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Nicht weglaufen, wenn du verliebt bist

Wie inzwischen bekannt sein dürfte, beantworte ich nahezu alle Fragen „rund um die Liebe“. Dieser Tage wurde ich nun gefragt, was man auf keinen Fall sofort tun sollte, wenn man spürt, dass man sich verliebt hat.

Ich gebe den Rat gerne weiter:

Auf keinen Fall weglaufen.

Ich weiß wirklich nicht, was sich Fragesteller denken - haben sie erwartet, dass ich schreibe „auf keinen Fall mit ihr/im Schlafen?“ Oder „Nicht in die Innere Mongolei reisen“?

„Verliebtheit“ ist ein sehr dehnbarer Begriff. Er steht für ein Gefühl, das uns anweht wir ein sanfter Frühlingswind oder und fortreißt wie ein Orkan. Es ist die Vorstufe zu einer langen, schönen Liebe oder zum mitreißenden Geschlechtsakt - und ja, die Verliebtheit kann gefährlich werden.

Wisst ihr, das Leben ist immer und überall ein Risiko. Es beinhaltet Chancen, die wir verspielen oder in Erfolge wandeln können. Und es gibt Menschen, die uns ständig mahnen, dies zu tun und jenes auf keinen Fall zu tun. Nur - kein einziger dieser Menschen will oder wird jemals unser Leben führen - nicht eine Minute.

Also: Lauft nicht weg, nur weil ihr verliebt seid. Sondern macht das Beste daraus, was euch möglich ist.

Wahn und Wirklichkeit in der Liebe

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Die Liebe erwischt früher oder später jeden – nun ja, fast jeden. Wer nicht von ihr angerührt, bewegt oder gefesselt werden will, muss schon Eremit werden, denn die Liebe lockt überall – und sie befällt uns wie eine merkwürdige Krankheit, deren Erreger nicht immer eindeutig feststellbar ist. Kein Wunder, dass man diesen Zustand früher oft als Liebesfieber bezeichnete – oder wie es im Schlagertext heißt „dieses Fieber gab es schon immer, Medizin gab es nie dafür.“

Die Liebe trifft uns bisweilen wie der Blitz, aber dann auch wieder wie ein schleichendes Gift. „Du gehst mir unter die Haut“, sagt der Volksmund, und es ist wahrlich nicht nur das „kleine“ Stückchen, das Liebende bisweilen ineinander stecken, um „unter die Haut“ zu kommen. „Irgendwie“ fühlt sich alles anders an, riecht anders, schmeckt anders und sieht anders aus, und der andere steckt im Hirn fest und will nicht wieder heraus.

Biologie: Alles Hormone oder was?

Nun, die Biologen haben es einfach. Sie sagen, es muss so sein: Säugetiere wären ziemlich faul, und sie würden so gut wie ausschließlich ökonomisch mit ihrem Körper umgehen – wenn da nicht diese kleinen körpereigenen Drogen wären, die Mutter Natur zu Fortpflanzungszwecken erfunden hat. Drogenzufluss aufmachen – Hirn vernebeln - Genitalien durchbluten. Dann macht das Männchen die Affentänzchen und das Weibchen wird mauschig. Jedenfalls bei den Viechern. Menschen haben viel komplizierte Denkstrukturen – da werden schon mal sämtliche Mauern gesprengt, wenn das Hirn von dem süßen Gift der Liebe beschlichen wird.

Die Jugend hat es schwer, die Liebe zu lernen

Die Jugend muss erproben, damit umzugehen – eine ziemlich schwierige Aufgabe, vor allem für Mädchen. Sie müssen lernen, sich durch den Dschungel der Sehnsüchte und Verführungen zu kämpfen. Sie wollen als Frau anerkannt und geachtet werden, aber zugleich lernen, wie sie Liebe schenken und annehmen können. Trotz aller Aufrufe selbst ernannter Moralisten, dies alles zu verschieben, will kaum ein Mädchen „bis zum Eingehen einer Ehe“ warten. „Keine Schlampe werden, aber eine richtige Frau“, lautet die Formen vereinfacht. Die Jungs sehen es nach außen lockerer, haben aber genau so viel Probleme, sich zugleich als Macho und Sozialmann zu präsentieren – und sie haben auch ihre Sorgen und Nöte mit den Hormonen, die ihren Körper heftig rütteln.

Gefahren durch die "Droge Liebe"

Das heftige Irrsein, das mit der Liebe oft einhergeht, ist nötig, birgt aber auch Gefahren. Einige Menschen verlernen unter dem Einfluss von Drogen – seine es körpereigene oder fremd zugeführte – den Normalzustand wieder herstellen zu können. Soweit es die Liebe betrifft, bleiben sie verliebt, vernarrt und verbohrt, auch wenn die Beziehung schon beendet ist. Dann ist Hilfe dringend nötig, um nicht im Liebeswahn zu verharren. Inzwischen kennen wir die Muster: „Klar hat er eine andere, das weiß ich – aber er liebt nur mich“. Wer soweit ist, der ist nur noch schwer ansprechbar.

Normalerweise freilich hat der Körper Selbstschutzmechanismen, die das Irrwerden verhindern. Die Verliebtheit lässt nach einer Weile nach und der Wahn entfleucht dem Hirn. Nach und nach erkennt man die Mechanismen, und man lernt, damit umzugehen: Manche Menschen spielen weiterhin mit dem Liebeswahn, setzen in der Liebe voll auf Risiko und erleben ihre Lieben heftig mit Lust und Leidenschaft. Andere genießen die Liebe wie ein gutes Abendessen, nehmen die Tage und Nächte, wie sie kommen, und wieder andere verstehen, die Liebe ganz natürlich in ihr Leben einzubauen, so, als sei dies ganz einfach.

Verliebtheit ist nicht Liebe - wie wir Liebe erdenken

Noch etwas anderes bemerken wir zumeist erst, wenn wir erwachsener werden: „Verliebtheit“ und „Liebe“ sind zweierlei. Das menschliche Hirn hat eine merkwürdige Eigenschaft: Es bildet Modelle der Realität ab, die auch ohne den aktuellen Bezug zur Wirklichkeit handlungsfähig sind. Wäre das nicht so, so könnten wir uns niemals auf eine Situation (beispielweise ein Bewerbungsgespräch) vorbereiten. Wir können also auch verliebt sein, ohne aktuell geliebt zu werden. Der Mann oder die Frau unseres Modells kann andere Eigenschaften haben als der Mann oder die Frau, die wir wirklich im Alltag lieben. Wir idealisieren oft unsere Modelle, wir „denken sie uns schön“.

Nur der selbstbewusste Erwachsene kann den Unterschied erkennen – und nur er kann auch entscheiden, ihn zu ignorieren. Es ist – wir schrieben schon zuvor über die Illusion zu lieben – nicht immer falsch, Illusionen anzuhängen, wenn man es bewusst tut. Man kann sich also die Liebe „schön denken“, auch ohne Schaden zu nehmen, und so nimmt sich dann eben die Dame um die 40 ihren 20-jährigen Lover und schwebt auf Wolke sieben –ich bin ziemlich sicher, dass die meisten dieser Frauen einen Fallschirm dabei haben, falls sich die Wolke ins Nichts auflösen sollte.

Titelfoto © 2009 by kelsey lovefusionphoto