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Dates mit Schriftstellern und andere Schwierigkeiten

Lesen bildet - aber was bedeutet ein Date mit einem Schriftsteller?


Das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann, ist die Frage: „Was schreiben Sie denn eigentlich?“ Da ist so, als ob man einen Spüler fragt: „Was spülen Sie denn eigentlich?“ Oder einen Programmierer: „Was programmieren Sie den eigentlich?“ Allerdings wäre da ein Unterschied: Die meisten Leute glauben, Schriftsteller schreiben Romane, die man im Buchhandel kaufen kann. Nur wenige wissen, dass alles, was geschrieben wird, bei Schriftstellern in Auftrag gegeben werden kann.

Dominas und andere Kunden der schreibenden Zunft

Die Domina, die ihre Webseiten mit halbseidenen Informationen über ihre Tätigkeit zu füllen gedenkt, will, der Holzhändler, der ein paar interessante Tatsachen über seine Produkte veröffentlichen will, die Kommune, die eine Beschreibung eines Zoo-Rundgangs für eine Druckschrift wünscht – sie alle werden Kunden bei Schriftstellern.

Überzeugungstäter oder Schreibhure?

Daraus folgt: Ein Schriftsteller kann sich kaum leisten, aus Überzeugung zu schreiben. Er lernt bald, Wortjongleur zu werden und sich in die Geheimnisse des Textens einzuarbeiten. Klar sind Seitensprünge nicht eheförderlich, aber sind sie deswegen schon ehefeindlich? Klar ist die Domina ein fragwürdiger Beruf, aber ist sie nicht eigentlich eine Art Psychotherapeutin? Klar verschwenden Versandhändler wertvolle Ressourcen, aber dafür weniger als der Wettbewerb.

Der Schriftsteller redet sich ein, keine Schreibhure zu sein, auch wenn er eine ist. Er will Ihnen gegenüber beim Date ehrlich sein, aber das kann er gar nicht. Nehmen wir an, der Schriftsteller sei ein Mann. Dann sind Sie die weibliche Figur, die es zu beobachten gilt. Wie oft sich Ihre Lider senken, wie sorgfältig ihre Finger bemalt sind und welche Farbe sie wählten, wie ihre Gesichtszüge sich beim Lügen verzerrten, und natürlich – wie hoch die Bluse geknöpft oder wie tief das Kleid ausgeschnitten war. Klar wird er sie zum Vorbild eine seiner nächsten Protagonisten machen, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Er wird ihre feuchten Hände zu Papier bringen und ihre nervös wippenden Fingerspitzen, ihre Unsicherheit, ob Sie ihre Bereitschaft zu einer amourösen Affäre zeigen sollen oder nicht. Das Dumme daran ist: Er wird es auch tun, wenn es nicht stimmt. Ob Sie in seiner nächsten Kurzgeschichte in seinem Bett landen oder nicht, ist nicht davon abhängig, ob sie sich dort tatsächlich befanden. Er ist Schriftsteller. Haben Sie das schon vergessen?

Niemand kann sicher sein, nicht benutzt zu werden

Sie erschrecken? „Aber du wirst doch nichts von uns schreiben, nicht wahr?“ Nein, nichts sofort, aber später. Nehmen Sie an, sie seinen eine Frau gegen 40, eine mäßig erfolgreiche Schriftstellerin. Sie sollen nun eine Novelle schreiben über eine 50-jährige, die sich einen Zuckerjungen schnappt und so tief in ihr Spinnennetz einbindet, dass er nicht mehr zu fliehen wagt. Nun gut – wenn Sie es nicht abschreiben wollen (was auch viele tun), dann müssen Sie es sorgfältig recherchieren, aber damit haben sie nicht viel gewonnen, weil man beim Recherchieren nichts fühlt. Was werden Sie also tun? Wenn sie einmal etwas Ähnliches erfahren haben, und wirklich gut sind, dann hilft Ihnen Ihre Fantasie. Blanche Dubois ist nicht Tennessee Williams, nicht wahr? Dennoch schafft er es, sich in diese Frau hineinzuversetzen. Aber werden Sie es schaffen? Besser wäre, sich einmal so ein männliches Spielzeug ins Haus zu holen, als Anschauungsmaterial. „Bitte scheib niemals über das, was wir getan haben“, wird ihr süßer Fratz sagen und dabei an seien Freundin Ingelore denken, die ihn aber ein bisschen auf Distanz hält, was die Erfüllung seiner sexuellen Wünsche anbelangt. Sie werden es versprechen – und dennoch darüber schreiben. Was denn sonst?

Das Blind Date mit der schreibenden Person - ein Risiko?

Wenn eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller ein Blind Date mit Ihnen hat, ohne gerade ein Buch zu schreiben, dann hat er/sie eine Erfahrung, die bei ihm/ihr nicht zu oft vorkommt. Nun gilt es also, zu überlegen, wie man diese Erfahrung zu Papier bringt. Die dümmlichen Schilderungen zwischen Sachbuch, Männerverunglimpfung und angeblichem Humor füllen inzwischen die Regale: Lesefutter für frustrierte Zicken. Wie edel es doch ist, Sex für eine Nacht abzulehnen, nicht wahr? Und wie gut es sich macht, zu sagen, dass Männer überhaupt und sowieso nur bumsen wollen und am nächsten Tag weg sind? Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in personalisierten Erlebnisberichten immer nur, wobei sie „gut ausgesehen haben“, jedenfalls aus der Sicht der Leser(innen). Sie werden selten lesen, dass eine Frau aus nackter Begierde mit ihrem Blind Date Partner im Bett landete und sich beim Orgasmus die Seele aus dem Leib schrie. Im Sachbuch wird es heißen: „Wieder eine negative Erfahrung, und wieder ein Scheißkerl, der nur Sex wollte“.

Der Lover aus Ihrem Buch - und Sie

Oh, das sollte ich noch erwähnen: Wenn Sie tatsächlich jemals einen Roman geschrieben haben, der im Buchhandel herumsteht, und sei es in der hintersten Ecke: Ihr(e) Dating-Partner(in) wird annehmen, dass sie einem der Charaktere ähneln, was möglicherweise desaströs für Sie sein kann. Merkwürdig – niemand hält einen Kriminalroman-Autor für einen Kommissar, Privatdetektiv oder Mörder, aber in einer Novelle über die Liebe glauben die Leser, die Wünsche und mögliche Abgründe der Autorin oder des Autors zu erkennen.

Die Liebe - selten minutiös geschildert

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass kaum ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin das Geschehen während eines Geschlechtsaktes minutiös in Worte fasst? Ich meine dabei: weder emotional noch körperlich? Dabei würden gerade die Vorgänge um das, was neu ist, wovor man sich vielleicht noch fürchtet, genügend Stoff für lange, ausführliche und überaus bewegende Schilderungen der erotischen Emotionen geben.

Nun gut – nichts mehr davon. Schreiben wir wieder vom Oberflächlichen: Vom falschen Schmerz, von kitschigem Mitleid und willkürlichem Mitfühlen – schreiben wir also weiter den üblichen Schund. Oh – und natürlich für Dominas, Holzhändler und Kommunen.

Bild: "La liseuse de romans" - Die Romanleserin - Antoine Joseph Wiertz (1806 - 1865)

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