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Die Hingabe in der Literatur

Trotz aller Hingabe ist der Vogel ausgeflogen ...
Die Hingabe in der Literatur - oft nur ein fragwürdiges Synonym für den Geschlechtsakt.

Zunächst will ich euch sagen, dass ich stets versuche, mich in meinen Artikeln völlig der Kunst des Schreibens hinzugeben. Ob mir das immer gelingt, mag zweifelhaft sein. Sicher aber ist, dass ich viel über die Wörter in Erfahrung bringe, die ich verwende. Heute ist es die Hingabe.

Hingabe als "Preisgabe", selbstloses Geschenk oder eigener Genuss?

Ich habe mir überlegt, was das Wort „Hingabe“ für einen Schriftsteller bedeuten könnte und mir einen Text schreiben lassen, der keinen literarischen Anspruch hat, sondern das Wort mehrfach ventiliert, sodass es verschieden Bedeutungen annimmt. (1)

Ihrem ersten wirklichen Liebhaber hatte sie sich hingegeben, ohne lange nachzudenken. Ihre Mutter meinte, sie habe sich an ihn verschenkt, weil sie das größte Gut einer Frau dabei preisgegeben hätte. Indessen hatte ihre „Hingabe“ an einen Mann dazu geführt, dass sie darüber nachdachte, wie es wäre, sich wirklich ganz der Lust hinzugeben, die sie zumindest einen Moment lang gespürt hatte. Sie fragte sich, wieso sie überhaupt etwas „von sich gab“, wenn sie sich dem Manne „hingab“, und sie überlegte, wie es wohl wäre, lediglich in der Lust zu versinken. Nein, es wäre kein Hinnehmen, auch nicht einfach ein Aufnehmen – eher wäre es schon ein Eintauchen in die Wollust des Leibes, wenn alle anderen Wahrnehmungen schwänden.


Ist es möglich, sich passiv hinzugeben?

Es ist möglich, aber dennoch fragwürdig, von einer „aktiven“ und einer „passiven“ Hingabe zu sprechen. So schreiben die Autorinnen gerne von der „passiven“ oder „willenlosen“ Hingabe im Sinne einer „Hinnahme“ des Unvermeidlichen – und schon sind sie in eine Falle geraten: Hingabe enthält das Wort „Gabe“, das seinerseits einen Willensakt beinhaltet. Die „Hingabe“ im also im Grunde ausschließlich ein Akt des Willens: Etwas von sich selbst zu geben oder zu schenken, aber auch sich selbst mit dem ungeteilten Genuss zu beschenken.

Hingabe als Synonym für "Geschlechtsakt"

Das Wort „Hingabe“ wird in vielen Liebesromanen in höchst eigenartiger Weise benutzt. Einige Autorinnen versuchen damit, den Liebesakt „als solchen“ weiträumig zu umschiffen. Bei den ganz Vorsichtigen beginnt die Hingabe bereits mit dem Entschluss, sich irgendwie ineinander zu verkuscheln. Manchmal schmilzt der innere Widerstand wie Gelee, und mit ihm erwischt das Gefühl dann auch das Herz. Bei anderen muss die Seele eingebracht werden, die „von der Lust ergriffen“ wird, um dann ihrerseits die Hingabe auszulösen.

Völlig unklar: die Gefühlslage

Damit es keinen Zweifel gibt, was wirklich geschieht, muss die Hingabe noch mit „völlig“ oder „willenlos“ geschmückt werden. Dabei wird die Hingabe oft schon erwähnt, bevor die Dame „ihre Lust verspürt“. Wobei die Motive höchst zweifelhaft sind. Mal wird behauptet, die Frau gäbe sich hin wie einst Eva – dann erwartet die Frau durch ihre Hingabe, dass der Mann ihr das Glück schenken und sie heiraten würde. Die Gefühlslage bleibt dabei unklar – mal wird das Verlangen erwähnt, das den Körper erbeben lässt, dann wieder entsteht aus der Hingabe eine „plötzliche Leidenschaft“. Und gelegentlich gibt sich die Frau einfach hin, weil sie wissen will, wie sie sich danach fühlt. Auch die klassische Version wird noch veröffentlicht – in ihr gibt sich die jungfräuliche oder jedenfalls unerfahren Frau dem hin, was offenbar unerlässlich ist – und wundert sich, dass sie auf ein „ungebremstes Begehren“ des Gatten trifft.

