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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Gemeinsamkeiten bei Paaren – ist Wissenschaft verlässlich?

Die WELT hat ein Thema aufgegriffen, das in jeder Hinsicht kontrovers ist – und beharrt in einem nicht allzu alten Artikel drauf, dass Befragungen und Forschungen aus den USA dies zuverlässig ergeben haben:

Fest steht: Paare mit ähnlichen Einstellungen, Werten und Hintergründen neigen dazu, mehr Zufriedenheit, Kameradschaft, Intimität und Liebe zu erfahren und trennen sich weniger wahrscheinlich.

Das sagt eine Studie der Universität von Kansas von 2017. Was immer solche Sätze wie „neigen dazu …“ bedeuten. Jedenfalls soll sie ein „Beweis“ dafür sein, dass Beziehungen länger halten, die auf Gleichheit beruhen.

Das alte Thema: Gleichheit - was ist das?

Bei Gleichheit ist stets die Frage: Zu welchem Zeitpunkt der Beziehung war was gleich? Wenn die Gleichheit bei der Aufnahme der Beziehung bestand, dann waren es Menschen, die sich „in ihrem Milieu“ kennengelernt haben. Das wird im Allgemeinen bereits als „Gleichheit“ gewertet. Worin die Gleichheit bei zwei Erwachsenen besteht, die sich erst in mittleren Jahren kennenlernen, wird kaum behandelt.

Theorien der 1950er-Jahre als Beweis?

Die Welt unterstützt ihre These durch ein relativ altes Dokument, das auf einer uralten Theorie (1950) basiert. Wer die Verhältnisse der 1950er-Jahre auch nur ansatzweise kennt, den wird es kaum verwundern, was damals behauptet wurde. Laut WELT war es dies:

Aus der Soziologie ist das Phänomen längst bekannt: Unter dem Begriff sozialer Homophilie wird die Tendenz von Individuen zusammengefasst, andere Menschen zu mögen … wenn diese ihnen ähnlich sind im Hinblick auf … ethnische Herkunft, sozioökonomischen Status oder den Bildungsgrad.


Beweise durch Umfragen?

Als „Beweis“ für die These der WELT-Autorin Sabine Winkler gilt auch eine weitere Quelle: das Dating-Portal OK-Cupid, das weltweit immer wieder mit Umfragen von sich reden macht. Interpretiert wurden diese Werte von der Paartherapeutin Anna Wilitzki, die im WELT-Artikel auch als „Paartherapeutin und OKCupid-Dating-Coachin“ bezeichnet wird. Sie sagte der WELT:

„Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen zwei Menschen sind mit dem Guthaben auf einem Bankkonto zu vergleichen. Unterschiedlichkeiten sind eher wie Schulden.“

Klingt dabei durch, dass Beziehungen nur dann als „erfolgreich“ gelten, wenn „Friede, Freude Eierkuchen“ herrscht und es so gut wie niemals Veränderungen oder Konflikte während der Beziehung gibt?

Nützt uns ein Gemenge aus 70 Jahren Wissenschaft?

Alles, was im WELT-Artikel zusammengefasst wird, ist sozusagen ein Mix aus 70 Jahren Wissenschaft, wiederkehrenden Erfahrungen, Soziologie und Psychologie. Und alles klingt, wie so oft, nicht „falsch“. Aber ist alles „gültig“, nur weil es nicht falsch klingt?

Die Länge einer Beziehung lässt sich leicht messen, die Qualität aber nicht. Und auch die Veränderungen, die in Menschen während einer Beziehung stattfinden, finden kaum Berücksichtigung. Zudem ist immer die Frage, worin die „Gemeinsamkeiten“, Ergänzungen oder Unterschiede angeblich liegen sollen und ob sie dauerhaft erhalten bleiben.

Und neuerdings ist die Frage auch oftmals, ob es nicht eher die Absichten der Lebensführung sind, die Paare zusammenführen oder trennen – und nicht etwas „psychische“ oder soziale Gegensätze, Glaube oder Werte.

Unser Rat: Vertraut auf niemanden als auf euch selbst

Weil das alles so ist – vertraut bitte auf euch selbst, statt auf „Wissenschaftler“ zu hören. Und zudem: Einmal den falschen Partner oder die falsche Partnerin gewählt zu haben, ist zumeist kein Weltuntergang.

Zitate: Aus der WELT, Studie (Auszug) bei "pubmed"
Weitere Informationen: Ok-Cupid Dating-Data-Center (Blog) auch in der "Liebeszeitung"