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Unsere Singles, die Sorgen darum - und Soziologie

Verblassen die Singles in der Pandemie?
Der Titel war interessant: „Wir müssen uns um die Singles keine Sorgen machen“, hieß es da, und ich wurde so neugierig, dass ich tatsächlich die „Berliner Zeitung“ im Internet ausschlug.

Ich hätte gewarnt sein sollen. Wo Eva Illouz zitiert wird, ist das selbstgefällige Soziologengeschwätz nicht fern. Und schon fällt mir das „alleinstehende Leben“ auf die Füße. Und das geht gleich so weiter:

Wie die postmoderne Kultivierung der freien Wahl und die Mechanismen der Flexibilität neue Formen der Unverbindlichkeit erschaffen.

Nicht meine Art, Deutsch zu sprechen, denke ich im ersten Ansatz. Und im zweiten fällt mir auf, was in solchen Sätzen alles verschleiert werden kann. Zum Beispiel, dass es in dieser Welt echte Menschen gibt, nicht nur Floskeln.

Der Staat und bindungswillige Singles in der Pandemie

Aber deshalb las ich den Artikel ohnehin nicht. Ich wollte wissen, ob sich der Staat (oder die Gesellschaft, die Frau Kanzlerin, derr Herr Spahn oder „wir“) sich Sorgen machen muss oder müssen. Der holländische Staat soll sich Sorgen darüber gemacht haben, erfahre ich.

Ich bin einverstanden mit diesem Thema - ich fordere seit Jahrzehnten, Singles ernster zu nehmen. Und nicht nur das. Jedes Gemeinwesen sollte sich Sorgen um Menschen machen, die einen Partner wünschen, aber (zumindest derzeit) keinen treffen können.

Care-Netzwerke? Klingt wie vor 30 Jahren ...

Doch irgendwie ist das gar nicht das Thema der Autorin. Ich lese:

Verbindlichkeit ist demnach kein Versprechen, das sich zwei Personen gegenseitig geben, sondern das Versprechen der alleinstehenden Person an sich selbst, das notwendige Care-Netzwerk zu kultivieren. Sologamismus eben.

Gut, ich weiß notfalls was „care“ ist, und ich ahne zumindest, was die Autorin damit meint. Als ich noch wesentlich jünger war, sprach man einmal von „Wunsch- und Zweckfamilien“. Jetzt also wieder?

Wie war das nun also mit der Sorge um Singles?

Ich hätte es mir denken können: Es geht gar nicht um Singles an sich, nicht um die Bedingungen, die sie gerad jetzt bei der Partnersuche vorfinden. Es geht mal wieder um das Leben in „größeren Netzwerken“, von denen wie „CIS-Hetero-Personen“ natürlich keine Ahnung haben.

Und jetzt muss ich wohl selber (erneut) darüber nachdenken, ob Singles systemrelevant sind, wenn sie die Ungeheuerlichkeit begehen, sich nach einem einzelnen CIS-Partner zu sehnen.

Zitate: "Berliner Zeitung"

Die Liebe ist ein schillernder Begriff

Sieh hier hin, sieh dort hin ...
Manchmal werde ich daran erinnert, wie weit die Verdummung durch vermeintliche Bildung gehen kann. Wenn ihr heute von eurer „Liebe“ redet, werden sofort ein paar Neunmalkluge aufstehen und sagen: „Aber das ist gar keine Liebe, das ist Verliebtheit …“

Ich weiß nicht, wem die Neumalklugen zum Opfer gefallen sind. Humpty Dumpty (1) oder einem Star-Soziologen und Autor? Die Gemeinsamkeit von Lewis Carrolls Adaption der Figur liegt darin: Sowohl Humpty Dumpty wie auch mancher Soziologe, Theologe, Philosoph oder Psychologe maßt sich an, für uns zu definieren, was Liebe ist, oder besser: Für uns alle zu sein hat. Es ist die Arroganz der Eliten, die uns nicht sein lässt, was wir selbst sein wollen.

Verliebtheit und Liebe - ein Begriff so schwammig wie der andere

Tatsache ist, dass Verliebtheit ein ebenso schwammiger Begriff ist wie „die Liebe“ selbst. Kaum jemand wird bestreiten, dass Verliebtheit zur Liebe führen kann, auch wenn er nie von Biochemie gehört hat. Und wer behauptet, er wisse ganz genau, wie „das alles“ funktioniert, der möge hervortreten und beweisen, was er da behauptet.

Der Spagat bei der Definition von "Wertschätzung" und "Liebe"

Lexika der heutigen Zeit versuchen den Spagat: Wikipedia spricht von „Zuneigung und Wertschätzung“ und meint (Zitat,2).

(Liebe ist) ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person … die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt.

