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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Gedanken über den Wunsch Erwachsener nach Züchtigungen

Im Schmerz die Reue finden?
Wer würde sich strafen lassen, ohne dass ihn oder sie eine Schuld trifft? Offensichtlich all jene, die das dumpfe Gefühl haben, für ihre Taten büßen zu müssen, ohne etwas „Strafbares“ begangen zu haben.

Normalerweise wird „bestraft“, wer den Rechtsfrieden willentlich stört. Eine Züchtigung dient dann dazu, die „bösen Taten“ auszugleichen. Doch diejenigen, die nach Züchtigungen lechzen, haben offenbar ein anderes Problem: Es gibt keine Chance auf den „Ausgleich“, denn weder das Eingeständnis der vermeintlichen „Schuld“ noch die Reue tilgen den inneren Unfrieden.

Die „Strafe“ dient also nicht dazu, ein Verhalten aufzugeben oder sich auf immer und ewig bewusst zu sein, dass man für seine Fehler büßen muss. Tatsächlich behaupten viele evangelikale Gemeinden, dass die Schuld ohnehin am Menschen haften bliebe, etwa in der „bleibenden Sündhaftigkeit des gefallenen Menschen“. Ein lebensfroher rheinischer Katholik hat es da einfacher: Die Beichte befreit ihn von der Last der Schuld. Wie der Mensch die Schuld empfindet, so ist sie eben. Es gibt gültige Gesetze, aber keine gültigen Regeln für Schuldgefühle.

Wer die Menschen begreifen will, die sich nach dem „Stockschilling“ (1) sehnen, der muss bei den Flagellanten des Mittelalters beginnen und beim reuigen Nadelstreifenmann der Jetztzeit aufhören. Und außerdem wird man auch einen Seitenblick auf die Karrierefrau werfen müssen, die sich nach inoffiziellen Schätzungen demnächst in die Reihe der Büßer stellen wird, die ihre Sünden in Schmerzen abarbeiten wollen. Wer „oben“ ist, der wird nicht „zur Rede gestellt“, wenn er ethische oder soziale Grundlagen missachtet. Er oder sie muss selber sehen, wie Schuld, Scham und Sühne wieder ins Lot kommen.

„Das mit der Züchtigung ist doch keine Lösung“, werden viele sagen und von Reue und Einkehr zu reden. Netter Versuch - aber die Damen und Herren wissen, dass sie morgen schon wieder „sündigen“ werden. Es sei denn, sie würden ihre Berufe aufgeben.

(1) 24 - 30 Stockschläge - eine sehr übliche Strafe im 18. Jahrhundert. Zitat:

Der stockschilling wird) ... meistentheils nur bey erwachsenen personen maͤnnlichen geschlechts, die ruthenzuͤchtigung aber gewoͤhnlich bei weibsleuten ... gebraucht.
Johann Christian von Quistorp, 1783
Bild: Nach Francis Heuber, Illustrator. Dem Vernehmen nach 1931 in einer Privatausgabe erschienen.