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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Paartherapeuten kontra „Matching-Experten“

Manchmal wollen uns die modernen, willfährigen Psychologen klar machen, es gäbe nur noch eine psychologische Weltsicht: die, mit der man auf elegante Art Geld scheffeln kann.

Beispiel: Diese Psychologen (und nur sie) wollen angeblich die Kriterien kennen, die Paare zusammenhalten, in der Fachsprache „Matchingkriterien“ genannt.

Merkwürdig, dass Paartherapeuten über solche Fragen ganz anderer Meinung sind, nicht wahr? Unsere Redaktion hat sich umgehört und ist dabei auf völlig andere Ergebnisse gekommen als die Psychologen, die für Online-Partneragenturen arbeiten.

Der Wortbetrug: „Soziales Netzwerk“

netzwerk

Es ist an der Zeit, sich über soziale Netzwerke zu unterhalten, und zwar radikal: Inzwischen wissen nämlich die meisten Menschen nicht mehr, was sie sind. Netzwerke sind nämlich tatsächlich „Vernetzungen“ zwischen Menschen, die dadurch in die Lage versetzt werden, gemeinsam zu denken und zu handeln, wobei das „sozial“ eigentlich nur ein Fremdwort für „gemeinschaftlich“ ist – man bildet also gemeinsam und auf Gegenseitigkeit eine Vernetzung an oder nutzt eine bereits bestehende Vernetzung, um sich ihr anzuschließen. Die Familie ist ein natürliches Netzwerk, die Schulklasse oder Arbeitsgruppe ist ein zwar künstliches, aber über lange Zeit beständiges Netzwerk, und die Gewerkschaft oder der Berufsverband sind Interessengruppen mit sozialem Netzwerkcharakter.

In Deutschland heißt „Netzwerk“ eigentlich „Verbund“ oder auch „Verband“, womit seine Nähe zum Verein von gleichgesinnten hervorgehoben wird. Sogenannte Peer-to-Peer-Netzwerke hießen früher „Arbeitsgemeinschaften“ oder „Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit“, Raiffeisenbanken oder Produktionsgenossenschaften – und damals hatten sie tatsächlich einen Sinn. Fragen wir einen Deutschen, was „sozial“ heißt, dann bekommen seine Augen Edelcharakter: „Sozialleistungen“, Sozialversicherung“ und „soziale Verantwortung“ kommen dann schnell über seine Lippen. Und weil dies alles so ist, muss ein im Internet befindliches „Soziales Netzwerk“ natürlich auch etwas Wertvolles und Edeles sein: mindestens so edel wie die Genossenschaft.

In Wahrheit verhält sich die Sache anders: Schlaue Kerlchen haben sie aufgebaut, um damit schnell Kohle zu machen, haben es teilweise ebenso schnell wieder an mächtige Verleger verkauft oder als Aktiengesellschaft versilbert - und spielen das Spiel: „Wir da oben – ihr da unten“. Die sogenannten „User“ durchschauen dieses Spiel nur selten, obwohl sie durch diese Netzwerke nur äußerst begrenzte Vorteile haben: Ihre Urheberrechte sind oft dahin, weil sie bei Anmeldung gleich einkassiert wurden, und ihre persönlichen Daten schwirren durchs Netz wie die Kolibris.

Jugendliche können angeblich gar nicht mehr anders handeln, als sich hier zu vernetzten –was vom Prinzip her Blödsinn ist. Für Erwachsene wäre es hingegen gut – alte Freunde oder Kollegen wiedertreffen, die man aus den Augen verloren hat, Schulkameraden wiederfinden, Geschäftskontakte schließen.

Wer „drin“ ist, weiß dies: Hört sich alles besser an, als es ist. Gewiss habe ich einen Schulfreund wiedergetroffen – und festgestellt, dass wir uns nicht mehr viel zu sagen hatten. Eine der Klassenkameradinnen war zufälligerweise eine Medienfrau geworden – da ging es schon eher. Doch war da nicht noch der Geschäftskontakt?

Nun, hier geht es ja nur um den Wortbetrug, und der wird am deutlichsten in den vielen Massen-Netzwerken. In Wahrheit ist dies lediglich eine Ansammlung von Leuten, die sich nur sehr bedingt miteinander vernetzen und auch kaum „soziale“ Ambitionen im Sinne von „Verantwortung tragen“ haben. „Allgemeinzugänglicher, unverbindlicher globaler Freizeitverein“ wäre für die meisten dieser Einrichtungen mit der Bezeichnung „Soziale Netzwerke“ richtiger.