Damit ist alles und nichts gesagt. Wie „stark“ ist denn nun „stark? Und wie macht man die „Haltung“ der Personen aus? Sind Haltungen und Gefühle auch nur annähernd gleich? Und ist es im Grundsatz verwerflich, wenn Gefühle einen Zweck oder einen Nutzen hat? Wir sind Lebewesen, und die Natur hat es so eingerichtet, dass wir so gut wie gar nichts ohne „irgendeinen“ Nutzen oder eine Absicht tun.

Ich kann Wikipedia nicht verdenken, so zu argumentieren. Wer „Liebe“ definiert, betritt eine von Gefühlen durchseuchte Region, in der alles zugleich gültig und ungültig sein kann. Mit anderen Worten: Das Wort verleitet zum Schnattern.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Liebe klarer definiert

Liebe wurde in früheren Zeiten lebensnäher definiert. Ende des 19. Jahrhundert wusste man weniger, beobachtete aber gründlicher. Man nahm an, was nahe leg, ohne zu wissen, was es bedeuten könnte.

Dazu diese Zitate (Meyers, gegen 1880,3):

Liebe, das Gefühl, welches ein erstrebenswertes Gut in den Lebewesen erregt, und das in der Vereinigung mit demselben, sei es als herrschendes oder dienendes Glied, seine Befriedigung findet.

Brockhaus, ebenfalls Ende 19. JH, (4):
Liebe, im allgemeinen Sinne das mit dem Verlangen nach Besitz, Genuß oder inniger Vereinigung verbundene Gefühl der Wertschätzung eines Gegenstandes oder Wesens.


Auffällig ist, dass in diesen Formulierungen die heutigen „Überhöhungen“ fehlen. Liebe ist einfach das, was den Autoren nahe lag, was für sie und ihre Zeit offenkundig und unzweifelhaft „so“ war.

Können wir "objektiv" sagen, was Liebe ist?

Soweit es möglich ist, heute noch objektiv zu sein, gilt für die Liebe nach wie vor, dass keine unserer vielfältigen „modernen“ Definitionen zutrifft. Sie ist ein Gefühl, dass uns teils angeboren ist und dass wir andernteils erlernt haben. Und entsprechend definieren wie Liebe für uns unterschiedlich:

- Selbstlos, ohne Gegenliebe zu erwarten, aber in der Hoffnung, dass unser Verhalten positive Effekte auslöst.
- Im kalkulierten Austausch. Wir setzen nur auf die Liebe, wenn Gegenliebe wahrscheinlich ist.
oder leider auch
- Als Bettler um die Gunst anderer, weil wir erfahren haben, dass wir für Zuneigung mit Wohlverhalten oder gar Geld bezahlen müssen.


Kurz und bündig: die Liebe ist ein „unordentliches Gefühl“, also eines, dass sich nahezu jeder Einordnung widersetzt.

Die "gute" und die "böse" Liebe

Inzwischen wissen wir mehr über das Gefühl der Verliebtheit, was manche Menschen wiederum dazu verführt, einen krassen Gegensatz zwischen „Liebe“ und „Verliebtheit“ zu konstruieren. Die Verliebtheit ist dabei die „böse“ Schwester der Liebe. Denn seit wir wissen, dass sie durch körpereigene Drogen hervorgerufen wird, gilt sie als animalischer und wertloser Teil der Liebe – falls die Verliebtheit nach Meinung der Besserwisser überhaupt noch zur “Liebe“ zählt. Dabei wäre freilich anzumerken, dass auch die Grundlage der angeblich so edle Teil der Liebe nichts anderes als eine evolutionäre Disposition ist.

Wie kann man so arrogant sein wie unsere angeblichen Eliten? Nur, wenn man unterstellt, dass die Natur zwischen einer „guten“ und einer „bösen“ Liebe trennen würde.

Zwei Gaben der Natur und der Evolution - Verliebtheit und Liebe

Indessen sollten wir bedenken: Keine Gabe der Natur existiert grundlos. Ohne das Gefühl der Verliebtheit würden wir nicht einmal zusammenkommen – warum sollten wir auch? Überhaupt wird dieses Gefühl zwar durch körpereigene Drogen beflügelt, aber der ganze Prozess muss ja erst einmal durchs Gehirn – und ich möchte den Professor sehen, der uns detailliert erläutern kann, wie das funktioniert. Und weil das so ist, können wir auch nicht voraussagen, was „am Ende herauskommt“.

Übrigens: Egal, wie wir „die Liebe“ zu unseren Mitmenschen erlernt haben oder derzeit gerade erleben – sie ist dennoch eine Erfindung der Evolution. Und sie wird ebenso biochemisch beeinflusst. Dabei sorgt unser Gehirn eben auch dafür, dass wir zusammen kommen, zusammen bleiben oder auch wieder Abstand voneinander halten.

