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 Liebeszeitung - eine Zeitung für die Liebe, die Lust und die Leidenschaft

Der Wahn, sich sexuell definieren zu müssen

Etikettier dich oder verpiss dich?
Die Geschichte der Heterosexualität ist kurz (1) - was leicht herauszufinden wäre, wenn man einmal genau nachschauen würde. Denn die Frauen und Männer, die sich heute als „Heteros“ definieren, tun dies lediglich, um sich von immer neuen wissenschaftlichen oder pseudo-wissenschaftlichen Begriffen abzugrenzen. Was viele Menschen nicht wissen: „Homosexuell“ ist Etikett der Wissenschaft, das noch nicht lange existiert – zuvor sprach man von „mannmännlicher Liebe“ oder von „uranischer Liebe“. Solange das Wort „Liebe“ herrschte, konnte man noch von einem sinnlichen Gefühl ausgehen, das den Mann beherrschte, der (auch?) Männer liebte. Seit man „homosexuell“ verwendet, ist ein unumkehrbarer Zustand gemeint, der ausschließlich auf die sexuelle Ausrichtung abzielt. Und schon ist der Trick gelungen: Man reduziert Frau und Mann auf die Sexualität, bevor man den Stempel hervorholt und den Menschen als „heterosexuell“ oder „homosexuell“ entwertet. Typisch ist dies für junge Frauen, die sich selbst fragen, ob sie möglicherweise „lesbisch“ sein könnten, nur weil sie sich intime Frauenfreundschaften wünschen. In Wahrheit sollten sie sich nicht einmal die Frage stellen, sondern sich darüber klar werden, wie sie sich bei diesem Wunsch fühlen.

Der Unfug, sich als Heterosexuell zu bezeichnen

Es ist absoluter Unfug, ich als „Heterosexuell“ zu bezeichnen, es sei denn, man sucht einen gegengeschlechtlichen Partner. Ansonsten ist nur Schall und Rauch, was man sexuell ist, wie man sexuell ist, wann man sexuell ist und letztendlich, mit wem man gerade lebt, herumvögelt oder sonst etwas tut, was das Volk als „sexuell“ ansieht.

Wenn die sexuelle Ausrichtung das gesamte Leben dominiert

Das Gender-Volk, das seine Heimat bei der Grünen Partei findet, sieht das leider oft anders. Für die LGBT-Gruppen ist das Geschlechtliche offenbar so wichtig, dass sie ihr gesamtes Leben aus der abweichenden Sexualität heraus definieren. Das ist einerseits verständlich, weil sich jeder, der nicht zum Mainstream der Gesellschaft zählt, erheblich mehr Gedanken darüber macht, was denn eigentlich „gewöhnlich so ist“ und was „bei ihm selbst anders ist“. Unverständlich ist hingegen, dass die unbedingt überall herumposaunt werden muss. Verständlich ist, dass jeder Abweichler Gleichgesinnte sucht und sich mit ihnen über die Abweichung austauschen möchte – unverständlich ist, dass so viele Abweichler messianische Tendenzen entwickeln.

Leben ist wesentlich mehr als die geschlechtliche Orientierung

Kann man ein Leben auf der Basis einer sexuellen Definition aufbauen? Man kann. Aber selbst der äußerst „männliche“ Mann, der alle Attribute und Klischees übererfüllt, wird damit nicht glücklich. Und die Frau, die sich als „Vollblutfrau“ oder als „mit jeder Faser Frau“ bezeichnet, ebenso nicht. Kaum jemand will ständig begehrt werden oder jemanden begehren. Es ist einfach Blödsinn, sich ständig über sein Geschlecht oder über seine geschlechtliche Orientierung zu definieren.

Die sexuelle Lust ist kein gerader Pfad

Zudem: Nicht jeder Mensch legt sich fest. Zwar behaupten die einschlägigen Gruppen, die Geschlechtlichkeit sei von Geburt an festgeschrieben. Das mag sein, heißt aber nicht, dass die sexuelle Lust ein gerader Pfad ist, der keine Anzweigungen kennt. So begreifen die meisten Menschen nicht, dass gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte nicht notwendigerweise Homosexualität voraussetzen. Sie können einfach daraus entstehen, dass der Partner des eigenen Geschlechts in der Lage ist, die Lust schneller und intensiver wachzurufen als ein Partner des anderen Geschlechts. Bespiele aus der Literatur wie aus der Praxis gibt es in Hülle und Fülle.

Eine der entscheidenden Fragen in Grenzbereich zwischen Liebe, Lust und Sexualität besteht nicht darin, wie wir uns einordnen, sondern darin wie viel Nähe wir zulassen – zu uns selbst, zum anderen Geschlecht wie auch zum gleichen Geschlecht.

Wer die Etiketten braucht, soll sie bitte schön für sich selbst verwenden – doch für die Mehrheit der Menschheit dürfte gelten, dass wir in der Sexualität ganz gut ohne derartige Etiketten auskommen.

(1) "Straight" by Hanne Blank, Boston 2012

Frauen, Normalität und Sexualität - das vertrackte Bürgertum in uns allen

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Artikels über Frauen, Heterosexualität, Bürgertum und die Etikettierungssucht der heutigen Gesellschaftsordnung. Der wzeite teil geht dann näher auf Heterosexualität ein - und entlarvt den Begriff als absolut überflüssig.
Sinnliche Blicke - aber wer schaut hier auf wen?


