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Schon wieder: die Pornofizierung

schlechter einfluss auf die jugend: zurschaustellung?


Ich weiß nicht, ob Myrthe Hilkens wirklich ein Anliegen hatte, als sie ihr Buch schrieb oder ob sie, die Journalistin, nur wusste, wie erfolgreich es sein kann, einem Zeittrend zu folgen.

Jedenfalls schrieb sie ein Buch über die Pornofizierung, das jetzt in aller Munde ist. Wer sich ein Stimmungsbild machen will, muss die Meinung der Rezensenten (und vor allem der Rezensentinnen) lesen: Was auf unsere Jugend einströme, sei erschreckend. Die Pornografisierung wird als Fakt genommen, die Folgen seien bereits deutlich zu spüren. Die Schuldigen werden im Buch schnell ausgemacht: Es sind die Medien, die sich mehr oder weniger bei der Pornografie bedienen und auf diese Weise einen verderblichen Einfluss haben.

Was muss sich also ändern?

Sehen Sie, genau da klafft die Wunde. Journalistinnen und Journalisten können keine Gutmenschenwelt propagieren, wenn sie halbwegs auf dem Teppich bleiben wollen. Wir haben bereits eine umfassende Kultur, die Gleichberechtigung propagiert, und genügend Grundhaltungen, um solche Ideale zu verwirklichen. Wenn dies die Musikbranche und die Werbung bisweilen nicht tun, dann stellen sie sozusagen den Kontrapunkt dar: Immer nur gleich zu sein, ist eben langweilig, also macht man sich ein Spiel, in dem man „sexy“ ist. Ich will Ihnen ein anderes Beispiel sagen: Ich hatte in meinem früheren Beruf in der IT-Branche kaum weibliche Kollegen in der Programmierung – aber die IT-Schulungen werden nach und nach von ihnen okkupiert. Das hat sich bis heute kaum geändert, und nun sage bitte jemand, diese habe etwas mit „fehlendem emanzipatorischen Gedankengut“ zu tun. Ehrlicherweise kann ich die Frage nicht beantworten, warum das so ist: Aber die zombieartigen Bytequäler, die noch nachts um drei vor dem Computer sitzen, um ein IT-Problem zu lösen, sind nun mal fast alle männliche, bleiche, introvertierte Gestalten.

Was ist nun eigentlich das Problem? Dass das „Genre Sex“ den Feministinnen entglitten ist beim Kommerz gelandet ist? Hat man jemals gehört, dass irgendeine emotionale oder erotische Regung in der Welt des 19. oder 21. Jahrhunderts nicht kommerzialisiert wurde? Wurden in der bürgerlichen Literatur des späten 19. Jahrhunderts nicht laut Lügen über die romantische Liebe publiziert, und wurde in den Schlagern der 1950 er Jahre etwa kein abscheuliches Kitschbild der Liebe verbreitet?

Lieber Leierkastenfrauen (da ist nicht nur Myrthe Hilkens gemeint), ihr dreht doch nur die Kurbel, und was durch eure Drehorgeln flitzt, sind uralte Matrizen. Die Moralisierung der Gesellschaft wurde in so gut wie jeder Schrift des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gefordert. Iwan Bloch propagierte gegen 1900, dass nur dort „wo der Geist, der Begriff in der Welt herrsche, „die wahre Sittlichkeit gedeihen könne“, und er sieht ähnliche schädigende Einflüsse, die auch andere vor ihm schon verantwortlich gemacht hatten für die Unmoral, wenngleich man ihnen nicht ausschließlich die Schuld daran zuwies: Prostitution, Verführung durch pornografische Schriften und Zurschaustellungen.

Was kann man ändern?

Das Einzige, was man in der modernen Mediengesellschaft wirklich ändern kann, besteht darin, sich ihr soweit wir möglich zu entziehen. Nach Ansicht mancher Feministinnen und Gutmenschen ist dies zwar „gar nicht möglich“, aber das stimmt nicht. Wer die „ZEIT“ liest und „ARTE“ sieht und eine bürgerliche Tageszeitung abonniert, wird nicht tagtäglich mit Sex und Erotik konfrontiert. Und die Jugend? Jede junge Frau will schön und begehrt sein – und da muss sie nun mal durch. Sagen wir ihr, sie würde alleine durch Intellekt punkten, dann lügen wir sie an, sagen wir ihr, sie würde nur durch Schönheit glänzen, dann erzeugen wir einseitige Impulse. Wir könnten auch sagen, sie solle durch erotische Ausstrahlung und gewinnen, dann lügen wir zwar nicht, sagen aber eine unbequeme und ebenso einseitige Wahrheit, und berufen wir uns darauf, dass nur Persönlichkeit zählt, dann begeben wir uns in die Zwickmühle, die Persönlichkeitsmerkmale nicht benennen zu können, die tatsächlich Erfolge in der Liebe bringen.

Was wir ändern können? Ich fürchte, gar nichts. Bücher wie das von Frau Myrthe Hilkens werden veröffentlicht, um den Publikumsdurst nach öffentlicher Empörung zu befriedigen, und nicht, um Lösungen eines bestehenden Problems auszuweisen.