(1) "When I use a word," Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, "it means just what I choose it to mean—neither more nor less." "The question is," said Alice, "whether you can make words mean so many different things." "The question is," said Humpty Dumpty, "which is to be master—that's all."
(2) Wikipedia.
(3) Retrobibliothek
(4) Do, jedoch Brockhaus.
Hinweis: Der Artikel wurde am 3.11.zunächst in einer anderen Version hier eingestellt..

Die Natur und die Liebe

Die Natur schafft Lebewesen ...
Wir müssen reden. Über die Liebe. Ja, über die Liebe.

Zunächst sollten wir feststellen, dass wir zu allererst Teil der Natur sind. Noch bevor wir im Ansatz denken konnten, waren wir Natur. Ich habe neulich einen Säugling auf dem Arm der Mutter gesehen – ich sehe wenige kleine Kinder, weil ich nicht dort bin, wo sie sind. Er unterschied sich im Verhalten nicht sehr von meinem Lieblings-Gorillababy im Leipziger Zoo (oben).

Wir sind ein Teil der Natur

Nachdem ich dies gesagt habe, wiederhole ich: Wir sind ein Teil der Natur, und die Natur bleibt in uns. Sie verabschiedet sich nicht eines Tages und sagt: „Ach ich schäme mich so für dich, Geisteswesen, deswegen hau ich jetzt ab.“ Im Gegenteil: Sie fordert ihre Rechte.

Die Mehrheit sieht die Liebe als ihr "eigen" an

Ich denke, für 90 Prozent der Bevölkerung (wenn nicht noch mehr) ist die Liebe eine wundervolle, wenngleich nicht leicht zu erwerbende Wonne, die auf naturgegebenen, vom Geist etwas modifizierten Regeln beruht. Liebe ist für uns so gut wie immer Nähe, Innigkeit der Gefühle, intime Berührung. Wer Liebe lediglich als Sozialkitt begreift, liegt zwar nicht falsch, denn auch die Rudel- oder Familienbindung stammt von der Natur – sozusagen „jede Spezies nach ihrer Art“. In der Form des reinen „Zusammenhalts“ finden wir in der Soziologie. Dort wird Liebe gelegentlich „als ein gesellschaftlich wirkendes Symbol für Interaktionen betrachtet“ – schon die Wortwahl zeigt: Da werden Gefühle verschleiert und Worten wird eine neue Bedeutung gegeben, um eine Theorie daraus abzuleiten. Humpty Dumpty (1) lässt grüßen.

Nur wenige vereinnahmen die Liebe für sich

Womit wir bei den zehn Prozent wären, für die Liebe nichts Sinnliches ist. Zu ihnen gehören Soziologen, Sophisten und Pfarrer. Die Soziologen und Sophisten sezieren die Liebe, bis sie letztlich leblos am Boden liegt, und die Pfarrer interpretieren das Liebesgebot ihres Religionsstifters – aber so, als ob es eben nicht zur Natur gehöre.

„Liebe“ ist in Wahrheit kein Wert „an sich“, sondern die Bedeutung und damit der Wert der Liebe entsteht durch uns selbst. Durch unsere Entwicklung, namentlich durch die Qualität unsere Begegnungen von Jugend an.

Wie Liebe erfahren wird

Wer in der Jugend kaum Liebe erlebt hat, hält sie für ein begehrenswertes Gut, das später teuer erkauft werden muss: durch Wohlanstand, Gefälligkeiten und gelegentlich auch durch Geschenke. Wenn jemand weiterhin daran scheitert, Liebe zu erwerben, läuft er Gefahr, in Abhängigkeiten zu geraten, die ihn bedrohen.

Anders jene, die in ihrer Jugend alle Liebe dieser Welt geschenkt bekamen. Sie bleiben unbekümmert und wundern sich, wenn jemand für die Liebe einen Wegzoll fordert. Obgleich sie sich anzupassen wissen, verweigern sie doch die Forderung nach „Liebe nur bei Leistung oder Wohlverhalten“. Weil sie sich beständig weigern, sich den Gesetzen des Wohlwollens zu unterwerfen, erschaffen sie sich selbst als Persönlichkeit. Und werden geliebt, weil sie Persönlichkeiten geworden sind.

Sicher – beide Wege sind extrem dargestellt. Das Beispiel soll auch nur zeigen, dass Liebe höchst individuell erlebt wird und keinem „Wertesystem“ folgt.

Zuneigung ist ein Element der Natur, das nicht untersucht werden muss. Es ist Natur pur, mal Zufall, mal das Ergebnis einer langen Suche. Und Liebe ist nach wie vor das Wort, das wir für die innige Zuneigung nutzen sollten. Auf andere Definition können wir wirklich verzichten.

(1) Nach Lewis Carroll. Humpty Dumpty sagt, er könne jedem Wort die Bedeutung geben, die er sich wünscht. "The Question is, which is to be master - thats's all.