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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Ja heißt „JA“- aber was beinhaltet „Ja“?

Die Schweiz berät derzeit über eine Reform des Sexualstrafrechts. Dabei geht es um die Zustimmung oder Ablehnung von sexuellen Handlungen. Zur Debatte stehen die Veto-Lösung, also „Nein bedeutet Nein“, oder die „Zustimmungslösung“ (Nur „Ja“ heißt „Ja“).

Was akademisch und haarspalterisch klingt, hat offenbar für die Eidgenossinnen eine existenzielle Bedeutung. Allerdings schwingt dabei auch Ideologie mit. So glaubt beispielsweise eine Opferberaterin, die Veto-Lösung würde nicht ausreichen, weil das Gesetz „längst überholte und toxische Geschlechterstereotype“ zementiere (1).

Ein "Nein" ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten

Die Autorin verwendet dabei den Begriff „Passivität“ und sagt mit Recht: Passivität und Schweigen sind keine Zustimmung. Doch die Frage, die sie gar nicht erst stellt: Welche Art von Kommunikation muss ihrer Ansicht nach vorausgehen, um den Geschlechtsakt als „einvernehmlich“ zu deklarieren? Ein „Nein, ich will keinen Sex“ ist deutlich und konsequent, während ein „Ja, ich will jetzt (diese Art von) Sex mit dir“ eher ungewöhnlich klingt. Und genau solch einen Satz bringt kaum jemand über die Lippen – weder eine Frau noch ein Mann. Schließlich ist es in der heutigen Zeit nicht mehr so sicher, dass es um PiV-Sex (2) geht.

Und während ein „Nein“ wirklich „keinen Sex“ abdeckt, müsste bei der Forderung nach einem „Ja“ jede sexuelle Handlung (und Folgehandlung) abgesprochen werden.

(1) Der Artikel über die Schweizer Besonderheit erschien in der NZZ.
(2) Sex, bei dem der Penis in die Vagina eindringt.

Das späte NEIN zum Sex

Das späte „Nein“ zum Sex (und nicht nur zum Sex) behandelt einen Konflikt, über den viel zu wenig gesprochen oder geschrieben wird: Gefühle sind nicht immer eindeutig.

Es gibt eine recht bekannte Geschichte, in der zwei Menschen nach einer Party leicht angeschickert in einem Hotelzimmer landen. Sie trinkt ein paar Gläser von seinem Whisky und hat eine Vorstellung, davon, was er will - und was sie akzeptiert. Doch er will ihren Körper auf konservative Weise. Also stehen über das „wie“ zwei unterschiedliche Meinungen im Raum, und letztlich gibt es kurz vor dem Lustgewinn ein heftiges „Nein“.

Sie zog also Schuhe, Strümpfe, Strumpfhalter, Schlüpfer aus, zog ihren Rock hoch und setzte sich in den Sessel, die nackten, weißen Beine über die Armlehnen gehängt, und war bereit.

Und wie ging es aus?

Bevor er wusste, wie ihm geschah, sprang sie auf, packte Schuhe, Strümpfe und Strumpfhalter, sauste in den Korridor hinaus und schlug die Tür zu.

Ich las gerade einen Blogbeitrag, in dem es auch ein „spätes Nein“ gab. Die Frau ist, wie in der erwähnten Kurzgeschichte, in einem Zwiespalt, und zögert das „Nein“ lange heraus. Warum es „Nein“ ist? Sie weiß es selber nicht genau. Angenehmer Mensch, attraktiv. Aber ihr Gefühl passt nicht zu seinem Gefühl.

Unterschiedliche emotionale Konsequenzen von "Ja" oder "Nein"

Die generelle Frage, die sich viele stellen, ist: Warum war es ein „Ja“, obwohl ich so viel Zweifel hatte? Aber auch: Warum habe ich „Nein“ gesagt und es später bedauert? Das gilt im Grunde nicht nur für die Frage: „Hey, wie ist es mit mir, will ich ihn (oder sie) vögeln?“ Sie taucht vielmehr schon bei der Frage nach einem „weiteren Treffen auf“ auf. Das „Nein“ wird rationalisiert, begründet, mit Höflichkeit verkleistert und meist „endgültig“. Das „Ja“ für das zweite Treffen ist unverbindlich und keinesfalls bereits ein Verlöbnis.

Muss die Entscheidung wirklich "in dieser Minute" fallen?

Was ich sagen will: Es gibt außer klaren und unmissverständlichen Entscheidungen auch noch jene, die auf einer Bandbreite liegen. Und insofern ist die Haltung „ich warte mal ab, wie es mir geht, wenn …“ nicht die schlechteste Entscheidung.

Welche Wert weist du dem Sex zu?

Zurück zum Sex. Fast jede Frau erinnert sich, einmal aus „Höflichkeit oder Naivität“ ein „Ja“ zu viel gesagt zu haben. Manchmal, damit ein Mann für seine Ausdauer, seine Nettigkeit oder den Unterhaltungswert, den er immerhin hatte, noch ein bisschen belohnt wurde. „Ist doch keine große Sache“ fand eine Bekannte, die am Ende mindestens ein „kleines Geschenk“ für ihre Lover hatte, die „nett genug“ waren.

Erfahrungen mit JA, NEIN und dem "Verhandeln" über das, was sein darf

Über die „Größe der Sache“ denkt offenbar jede Frau anders. Frauen, die viele Partner im Leben hatten, wollen die Erfahrungen mit dem „Ja“ nicht missen, weil sie erst daran gelernt haben, was gut für sie ist. Und wirklich: Erfahrungen machst du nur nach einem „Ja“ – jedenfalls, wenn du es logisch siehst. Und du lernst dabei auch, wann es wirklich nötig ist, das „Nein“ konsequent auszusprechen.