Ich könnte ohne diese Netzwerke leben – und ich bin sicher, die meisten anderen Erwachsenen könnten es auch. Ich bin im Übrigen sehr bewusst nur noch in einem Netzwerk (XING) aktiv – ein anderes vergaß ich leider rechtzeitig zu kündigen. Sie sehen, so etwas passiert sogar mir.

Sexualität - Psychoanalyse als Kirche Nummer zwei?

Wie die katholische Presseagentur Österreichs meldete, habe die 65-jährige Psychoanalytikerin Rotraud Perner die angeblich „umfassende Kommerzialisierung von Sexualität“ beklagt. Wie Frau Penner im Kirchgen-Magazin „inpuncto“ sagte, sei „die derzeitige gesellschaftliche Position zur Sexualität zu freizügig, einseitig und entwicklungshemmend.“ Was sie vermisse, sei eine "spirituelle, ja sakramentale Dimension".

Ach, wie interessant, nicht wahr? Da die Kirche die „spirituelle“ Dimension der Sexualität, zu der sie im Grunde genommen nie etwas zu sagen hatte, nunmehr offenbar ganz verspielt hat, steht schon eine Psychotherapeutin vor der Tür und beansprucht ihrerseits das Definitionsrecht an der menschlichen Sexualität.

Fragt sich, was schlimmer ist: die Übergriffe der Kirche auf die Sexualmoral oder die Übergriffe der Psychotherapie. Wir neigen dazu, zu sagen: Jeder, der sich der Definition der menschlichen Liebe bemächtigt, hat bereits einen Schritt zu viel gewagt – und das mit der „Kommerzialisierung“ sehen offenbar immer diejenigen, die gerade nicht verliebt sind – oder würde ein einziger Liebender von der „Kommerzialisierung“ seiner Sexualität sprechen?

Machen wir uns nichts vor: Sexualität wird kommerzialisiert – übrigens bereits seit der Erfindung mittelalterlicher Badehäuser. Aber interessiert dies die Liebenden wirklich? Und wieso meldet sich dazu eine Psychotherapeutin?

Sind Künstler potenzielle Kinderschänder?

jungmädchenanmut bei Henry Ryland


Ich weiß nicht, wes Geistes Kind der eine oder andere Kolumnist deutscher Zeitungen ist – möglicherweise sind immer noch ein paar Männer dabei, denen es nicht recht ist, wenn katholischen Priester an den Pranger gestellt werden. Ach, die armen Priester! Mit viel Mühe sucht das deutsche katholische Establishment nun, doch auch andere Buhmänner zu finden, die zwar keine Priester waren, aber den 1968ern nahe standen – und wenn sie auch nicht viel taugen, um den Katholizismus doch noch reinzuwaschen, dann müssen eben die Künstler her.

Allerdings machen die Journalisten einen groben Fehler, die unsere Moralvorstellungen von 2010 (oder meinetwegen von 1960) auf die Zeit von 1910 oder nach früher transportieren wollen, und sie sollten auch nicht vergessen, dass Pfarrer und Künstler zu allen Zeiten durchaus unterschiedliche Aufgaben zufielen: Pfarrer sollen Traditionen vermitteln, Künstler müssen der Zeit einen Schritt voraus sein und bereits das zeigen dürfen, was andere noch nicht einmal zu denken wagen.

Die gegenwärtige angebliche „Diskussion“ um das Werk des deutschen Malers Ernst Ludwig Kirchner ist so biedermännisch verseucht, dass man kaum noch Worte findet: „Nackte Mädchen habe er gemalt, minderjährige gar noch … ei, pfui Teufel“. Und schon brüskiert sich die schnatternde, aber überwiegend kulturlose Leserschaft namhafter deutscher Presserzeugnisse.

Man vergisst dabei, dass es im 19. Jahrhundert und eben auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Künstlerinnen und Künstler gab, die von der Anmut junger Mädchen fasziniert waren – von Schriftsteller Lewis Carroll über den deutschen Maler Ernst Ludwig Kirchner bis hin zum Maler der jungen Mädchen, Balthus (gegen 1930) oder der Fotografin Irina Ionesco (gegen 1970) – und alle genannten hatten schon einmal „ihren“ Skandal.