Die bürgerliche Welt mit ihren Wertvorstellungen, aber auch mit ihrer Verlogenheit, wohnt in uns allen. Auch heute noch, 100 Jahre nach ihrem Zusammenbruch. Überall kann man erleben, wie Scheinkämpfe zwischen Menschen, aber auch innerhalb ein und desselben Individuums ausgefochten werden. Zwischen der (wenigstens scheinbar) unendlichen Freiheit des Individuums und dem Verharren in bürgerlichen Wert- und Moralvorstellungen klaffte eine Lücke, die wir offenbar gerne mit äußerlichen Grabenkämpfen und innerlichen Konflikten füllen.

Sinnentleerte Stellungskämpfe zwischen Frauen und Männern

Täglich sehen wir es – beispielsweise in den immer noch bestehenden Stellungskämpfen zwischen Frauen und Männern, die mit ständig neuer Munition aus der populistischen Genderforschung versorgt werden. Die Ursachen sind schwer zu begreifen, aber leicht nachzuvollziehen, denn noch vor 100 Jahren „wurden“ Frauen verheiratet – und ihre eigene Meinung dazu war wenig gefragt. Sie musste nicht verliebt sein, wenn sie heiratete, ja, es wurde nicht einmal erwartet, das sie sich in ihren Ehemann verliebte. Ein geflügeltes Wort der bürgerlichen Epoche war: „Es ist beschämend, wenn ein Mann seine Ehefrau behandelt wie seine Geliebte.“ Inzwischen, so mag man einwenden, sind drei bis fünf Generationen ins Land gegangen, die Zeiten haben sich radikal verändert und selbstverständlich lieben Frauen innig und dürfen sogar ihr Lüsternheit öffentlich zeigen.

Bürgerliche Rest-Moral in uns allen -und das Gift der Romantik

Für Sie gelesen
Das mag so sein, aber alte Zöpfe werden lange getragen. Und darüber hinaus gibt es neue Schwierigkeiten und Einschränkungen. Da wäre zunächst die Frau, die auch 2014 immer noch nicht so ganz genau weiß, wohin sie die unendliche Freiheit führen soll. Das neue Ideal der beruflichen Karriere erweist sich als schwieriger als gedacht – und darüber hinaus zerstört es das lustvolle Erproben der eigenen Möglichkeiten in der Jugend. Darüber hinaus ist da das süße, schwere Gift der Romantik, das die Kultur aus der bürgerlichen Epoche „hinübergerettet“ hat.

Erinnern wir uns doch bitte kurz: Die Liebesromantik wurde erfunden, weil die Bürgertochter des 19. Jahrhunderts keine Chance auf Liebe hatte. Sie nutzte diese Droge, um sich wenigstens vorstellen zu können, wie chic eine „echte“ Liebe wäre. Und heute? Die „echte Liebe“ ist härter zu erreichen als gedacht, und die Frauen unserer Tage flüchten sich in Verliebtheit, heiße Affären und eben auch erneut in romantische träume.

Männer sind ebenso zwiegespalten: Ihnen ist die „Allmacht“ abhandengekommen, und sie werden dennoch als machtgierig angesehen. Sie sollen einen „neuen Mann“ verkörpern, aber zugleich bitte noch Gentlemen alter Schule sein und auf Wunsch der Frauen immer noch wissen, „wo es lang geht“.

Der Bildungsbürger - gierig nach Wissen, aber ohne Weisheit

Dem Bürger, der das Leben liebte und passioniert seinen Geschäften nachging, bekam bald ein Pendant zur Seite gestellt: den Bildungsbürger. Für ihn wurden gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts all jene Bücher geschrieben in denen „Gelehrte“ erläutern, was die Welt bewegt.

Ein Teil von ihnen befasste sich – nummeriert und nur für reife Menschen - mit der Sexualität. Ein noch kleinerer Teil mit der „konträren Sexualempfindung“, das die Autoren der damaligen Zeit als besonders delikat ansahen. Denn was konnte jemand anders sein als „normal“? (Wörtliches Zitat, 1)

Ist die sexuelle Entwicklung eine normale … so gestaltet sich ein bestimmter, dem Geschlecht entsprechender Charakter.


Man war damals der unverbrüchlichen Überzeugung, der Charakter selbst sei „geschlechtsspezifisch“, und ein normaler Charakter würde bei Frauen und Männern erheblich voneinander abweichen. Interessant dabei ist, wie sehr sich der zitierte Autor darauf konzentriert, „psychosexuale Hermaphroditen“ zu beschreiben, also Menschen, die sich zwar nicht willentlich, aber durch die Umstände ihrer Lebensweise für das gleiche Geschlecht entschieden haben.

„Homosexuale“ oder „Urninge“, also Menschen, die definitiv und ausschließlich Männer liebten, waren dem Psychiater hingegen rätselhaft – und blieben es auch.

Versäumen Sie nicht den zweiten Teil, der Ihnen die Augen über "Heterosexualität" öffnen könnte.

(1) Richard von Krafft-Ebing. Psychiater. "Psychopathia Sexualis".
Hinweis: Zu dieser Artikelserie wurden mehrere internet-typische Quellen nachgelesen. Benutzt wurde unter anderem auch das Archiv des Liebesverlags, einige historische Lexika, sowie das Buch "Straight" von Hanne Blank, Boston 2012. Bild: Nach einem alten Warenhauskatalog