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Du schreibst doch nicht etwa über uns?

Das Telefon macht Lärm. Ich hasse Telefone, die vor der Mittagszeit klingeln und die Menschen, die mich damit stören. Rebecca ist dran, sehr erregt. „Du ich muss dich dringend sofort sprechen, es handelt sich um etwas sehr Wichtiges.“ „Kann nicht sein“, antworte ich, „das kannst du heute noch gar nicht wissen.“ Verblüffung erkennt man am Telefon an zu langen Pausen.“Was kann ich noch nicht wissen?“ „Ob du schwanger bist“, sage ich kühl.

Leichte Empörung, spröder Ton: „Das ist es nicht. Es ist etwas Wichtiges, wirklich.“

„Wenn es wichtig ist, dann sage es einfach.“

„Du hast vorgestern gesagt du schreibst über … alles, was dir passiert, nicht wahr?“ Ich schwanke einen Moment zwischen „ja“ und „nein“. Ein „Ja“ hätte sie eher provoziert, aber ein „Nein“ käme der Wahrheit näher, also sagte ich schließlich, „Nein, ich schreibe nie darüber, was mir wirklich passiert.“

Wieder schweigen … dann zaghaft „du hast es aber doch gesagt.“ Ich versuchte mich, in die Gehirnwindungen einer Sekretärin hineinzuversetzen. Sicher hatte ich gesagt, dass ich Anregungen aus meinem Leben in Geschichten einarbeite … aber ich hatte mein ganzes Leben gemeint. Nicht Rebecca. Nicht die Nacht von vorgestern auf gestern. Überhaupt begann die Affäre erst kurz vor Mitternacht und sie dauerte nicht einmal bis zum Frühstück. „Wir können unmöglich zusammen frühstücken, was ist, wenn die Leute sehen, was wir getan haben?“ Typisch Sekretärin.

Um etwas zu sagen, antworte ich ihr schließlich: „Gut, ich arbeite manchmal Erlebnisse in Geschichten mit ein. Irgendwelche Erlebnisse, ganz egal, wann und wie sie stattfanden.“ Rebecca lässt nicht locker: „Und wenn es wichtig war, schreibst du dann darüber?“ Ich grinse in mich hinein. Können Frauen niemals das fragen, was sie wirklich fragen wollen? Etwa: „Möchtest du dich noch einmal mit mir treffen?“ Ich beschließe, den Unterton zu überhören und die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten: „Nein, wenn es für mich wirklich wichtig ist, schreibe ich niemals darüber.“ Wieder eine Pause, und schließlich: „Ich muss es aber genau wissen: Du schreibst doch nicht etwa über uns beide?“ „Ich denke gar nicht daran, über uns beide zu schreiben, wie kommst du darauf?“ Eine kleine Pause, offenbar ein Schlucken, und dann dieser Satz: „Dann war es gestern Nacht also wichtig für dich?“

Nun war es an der Zeit, diplomatisch zu werden.

„Die Nacht war schön, und du warst himmlisch, aber es war nicht sehr wichtig. Es wird mein Leben nicht ändern und deines hoffentlich auch nicht.“

„Wenn es aber nicht wichtig ist, dann schreibst du vielleicht doch darüber … ich will es aber nicht. Du darfst nicht über uns schreiben. Mein Mann könnte es lesen.“
„Doch ich darf – ich will aber nicht.“
„Ist das sicher?“
„Nein, es ist nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich.
„Also bedeute ich dir nicht viel?“
„Das habe ich nicht gesagt. Aber ich schreibe nicht über uns.“

Eine Pause. Dann ein Seufzen. „Wenn du über uns schreiben würdest, wie würdest du mich beschreiben? Aber sei bitte ehrlich!“

Ich überlege kurz: Wenn eine Frau einen Mann sagt, er solle ehrlich sein, dann will sie, dass er sie belügt. Ich will sie aber nicht belügen, weil sie dann daraus schließt, dass ich noch Interesse habe. Also sage ich die Wahrheit.

„Als eine Frau, die so enttäuscht von ihrem Mann war, dass sie sogar mit mir geschlafen hat.“
„Mehr nicht?“
„Nein, mehr sicher nicht.“
„Du bist ein Dreckskerl!“
„Meinetwegen. Was das alles, was du mir Wichtiges sagen wolltest?“

Sie legt abrupt auf.

Daraufhin beschließe ich, diese Geschichte zu schreiben. Rebeccas Mann wird sie niemals lesen.

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