir wissen recht wenig über die Kommunikation innerhalb des Gehirns. Und je mehr Erkenntnisse wir über den Gesamtprozess gewinnen, umso mehr neue Fragen tauchen auf.

Wie Reize Gefühle auslösen

Eines der Geheimnisse will ich an einem Beispiel erläutern: Es betrifft die Verliebtheit. Sie entsteht aus dem Fortpflanzungstrieb. Über den wissen wir, dass er sehr mächtig ist, weil er den Verstand, also das rationale Handeln, vorübergehend ausschalten kann. Das Gehirn nutzt dazu körpereigene Drogen - das ist nichts Besonderes, sondern ein Auftrag der Natur. Nach allgemeiner Auffassung von Ärzten und Psychotherapeuten, aber auch anderen Wissenschaftlern, geschieht dies im Tierreich überwiegend durch Geruchsreize, beim Menschen allerdings hauptsächlich durch „Sehen und Berühren“. Dazu sagt man auch „optische und taktile Reize.

Merkwürdigerweise kann der Mensch diese Reize aber auch aus dem Gedächtnis hervorrufen, ohne dass es optische oder taktile Reize gab. Einfacher ausgedrückt: Der Mensch kann „aus dem Stand“ Gefühle entwickeln.

Zwei neue Begriffe: analog und digital

Zunächst muss ich zwei Begriffe erklären. Einen habe ich schon benutzt, benutzt, und er heißt „analog“. Eigentlich heißt das nur: Da passiert etwas, das wir nicht genau beschreiben oder verstehen können, weil es fließt, sich also ständig ändert. Wenn du Musik hörst, nimmst du sie „analog“ auf, also nicht in Noten. Die meisten von uns sind nicht in der Lage, die Noten niederzuschreiben, die sie hören. Nehmen wir einmal an, so ähnlich wäre das mit den Gefühlen. Der Musiker spielt ein Stück, und es kommt in deinem Gehirn an, ohne dass du die Noten sehen kannst. Du vermisst sie normalerweise auch nicht. Das liegt wieder daran, dass du keine Notwendigkeit siehst, sie in Noten wiederzufinden.

Das zweite Wort heißt „digital“. Es sagt aus, dass etwas in Zeichen steht. Nach dem Beispiel mit der Musik wirst du erkannt haben, dass Gefühle nicht in Zeichen in dein Gehirn eindringen. Solange du glaubst, darauf verzichten zu können, ist alles klar. Zwischen DIR und den ANDEREN gibt es einen Fluss von Gefühlen, die du nicht genau verstehen musst – es reicht, wenn du sie empfindest. Die Sprache gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn du etwas erklären musst - und das ist immer dann der Fall, wenn du dir über “deine Gefühle klar werden“ willst.

Nimm dies bitte mit:

digital und analog - wörter, dir die helfen
Nimm dies mit ... damit wird alles leichter


Warum Entscheidungen aus Gefühlen heraus schwierig sind

Was der Philosoph als „freien Willen“ bezeichnet, nenne ich hier bescheiden eine „Entscheidungsmöglichkeit“. Und an diesem Punkt wird die Sache kompliziert, denn der „Entscheidungsprozess“ der dahintersteht, ist so gut wie unerforscht. Was wir wissen, ist vor allem dies: Einerseits beruhen gerade die starken Gefühle aus intensiven biochemischen Prozessen, die wir kaum beeinflussen können. Andererseits fällen wir Entscheidungen über einen komplizierten Prozess, der von unserer Herkunft, unserer Erziehung und unserem Verständnis der Welt abhängig ist. Und nicht nur das: dabei sind auch Erfahrungen aus ähnlichen Situationen beteiligt - und manchmal die Angst vor den Folgen unserer Entscheidungen.

Achtung! Dieser Artikel wird für die Buchversion völlig neu überarbeitet udn dient nicht mehr als zweites Kapitel des Buches.

(1) Aus: Redaktion Uni.de
(2) Aus: "Die Kybernetik des Gehirns", Berlin 1970, gebundene Ausgabe.
(3) Hinweis: Wenn ihr die Begriffe „digital“ und „analog“ verwendet, werdet ihr auf Kritik der „alten“ Wissenschaften stoßen. Sie sprechen gerne von „verbal“ und „nonverbal“. Beide Worte gelten als „bildungssprachlich“. Demnach bedeutet „verbal“ „mithilfe der Sprache“ und nonverbal durch „Gestik, Mimik oder andere optische Zeichen.“ „Analog“ heißt hingen, dass ein Gefühl (noch) nicht in Sprache ausgedrückt und deshalb auch nicht in Sprache übertragen werden kann.
Warnung: Dies ist eine Original-Artikelserie © 2021 by Gebhard Roese, liebesverlag.de - alle Rechte vorbehalten.

