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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Kann ich Ordnung in meine Gefühle bringen?

Seltsame Gefühle scheichen sich ein - und wie gehe ich damit um?
Neulich fragte mich eine Dame, ob man sich in seinen Gefühlen täuschen kann.

Selbstverständlich kann sich jemand in seinen Gefühlen täuschen. Es ist ganz normal, denn Gefühle folgen keinem festgelegten Schema. Und dies gilt besonders für die Täuschungen und Enttäuschungen im Bereich der Liebe. Sie sind sozusagen „vorprogrammiert“, weil dabei körpereigene Drogen mitspielen. Diese Drogen haben überhaupt kein „Interesse“ daran „weise Entscheidungen“ in deine Gefühle einzubauen. Ihr Ziel ist (beispielsweise) Fortpflanzung und nichts sonst.

Das Gefühl entscheiden lassen?

Die Idee, das Gefühl entscheiden zu lassen, ist romantischer Natur und fällt in eine Zeit, als die „Liebesheirat“ noch im Kontrast zur „standesgemäßen“ Ehe stand. Die romantische Ehe erlaubte der jungen Frau die Wahl und galt deshalb als „Gefühlsehe“. Deswegen heißt es oft: „Folge deinen Gefühlen“. Selbst wenn ich jetzt jemanden verletzte: Es ist absoluter Blödsinn, irgendeinem Gefühl irgendwie zu folgen und dies dann als „Entscheidung des Schicksals“ zu werten.

Wenn Gefühle nicht „automatisch“ entscheiden

Tatsache ist allerdings auch: Wir folgen unseren Gefühlen, auf die wir Vertrauen können. Das geht, wie alles, von dem wir kaum etwas wahrnehmen, vollautomatisch. Deswegen ist es auch nicht der Rede wert. Würden sich die Gefühle bei uns melden, so deutet dies auf Konflikte hin. Das heißt, unser Gehirn sagt uns so ungefähr: „Du hör, Meister(in), ich brauch jetzt mal eine klare Ansage, wo es langgehen soll“. Es geht also darum, einen von mehreren möglichen Wegen zu gehen.

Ich hätte auch schreiben können: Für die Situation, in der du bist, hat die „automatische Kontrolle“ versagt. Die hatte keinerlei Daten aus der Vergangenheit, um die Situation zu meistern.

Auf Gefühle schwören oder Gefühlen abschwören?

In der Literatur gibt es zwei gegensätzliche Meinungen: Die einen „schwören“ auf Gefühle, die anderen warnen davor, den Gefühlen zu folgen, weil sie unzuverlässig sind. Welche der beiden Richtungen trifft zu? Welcher soll man folgen?

Die Antwort liegt in einem einfachen Satz: Es kommt darauf an, welche Gefühle gemeint sind – oder noch drastischer: ob es sich überhaupt um ein Gefühl handelt.

Warum Gefühle eigentlich gar keine sind

Was ein Gefühl eigentlich ist, will die Psychologie wissen. Im Grundsatz ist das einfach, denn die wichtigsten Fragen des menschlichen Überlebens bestehen darin, Feinde zu erkennen, Gemeinschaften zu finden und sich fortzupflanzen. Der Rest erscheint etwas willkürlich. Man hat einige Gefühle hinzugenommen, die unseren Alltag betreffen, aber nicht zwingend erforderlich sind, um zu überleben. Der Psychologie-Professor Robert Plutchik hat sie definiert.

1. Die Furcht (Angst). (Terror)
2. Das Vertrauen. (Admiration)
3. Die Lust. (Ecstasy)
4. Der Zorn. (Rage)
5. Der Kummer. (Grief)
6. Die Abneigung. (Loathing)
7. Das Erstaunen. (Admiration)
8. Die Erwartung. (Vigliance).

Lässt man diese Gefühle so stehen, so ergeben sie weder in der deutschen Sprache noch im Original das Bild, das wir „Laien“ von Gefühlen haben. Wenn eines dieser Gefühle überhaupt auf den Satz „dem Gefühl folgen“ passt, dann ist es das Vertrauen. „Lust und Vertrauen in Kombination“ wird in diesem Zusammenhang als Liebe beschrieben. Schon das weckt Zweifel, denn wir sehen; Lust und Vertrauen sind zwei Gefühle, die zwar zusammenwirken können, die einander aber auch auslöschen können. Schon deshalb ist es Unsinn, davon zu sprechen, seinen Gefühlen zu folgen.

Gefühle und Sinn - warum wir den Verstand benötigen

Was wirklich gilt, ist etwas ganz anderes: Gefühle, die wir im Zusammenhang mit Konflikten oder Risiken wahrnehmen, verdienen Beachtung. Unser „automatisches Wesen“ erkennt, dass es nicht in der Lage ist, klare und sichere Entscheidungen zu fällen, und es ruft den Verstand zu Hilfe, um den richtigen Weg zu finden.

Eigentlich ist es also ganz einfach, etwas Ordnung in seine Gefühle zu bringen. Aber das heißt auch, dass wir sie beachten müssen, wenn das Gehirn uns anspricht mit der Frage: „Hey, wo willst du eigentlich hin mit deinem Leben?“

Und genau diese Frage sollte uns wichtig genug sein.

Der Autor war 20 Jahre lang IT-Spezialist, argumentiert oft aus kybernetisch Sicht und beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit dem Thema "Mensch und Kybernetik".