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Fürchten und Gelüsten - der duale Seelenstress

Freiwillig oder unfreiwillig auf die psychische Geisterbahn geschickt zu werden, ist in der Gesellschaft offensichtlich ganz normal. Doch wenn zur Lust an der Angst auch noch die Wollust kommt, gehen die Schranken herunter. Wir dachten, das passt als Abgesang auf Halloween und andere Rituale der dunklen Jahreszeit.
Lust daran, Angst davor ... und wenn man es zusammennimmt?
Jetzt finden ja gerade wieder die Jahrmärkte statt, mit all ihren Attraktionen, die Gefahren mit Lüsten kombinieren. Ob Geisterbahnen, Achterbahnen oder weitaus moderne Fahrgeschäfte, die uns zugleich ängstigen und stimulieren: Alles scheint ganz normal zu sein. Die „Angsthasen“ bleiben draußen. In manchen Städten springen Teenager von Straßenbrücke in das unsichere Wasser der Flüsse. In Fernsehsendungen werden Ekelproben von den Teilnehmern gefordert – und nein, ich meine nicht „Bauer sucht Frau“. An manchen US-Colleges wird versucht, Neulinge (und hier besonders junge Damen) in Toilettenschüsseln zu „taufen“ – es gab und gibt noch andere unappetitliche Aufnahmerituale. Und auch vor der „Unternehmenskultur“ macht die psychische Folter manchmal nicht halt: Es gibt und gab durchaus Unternehmen, die ihre Führungskräfte auf Seminare schicken, die einer Folter in Körper, Geist und Psyche gleichen.

Es ist alles zu Ihrem Besten, nicht wahr? Tolle Aussichten. Du bekommst den Kick, bist für ein paar Minuten ein Held und - wenn du Pech hast - vielleicht für dein Leben ein Behinderter, Gestörter oder Orientierungsloser. Das Schlimme daran ist die Ausweglosigkeit - entweder du machst mit oder du bist draußen.

Erotische Rollenspiele gelten als "abartig"

Rollenspiele im erotischen Bereich gelten hingegen als „abartig“. Niemand, der sich diesen Herausforderungen aussetzt, wird als Held verehrt. Das war so, das ist so und das wird auch so bleiben. „Hast du schon gehört, was diese perverse Sau mit sich machen lässt? Der/die ist doch krank!“ - so oder ähnlich sind die Aussagen.

Die erotische Geisterbahn - Ausstieg auch während der Fahrt

In extremen erotischen Rollenspielen gibt es all diese „schrecklichen“ Dinge: Bewegungsunfähig an eine Vorrichtung gefesselt zu sein, die Angst vor den Geistern, die man wachrief. Der Schmerz, der einem durch alle Glieder geht, der Absturz aus der Höhe. Kurz: Die Angst ist allgegenwärtig, der Körper ständig gefordert, die Psyche im Dauerstress.

Doch mit einem Unterschied: Auf dem Jahrmarkt kann man nicht vor dem doppelten Looping aus der Achterbahn aussteigen. Beim S/M-Rollenspiel hingegen schon. Sicher, es kommt selten vor, weil man ja nach Möglichkeit die eigenen Grenzen erweitern will. Aber es ist möglich.

Der improvisierende Rollenspieler durchlebt echte Gefühle

Wenn du jemals in Rollenspielen mitgewirkt hast (sie müssen keinesfalls erotischer Natur sein, Psycho-Spiele eignen sich ebenso), dann weißt du, wie schnell du die auferlegte Rolle angenommen hast, wie du in ihr aufgegangen bist, sie gelebt hast. Wenn du darin der Schüler, der Gefangene, der Diener oder der Sklave warst (oder deren weibliches Pendant), dann weißt du auch, wie du die Angst tatsächlich durchlebt hast, obgleich alles nur ein Spiel war.

Der Unterschied zum Schauspieler: Der Schauspieler weiß, wie die Sache ausgeht. Der Autor des Theaterstücks hat es so festgelegt. Selbst wenn er gerade vor Wut aufschreit, bittere Tränen weint oder aus voller Kehle seinem Schmerz Aufdruck gibt: Er ist Schauspieler. Er gibt einer Figur Gestalt, die er nichts ist. Du aber musst deine eigene Geschichte erfinden und durchleben, so merkwürdig dies auch klingen mag. Die Wut kommt aus deiner Seele, der Schmerz durchzuckt deinem Körper, die Tränen sind real. Und du weißt nicht genau, was du ernten wirst, wenn du nicht abbrichst.

Wollust und Angst

Im S/M-Bereich wird das Rollenspiel um die Angst, das an sich schon erregend ist, noch mit dem Spiel mit der Wollust durchsetzt. Es ist anders, weil du die Person, die dich quält, zugleich fürchtest und liebst. Und weil du von ihr „Küsse und Schläge“ erhoffst. Und nicht ganz zuletzt, weil das Spiel irgendwann vorbei ist und du wieder über Hypotheken und den nächsten Urlaub mit ihr reden musst, wenn sie dir tatsächlich nahesteht.

Lust und Furcht, Lust und Schmerz – der duale, sinnliche Seelenstress mag vielen Leserinnen und Lesern als merkwürdig erscheinen. Aber es war ja gerade Halloween, und wenn das Grauen so lustvoll ist – warum soll dann ein erotisches Rollenspiel „pervers“ sein?