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Schäm dich ...

Die Kontroverse: ist es wirklich gut, sich zu schämen?
Ich setze mir ein moralisches Ziel und erreich es nicht. Wenn ich es nicht erreiche, schäme ich mich. Ergibt das einen Sinn? Musste ich mir so hohe moralische Ziele setzen?

Meine Umgebung fordert von mir ein moralisches Ziel ein, das nicht zugleich auch mein Ziel ist. Erreiche ich es nicht oder strebe ich es gar nicht erst an, fordert die Umgebung mich dennoch auf, mich zu schämen. Es ist möglich, dass ich mich wirklich schäme, weil ich ein Ziel verfehlt habe, das gar nicht zu meinen Zielen gehörte, das den Menschen meiner Umgebung aber wichtig war.

Irgendwie erinnert das an Unmündigkeit. „Du solltest dich schämen, dies oder jenes gesagt oder getan zu haben …“ Gut, manches Mal war es nicht sehr hübsch, was wir gesagt oder getan haben. Jeder wird das ein Päckchen mit sich herumschleppen. Doch sollten wir uns deswegen in „Grund und Boden“ schämen? Müssen wir uns achten, um uns beschämen zu „dürfen“ und uns dafür vielleicht gar wieder verachten?

Die "Wissenschaft" redet jetzt überall mit - geklärt wird dadurch gar nichts

Die Wissenschaft (oder besser, Menschen, die sich als Wissenschaftler bezeichnen), denkt darüber mal so, mal anders. Einerseits gilt die Schadhaftigkeit als der Kitt, der unsere Tugend und Zucht garantiert, dann wieder wird das beschämen als „Strafersatz“ propagiert. Mal fürchten vor allem Frauen die Scham, als Schlampe in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, mal werden Männer öffentlich vorgeführt, weil sie nicht der Sittsamkeit entsprechen, die Frauen erwarten.

Kurz: Manche Kreaturen würden sich wünschen, dass mehr Frauen und Männer an öffentliche Pranger (eben auch in sozialen Netzwerken) gestellt werden. Andere wieder sagen: Hört endlich auf mit der öffentlichen Diffamierung – niemand muss sich dafür schämen, was er tut, denkt und schreibt, nur weile es manche „offizielle Moralisten“ so wollen.

Wir sind in die Tiefen der Scham abgetaucht - einen Goldschatz fanden wir nicht

Beide Parteien stehen sich oft unversöhnlich gegenüber – und die Wissenschaft gibt stets ihren Senf dazu. Wir sind in die Tiefen der Scham getaucht und sind mit allerlei Schlamm und wenigen Schätzen zurückgekehrt.

Die Kontroverse kann man so ungefähr an zwei Sätzen darstellen:

Nur wer sich sich achtet, kann sich schämen.

oder
Wer sich schämt, der zieht sich auf sich selbst zurück.


Nun, welcher Meinung seid ihr?

Wenn du vor Erotik errötest und dich schämst

Jeder, der erotische Geschichten schreibt, liest oder in Filmen ansieht, weiß, dass es einen Punkt gibt, an dem du dich schämst. Manchmal ist es der Punkt, an dem dir klar wird: ich will eigentlich nicht geil werden von „von so etwas“, aber ich werde es. Schlimmer noch (auch dafür gibt es zahllose Beispiele): „Ich schreibe etwas, lese etwas oder sehe etwas, das mich selber normalerweise nicht berührt, aber ich werde trotzdem geil.“ Die Steigerung: „Ich verabscheue normalerweise etwas, aber seit ich darüber schreibe, darüber lese oder darüber etwas ansehe, fasziniert es sich – und ich muss gestehen, dass es mich geil macht.

Diese drei Meinungen sind ehrlich – und das zeichnet sie aus. Wer sie bewertet oder gar abwertet, ist ein elender Troll.

Ein Bespiele für Selbstzweifel aus Scham

Jüngst las ich, was eine Autorin über ihre Selbstzweifel schrieb (1):

Es fällt mir schwer, über mein eigenes sexuelles Verlangen zu sprechen. Und ich wünschte, das wäre nicht der Fall. Ich habe das dran gemerkt, als ich versuchte, über eine ungewöhnliche reale Erfahrung zu schreiben. Aber nicht nur das – auch wenn ich über mein gewöhnliches Sexleben schreiben will, bekomme ich Hemmungen. Ja, sogar beim einsamen Masturbieren kann ich die Hürde nicht überwinden. Meine Gedanken werden blockiert, aber mein Körper reagiert dennoch. Merkwürdig – ich erröte schon bei der Vorstellung, offen über meine Lust zu sprechen - auch im engsten Kreis.


Manche Erotik-Autorinnen sind ganz verzweifelt darüber: Schreiben ist ihre Passion und ihre Therapie – aber wenn sich plötzlich der Vorhang senkt, weil die Worte von der Scham aufgefressen werden, dann … ja dann ist alles aus.

Wie halten Autorinnen und Autoren diesen Zwiespalt aus? Die meisten reden nicht darüber, dabei steht eines fest; eine wirklich erotische Szene muss über Augen und Hirn auch die Genitalien erreichen – jedenfalls beim Rezipienten, also der Leserin oder dem Leser.

Elisabeth Benedict prägte dazu den Satz:

Es ist wirklich! völlig in Ordnung, wenn du beim Schreiben erregt wirst.

Und sie sagt noch etwas, was wirklich wichtig ist:

Man kann sich nicht entblößen, und gleichzeitig Sicherheit verlangen. (Und am Beispiel)… was Nacktheit wirklich bedeutet, ist emotionale Entblößung. Und die ist für jeden Autor etwas anderes … (und er) … fürchtet sich am meisten vor dem Punkt, an dem die Energie am stärksten fließt.

Frau Benedict, meint, also dass in diesem Moment die Angst auftritt: „Bin ich zu weit gegangen?“, oder „Kann ich wirklich verantworten, das so zu schreiben?“ Oder, soweit es Autorinnen betrifft, könnte ich auch sagen: „Wird man mich für die Schlampe halten, wenn ich so etwas schreibe?“ Der letzte Satz wird oft von weiblichen Schreibanfängern geäußert – die größte Angst besteht stets darin, als sexuell abartig angesehen zu werden.

Ob Angst, Selbstüberwindung oder Schamgefühl: jede Autorin (und jeder Autor) kennt das Gefühl, auf dem Höhepunkt der wollüstigen Schilderung innezuhalten und sich zu fragen: „Verdammt, kann ich das wirklich veröffentlichen?

Und die Antwort? Zumeist lautet sie „Ja, du kannst.“ Denn was du dir da erdacht hast, ist bereits in Zehntausenden von gesunden Gehirnen enthalten, die längst davon träumen, dass es jemand niederschreibt.

Und wenn du erregt wirst, dich fürchtest oder schämst – dann hast du gute Chancen, dass diese sanften, wollüstigen Schauer von Annahme deiner Worte und Widerstand gegen deine Worte auch von deiner Leserin durchlebt wird.

(1) Anonymisierter Text einer angehenden Erotik-Autorin, nachverfolgungssicher umgeschrieben).
(2) Erotik Schreiben; New York 2002.