Der „Skandal“ ist dabei immer das, was in den Hirnen allzu fantasiebegabter Bürger abgeht, denn obgleich man sich gelegentlich nicht so benahm, wie es in Bürgerkreisen üblich ist, hatte man sich doch nichts vorzuwerfen. Selbst im Konflikt um die Minderjährige Alice Pleasance Liddell (das Vorbild der Heldin von "Alice im Wunderland) und dem Schriftsteller Charles Lutwidge Dodgson (Lewis Carroll) gab es keine Beweise irgendwelcher Übergriffe.

Es ist die Anmut gewesen, das vermeintlich paradiesische, der Jugendschmelz, der Künstlerinnen und Künstler aller Epochen an Jugendlichen begeisterte. Dass die Nacktheit von Kindern möglicherweise ausgenutzt und ausgebeutet werden könnte, und dass insbesondere Mädchen nicht nackt dargestellt werden sollten, ist eine Erkenntnis, die sich erst ab etwa 1970 wirklich durchsetzte – etwa zum gleichen Zeitpunkt, als die Frauenemanzipation ihren Fokus darauf richtete, auf keinen Fall wegen ihrer Weiblichkeit verehrt zu werden. Die schwärmerische Romantik, die kurz zuvor noch hoch gehalten wurde, verschwand auf der ganzen Linie.

Heute ist alles wieder ganz anders. Wir nehmen die Kinderrechte sehr ernst, was gut und richtig ist, und haben solche Begriffe wie „Jugendschmelz“ und „Anmut“ längst zu den Akten gelegt. Wir sehen in den Jungen und Mädchen der heutigen Zeit weit mehr als früher eigenständige Persönlichkeiten, die wir als solche auch ernst nehmen. Wenn man so will, leben wir in einer sehr strengen Zeit und keinesfalls in dem Sündenpfuhl, den uns Gesellschaftskritiker einreden wollen. Was viele Menschen auch vergessen: Heute haben wir festgeschriebene Kinderrechte, die auch tatsächlich eingehalten werden – vor 1924 gab es sie nicht.

Bild: "Perlen" von Henry Ryland, britischer Maler, datiert 1897,

Wer Korrektes über Kirchner erfahren will, meidet am besten deutsche Zeitungen: Ich empfehle die NZZ.

Das „Hier und Jetzt“ und die Liebe

Einst haben es uns die Gurus unter den Psychologen von ihren damals noch wohlgepolsterten Nestern heruntergezwitschert: „Lebt im Hier und Jetzt“. Der wohlmeinende Rat freilich war nichts mehr als ein ziemlich hirnrissiger Trend, eine neue „Hype“, wie man wohl hier sagen würde. Aus der Elfenbeinturm-Sprache in die Menschensprache übersetzt, heißt der Rat so viel, wie: „Lebe bitte in der Gegenwart“ - doch hätten man einfach dies gesagt, dann hätten die Menschen dem entgegengehalten: „Tun wir doch, wo sonst“?

Menschlich ist das „Leben im Hier und Jetzt“ nicht – eher schon tierisch. Menschen können, dürfen und sollen zurückschauen. Sie müssen aber gleichwohl auch nach vorne sehen – komme, was da wolle. Wer heute nicht sät, erntet morgen keine Frucht. Wer sich heute nicht um einen Partner bemüht, findet morgen keinen. Das reine Leben im „Hier und Jetzt“ ist vielleicht eine Hippie-Philosophie, aber kein Lebensstil für einen Erwachsenen.

Findet die Liebe denn im „Hier und Jetzt“ statt? Möglich, dass sie im Jetzt stattfindet, also in der Gegenwart – aber die Liebe findet nie im „Hier“ statt. Liebende entschwinden in Sphären, die nur sie selbst kennen, und die bestimmt nichts mit dem „Hier“ zu tun haben.

Anders als die Liebe hat die Partnersuche von vornherein nie etwas mit dem „Hier und Jetzt“ zu tun. Sie ist immer auf die Zukunft ausgerichtet, denn dafür schließen wie sie ja. Machen wir uns also davon frei, nur immer im „Hier und Jetzt“ leben zu wollen und leben wir lieber in der Gegenwart mit dem Fokus auf die Zukunft. Dann leben wir niemals falsch.