Wie lange gibt es eigentlich Gefühle? Abschnitt 1 aus "Fühlen ist ein wundersames Gefühl "

Malte und zeichnete mehrfach sinnliche Schäferinnen: François Boucher
Das Gefühl als „menschliche Regung“ wurde erst spät in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen. Das „Sprechen über Gefühle“ gehört ohnehin erst ins 20. Jahrhundert. Zuvor wurde es nur unter Schriftstellern diskutiert, die versuchten, Gefühlen einen bildhaften schriftlichen Ausdruck zu verleihen. Und die ältesten Quellen verweisen darauf, dass der Begriff „Gefühl“ in erster Linie mit „Sinnlichkeit“ in Verbindung gebracht wurde. Auch in der Dichtung muss man das Wort mit der Lupe suchen. Als globaler Begriff für „die“ Gefühle kommen nur ausgesprochen wenige Quellen infrage, die zudem als „mundartlich“ bezeichnet werden.

Denn alle Gefühle, große und kleine,
Kommen aus der Seele alleine.


(Im Original: Mittelniederländisch, 1864, in „der leken spieghel“, übersetzt vom Autor)

Im Allgemeinen stand das „Gefühl“ aber auch stellvertretend für „die Lust“, beispielsweise:

„Sanfte Gefühle, von dir einst durchdrungen … die Schäferin war ihr Gesang“

Friedrich Karl Kasimir von Creutz, ca. 1750.

Oder, in ähnlicher Weise:

Ihr, o Schönen dieser Zeit, ihr galanten Schäferinnen,
Anders hab' ich nichts vor euch, nehmt den besten meiner Sinnen,
Nehmt das zärtliche Gefühle und die treue Redlichkeit.


Johann Christian Günther, Dichter, 1732.

Ein Konversationslexikon und der Wandel des Begriffs "Gefühl"

Wenn überhaupt von Gefühlen als „Regungen aus dem Inneren“ gesprochen und geschrieben wird, dann unter dem Stichwort „Gefühl – psychologisch“. Die neue Wissenschaft tauchte beispielsweise in „Meyers Konversationslexikon“ (1885-1892) auf. Dort wird auch bereits ein Kernsatz erwähnt, der bis heute Gültigkeit hat:

In der Natur der Gefühle ist es begründet, dass sie der äußern Darstellung und Mitteilung durch (sichtbare oder hörbare) Zeichen große Schwierigkeiten bieten.


Interessant ist dabei, dass schon 1895 die Trennung von „Gefühlen“ und „Gefühlen psychologisch“ aufgehoben wird, denn nun leitet Meyers den Abschnitt so ein:

Gefühl bezeichnet im abstrakten Sinne die Eigentümlichkeit oder Fähigkeit der Seele, durch Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen angenehm oder unangenehm berührt zu werden. Im konkreten Sinne die dadurch entstehenden mannigfaltigen Gefühle der Lust oder Unlust.

Die neue Version war offensichtlich eine Folge der Forschungen des Leipziger Professors Wilhelm Wundt (1832 – 1920), der erstmals ausführlich über Gefühle forschte.

Mal verkitscht, mal verachtet, mal überhöht: Gefühle in der Neuzeit

Seither werden Gefühle sehr unterschiedlich beurteilt. In der Literatur wie auch im Volksmund benutzt man eher das Wort selbst, während man ansonsten eher von „Emotion“ spricht. Der Begriff „Gemüt“ geht hingegen immer mehr zurück.

Im Laufe der neueren Geschichte erleben wir dreierlei: Zum einen werden Gefühle verkitscht, zum Beispiel in einschlägigen Liebesromanen. Zum Zweiten werden sie überhöht, um echte oder vermeintliche ethische Werte in den Vordergrund menschlichen Lebens zu drängen. Und zum Dritten werden sie verworfen, um dem Verstand mehr Raum zu geben.

Das kannst du für dich mitnehmen:
Nimm diesen Hinweis bitte mit ...

Im nächsten Kapitel will ich darauf eingehen, was wir heute unter „Gefühl“ verstehen und wie „Gefühlsregungen“ (Emotionen) nach heutigen Stand zustande kommen. Weitere Kapitel sind in Vorbereitung.

Achtung! Dieser Artikel wird für die Buchversion völlig neu überarbeitet udn dient nicht mehr als erstes Kapitel des Buches.

Quellen: Wörterbuchnetz (Grimm), Originalquellen dazu als Ergänzung, zum Beispiel Google Bücher und Projekt Gutenberg.Retrobibilothek und die fünfte Auflage von Meyers Konversationslexikon im Original (1895).
Bild: Das Bild passt in die Zeit, in der "Schäferin" symbolisch für eine sinnliche Geliebte stand.
Warnung: Dies ist eine Original-Artikelserie © 2021 by Gebhard Roese, liebesverlag.de