Um Texte zu zitieren, die für viele andere steht, nehme dich diese Beispiele (2):

Ich gab mich völlig hin und spürte dabei meine immer größer werdende Lust.


Oder etwas länger, aber ähnlich banal:

Ich gab mich diesem Mann völlig hin. Meine lange unterdrückte Sehnsucht nach einem männlichen Körper überwältigte mich, und die unglaublichen Empfindungen, die ich dabei hatte, ließen meinen Körper erschauern.


Man muss nicht literarisch gebildet sein, um festzustellen, dass beide Texte nicht das Geringste aussagen. Die Hingabe wird dabei zu nichts als einem Hohlwort. Die Lust wird „nachgeliefert“, klingt aber nun völlig blutleer, und die Gefühle werden so flach abgehandelt, als hätten beide Damen gesagt: „Und dann schaltete ich die Waschmaschine in den Schleudergang, sodass der Zahnputzbecher erzitterte.“

Aussagen und Hingabe, einfach und doch differenzierter

In differenzierten Texten wird die Hingabe dann aktiver, bewusster und offener angesprochen. Dann gibt sich die Frau beispielsweise hin, weil sie dem Mann angehören will – und nicht etwa die „Frau für eine Nacht“ sein. Das klingt zumindest glaubwürdig. In einem anderen Text wird der Autorin klar, dass es den „Moment ohne Rückkehr“ gibt, und sie schildert die Hingabe knapp nüchtern als „Ausschalten des Gehirns.“ Wieder eine andere Autorin erwähnt, dass sich ihre Figur im Grunde jedem Mann „hingeben“ könne – er müsse ihr nur gefallen. Immerhin erklärt der knappe Satz, wie diese Frau ihre „Hingabe“ versteht.

Klartext: Wenn die „Hingabe“ ein Prozess ist, dann sollte er mit allen Steigerungen und möglichen Hemmungen sinnlich beschrieben werden – sei es in gedanklichen Konstruktionen oder in unmittelbaren Gefühlen.

Selbstverständlich kann man die Hingabe auch kühl abhandeln, aber dann ist die Rede von Frauen, die gegenüber der zufälligen Leidenschaft bereits abgestumpft sind. Oder eben von solchen, die mit ihrer Hingabe und anderen vorgetäuschten Emotionen eine Art Handel betreiben.

Das Fazit: "Hingabe" nur benutzen, wenn das Wort wirklich passt

Fassen wir zusammen: Das Wort „Hingabe“ für den „Vollzug des Geschlechtsakts bei Frauen“ ist antiquiert und sollte nur noch verwendet werden, wenn es in die Zeit passt, in der die Geschichte handelt. Die „passive Hingabe“ existiert nicht, auch wenn sie von vielen Autorinnen angeblich so beschrieben wird. Wenn sich jemand „passiv hingibt“, dann nimmt er etwas hin, was er für unvermeidlich hält. Zudem ist „Hingabe“ keine einzelne Handlung, sondern ein Prozess, der sich beschreiben lässt.

(1) Textkonstruktion, um unterschiedliche Bedeutungen des Wortes zu veranschaulichen, von Isidora Fecekazi.
(2) Umschreibungen (abgewandelte Texte, um die Nachforschung zu erschweren) aus tatsächlich existierenden Texten.
Bild: Aus "La Vie Parisienne" von 1911 (Ausschnitt) Künstler: fabiano.