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Gedanken zur bösen Hexe

Man muss keine Hexe sein, um zu verführen
Betrachtet man die Märchen, die zur Warnung erzählt werden, so findet man die gute Mutter, die der ebenfalls guten Tochter wertvollen Rat gibt, nicht vom Wege abzukommen. Dennoch gerät das junge Mädchen, voller Frühlingsgefühle, in die Gewalt des verschlagenen Wolfes – doch das war irgendwie entschuldbar, denn das Mädchen wusste ja nicht, „was für ein böses Tier es war“. So blieb denn die Warnung, dass junge Mädchen bitte niemals vom Weg abkommen sollten – denn damit begann das Elend ja.

Und dann wäre das arme, aber gleichwohl verwerfliche Elternpaar, das seine Kinder im Wald aussetzt in der Hoffnung, dass diese niemals zurückkehren würden. Ob sie nun verhungern sollten oder ob erwartet wurde, dass die „wilden Tiere des Waldes“ sie fressen würden, wie es der Jäger mit dem Schneewittchen angedacht hatte, ist nicht weiter wichtig. Aber wie das Rotkäppchen, so gehen auch „Hänsel und Gretel“ vertrauensvoll in ein Haus – diesmal das einer „Hexe“. Und die sagte:

Ei, ihr lieben Kinder, wo seyd ihr denn hergelaufen, kommt herein mit mir, ihr sollts gut haben,“ faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Aepfel und Nüsse, und dann wurden zwei schöne Bettlein bereitet, da legten sich Hänsel und Gretel hinein, und meinten sie wären wie im Himmel. Die Alte aber war eine böse Hexe, die lauerte den Kindern auf, und hatte um sie zu locken ihr Brodhäuslein gebaut, und wenn eins in ihre Gewalt kam, da machte sie es todt, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Da war sie nun recht froh, wie Hänsel und Gretel ihr zugelaufen kamen.


Die Assoziation, in ein Haus gelockt zu werden und dort „totgemacht“ oder „gefressen“ zu werden, entspricht ganz der Warnung, niemals zu einem Fremden ins Haus zu gehen. Sei er nun ein seltsamer Einsiedler, eine böse Hexe, ein verbrecherischer Villenbesitzer oder eine Verführerin mit fragwürdigen Absichten.

Interessant, dass im grimmschen Märchen die Hexe als Verführerin auftritt, die ihr „Brodthäuslein“ baute, um den jungen Hans anzulocken, während sie die Grete zunächst lediglich als Hausmädchen versklavte. Die Absichtsänderung am Ende, den Hans zu kochen und die Gretel zu backen, ist schwer nachvollziehbar und dient wohl hauptsächlich dazu, den Showdown etwas brisanter zu gestalten.

Die „böse Hexe“, klein, mit Hakennase, Buckel und hohem Alter ist gewissermaßen das Sinnbild der Hexe geworden, das uns auf Rummelplätzen begegnet. Entnommen ist das Bild den alten, verhutzelten, kräuterkundigen Frauen, die sich mit Liebestränken ebenso auskannten wie mit Kräutern, die abtrieben und die auch sonst über allerlei wundersame Kräfte verfügten.

Doch was ist die Hexe aus dem Märchen, wenn man sie in die Realität umsetzt?

Vor allem, so erinnern wir uns, ist sie eine Frau, die Häuser aus Illusionen aufbaut, in die Menschen gelockt werden sollen, die hungrig sind oder gar lustvoll naschen möchten. Sind die Opfer einmal der Zauberkraft dieser Frauen verfallen, so verbleiben sie in ihren Gedankengefängnissen, obgleich sie ganz offensichtlich nur zur Nutzung bestimmt sind.

Selbstverständlich sind die Damen, die solches planen, nicht klein, haben keine Hakennasen und befinden sich nicht im Greisenalter. Sie sind vielmehr in den mittleren Jahren, äußerlich recht attraktiv und begehrenswert, innerlich aber begierig und selbstsüchtig. Manche locken junge Frauen, andere junge Männer, und nahezu jedes Mal saugen sie alle Emotionen und andere erotischen Ressourcen aus ihren Opfern heraus. Ausgelaugt, verwirrt und oftmals emotional orientierungslos werden sie wieder auf die Straße geworfen.

Oh, oh, so negativ? Wie man’s nimmt. Erinnern Sie sich an das Märchen?

Das ganze Häuschen war voll von Edelgesteinen und Perlen, davon füllten sie ihre Taschen, gingen fort und fanden den Weg nach Haus.“


So jedenfalls war und ist es wohl für jene, die die durchtriebene Verführerin innerlich abschütteln konnten, was im Märchen ja durch „Verbrennen“ angedeutet wird. Und die Perlen dürfen Sie gerne als Erfahrungen werten, die ja nicht immer negativ sein müssen.