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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Homophobie, Homophilie – sind Klischees nützlich?

Nein, sie ist keine biologische Frau - aber sie fasziniert viele
Mir liegt bekanntlich nicht, über Klischees zu schreiben. Und auch wenn heute der internationale Tag gegen Homophobie ist, so verwende ich kaum noch den Begriff. Ja, es widerstrebt mir, ein aus der Sozialwissenschaft übernommenes Wort so zu verwenden, wie es diese Gruppe von Wissenschaftlern gerne hätte.

Heterosexuell sein - der aufgezwungene Begriff

Nach ihrer Auffassung ist Homophobie die Furcht vor allen Menschen, die sich anders definieren als das, was wir nur allzu gern als „heterosexuell“ beschreiben.

Doch wer beschreibt sich als „ausdrücklich heterosexuell?“ Ist es nicht eine schreckliche Übertreibung? Ist es überhaupt sinnvoll, uns selber eine Sexualität „zuzuweisen“?

Wir Menschen sehen die Muster, von denen wir erregt werden. Ein hübsches Gesäß gefällt Frauen wie Männern. Ein wunderschöner, schlanker Körper, der auffällig und aufrecht durch die Stadt getragen wird, fasziniert nahezu alle. Es ist nicht nötig, heterosexuell zu sein, um vom jeweils gleichen Geschlecht fasziniert zu sein. Und wer diese Faszination versteht, der ist weder homosexuell noch homophob noch homophil. Er ist ein Mensch, der Freude an Gestalten, Schönheiten oder Körpern hat.

Handlungen und Zuweisungen - wirklich sinnvoll?

Ich freuen mich immer, wenn Menschen „homosexuelle Handlungen“ von Homosexualität unterscheiden können - wenigstens das. Und selbst da stört mich der Begriff. Warum ist eine Handlung eine homosexuelle Handlung, wenn jemand nicht ausdrücklich homosexuell ist? Es ist eine sexuelle Handlung. Ein Kuss ist ein Kuss, eine Hand ist eine Hand, und eine Zunge ist eine Zunge.

Eigentlich ist alles sehr einfach. Solange wir nicht auf die ständigen Definitionen, Klischees und Schuhkartons hören, in die man uns ungefragt hineinzwängt, ist das Leben wundervoll. Aber jedes Etikett, das man uns aufzwingt, wertet uns ab.

Das Leben ohne Etiketten

In diesem Zusammenhang habe ich auch das Buch von Hanne Blank („Straight“, 1) gelesen, dass bezeichnenderweise noch nicht einmal ins Deutsche übersetzt wurde. Sie bezweifelt, ob es sinnvoll ist, sich als „heterosexuell“ zu bezeichnen. Und wer sich nicht ausdrücklich als „heterosexuell“ definiert, sondern als menschliches Wesen, das tun und unterlassen kann, was es will, der wird schwerlich „homophob“ werden. Also entspannt euch. Ich verstehe, warum die Vereinten Nationen diesen Tag würdigen, denn es gibt ihn ja, den Hass auf jegliche Abweichungen. Wer will, mag dort nachlesen.

(1) Hanne Blank, "Straight" , Boston 2012. Das Buch bestellt dir dein Buchhändler vor Ort.

Nichts begriffen – Homophobie und Verachtung

Nichts für Schüler? Sappho liebte anders ...


Das Wort „Homophob“ ist in Wahrheit nichts als die Verballhornung eines Begriffs. Denn wer „homophob“ ist, hat „Furcht vor Homosexualität“ oder Angst davor, mit dem eigenen Geschlecht in intime Kontakte zu treten, was ich durchaus für verständlich halte. Der Umgang mit Homosexuellen mag manche Frauen und Männer überfordern - aber sie haben ja die Chance, zu lernen.

Im öffentlichen Bewusstsein allerdings – und da liegt ein Problem – wird Homophobie gleichgesetzt mit Schwulenhass. Es klingt eben ein bisschen schicker, „homophob“ zu sein als ein Schwulenhasser, nicht wahr?

Der Springer-Journalist Matthias Matussek bezeichnet sich als „homophob“ – und meint, das sei auch gut so. Wenn es für ihn gut ist – meinetwegen. Er kann denken, was er will. Nur leider hat er es mit einer etwas abstrusen, katholisch geprägten Moralvorstellung, die er kunstvoll uminterpretiert (Zitat WELT):


Alles ist gleich, morst unser gesellschaftliches Über-Ich unserm widerborstigen Es nahezu pausenlos zu, aber offenbar ständig erfolglos. Wir möchten ins Gehirn rein, möchten unsere affektiven Einstellungen auf Vordermann bringen und scheitern doch immer wieder an diesem neuen elften Gebot: Dir soll alles, was rund um den Sex passiert, wurscht sein.


Auf diese Weise wird von Matussek zynisch uminterpretiert, was wirklich Sache ist: Eben nicht zu sagen, dass beim Sex „alles wurscht“ ist. Sondern zu sagen, was beim Sex passiert oder passieren könnte – und damit dafür zu sorgen, dass einem eben NICHT „alles wurscht“ ist.

Gedankenfreiheit nur für Journalisten, nicht für Schüler?

Der Journalist Matussek nimmt in einem absolut tendenziösen Artikel in der WELT für SICH jede Art von Gedankenfreiheit in Anspruch – das ist sein gutes Recht. Aber ers sollte wenigstens einmal einen winzigen Augenblick darüber nachdenken, dass Informations- und Gedankenfreiheit auch in der Schule gilt. Und das ist genau das, was er mit dem Welt-Artikel verhindern will. Denn letztlich zielt der Artikel eindeutig darauf abzielt, dass die „Petition von über 200.000 Eltern gegen das rot-grüne Programm einer Sexualerziehung“ genau richtig ist, und die Sexualerziehung SO eben nicht stattfinden darf.

Muss man sich so echauffieren wegen der Sexualerziehung? Darf man nicht sagen, dass dieser oder jener Dichter oder Musiker homosexuell war? Und wenn jemand nachfragt, was das ist? Muss man dann mit der Bibel herumwedeln und sagen, dass dies die Schöpfung nicht vorgesehen habe?

Möglicherweise ist Herr Matussek gar nicht „homophob“ – sondern einfach jemand, der nicht damit zurechtkommt, dass andere homosexuell sind, und dass man darüber reden muss, das es sie gibt – auch in Schulklassen.

Bild: Sappho and Erinna in a Garden at Mytilene, von Simeon Solomon, Britischer Maler