Wir haben (hoffentlich) heute alle gelernt, dass die wirklichen sexuellen Wünsche nur zum Vorschein kommen, wenn wir darüber sprechen. Wenn du von jemandem Cunnilingus willst, heißt das nicht, dass du auch PiV-Sex (2) willst. Und dass du überhaupt Sex willst oder gibst, heißt nicht, dass du ihn heiraten wirst. Klare Worte helfen, und wer sie scheut, sollte wenigstens klare Gesten beherrschen.

Die Konflikte? Die bleiben vermutlich. Denn die Diskussion darüber, ob das „Nein“ ethisch korrekt ist, oder ob nur das „Ja, bitte“ wahrhaftig zählt, verschleiert, dass Gefühle oft mehrdeutig sind. Das gilt für viele Gefühle, auch solche, bei denen der Verstand eingreift. Und vergessen wir bitte nicht: schon ein Zungenkuss kann die Drogen freisetzen, die in den Menschen ein „Ja“ befeuern, auch wenn der „Funke“ zuvor nicht „übergesprungen“ war.

1.) Zitat von Chester Himes. Die Übersetzung von "Partyausklang" klingt etwas holprig, sie wurde aus Goldmann Band 6652 zitiert. (Original von 1968, Titel "Mamie Mason"). Eine britische Bloggerin führte mich dieser Tage zum Thema.
2.) PiV - Penis in Vagina.

Soll man zu ungewöhnlichem Sex “nein” sagen?

Ungewöhnliche Einladungen zu Rollenspielen? Ja oder nein?
Hast du schon einmal einen Künstler gesehen, der improvisiert? Und kam etwas Gutes dabei heraus? Ja? Und hast du dich gefragt, wie es sein kann, dass jemandem spontan Einfälle kommen?

Die Antwort ist einfach: Weil er ständig damit umgeht, und wie es ihm Freude macht, jedes Mal ein bisschen mehr Erfolg bei der Improvisation zu haben. Die Fähigkeit zu improvisieren, wächst also - wie jede andere menschliche Fähigkeit auch.

Sieh dich nun selbst an: Wenn du zu jedem Sex, der für dich ungewöhnlich ist, „nein“ sagst, dann verlierst du jedes Mal die Möglichkeit, eine neue, überraschende Erfahrung zu machen.

Sofort "NEIN" sagen oder erst nachdenken?

Beim ungewöhnlichen Sex sagen allzu viele Menschen sofort „Nein“. Natürlich haben sie alle ein Recht dazu. Aber bei jedem „Nein“ besteht die Gefahr, etwas zu versäumen, das uns bereichert. Ich weiß recht gut, dass betrügerische Haustür-Vertreter, Lüstlinge und andere elende Existenzen diese Tatsache missbrauchen. Wir haben gelernt, den Betrüger abzuwehren und den Lustmolch in die Schranken zu weisen, und genau das nutzen Betrüger und Lustmolche, um uns als „Feiglinge“ hinzustellen, falls wir „nein“ sagen. Doch wie ist es beim Sex?

Was kann eigentlich passieren?

Eine der Fragen, die du dir stellen solltest, ist immer: „Was kann schlimmstenfalls passieren?“ Du könntest auch fragen: „Was kann ich bestenfalls dabei gewinnen?“ In jedem Fall solltest du, wenn du positiv eingestimmt bist, den Satz „Warum eigentlich nicht?“ vor den Satz „auf gar keinen Fall“ stellen.

Es gibt sexuelle Spiele, die gefährlich sind – und besonders gefährlich sind sie mit völlig Fremden – aber die spielst du ja sowieso nicht.

Solltest du zum ungewöhnlichen Sex zustimmen?

Solltest du also „ja“ sagen?

Nein, auch nicht. Deine Partnerin (und viel öfter dein Partner) macht dir mit seinem Vorschlag nur ein Angebot. Er wird nicht erwarten, dass du es ohne Änderungswünsche annimmst. Aber er wird auch nicht erwarten, dass du es brüsk ablehnst, also „lass es dir das bloß nicht einfallen, du Sau“ oder „ich will nie wieder so etwas von dir hören, verstanden?“

Ungewöhnlicher Sex ist ein Angebot - mach ein Gegenangebot, wenn du willst

Wenn das Angebot absolut nicht passt, solltest du ruhig mit ihm/ihr sprechen, warum du es ablehnst. Besser ist jedoch, eigene Vorschläge einzubringen. Zum Beispiel „so stelle ich es mir nicht vor, aber wir könnten es vielleicht so machen …“. Oftmals schlagen kluge Partner auch einen Deal vor: „Wenn du das möchtest, habe ich aber auch einen Wunsch, und er lautet …“, oder auch „was du an mir tust, möchte ich dann auch an dir tun.“

Bei Paaren oft bereichernd -. sprechen über Sex

Wir wissen aus der Literatur, dass die meisten langjährigen Paare niemals mehr über Sex sprechen. Das heißt, sie praktizieren ihren Sex wie sie es zu Anfang ihrer Beziehung taten, nur viel seltener. Im Grund kannst du deswegen froh sein, wenn dein Partner sexuelle Wünsche äußert.

Klar – über manche Dinge musst du erst nachdenken – und zu manchen andren musst du dich erst in Stimmung bringen. Und einige wirst du ablehnen müssen, weil du sie nicht erträgst.

Aber darum geht es gar nicht. Viel wichtiger ist, dass du bei jedem Vorschlag wieder über euer Sexleben sprechen kannst. Findest du nicht auch, dass es sich lohnt?