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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Asexualität – neuer Name oder tatsächlich eine Identität?

Für die einen ist es ein medizinisches Phänomen, für die anderen ein solches psychologischer Art und die dritten, die sich des Begriffs bemächtigt haben, ist es eine weitere „sexuelle Identität“.

Um der Sache wirklich näherzukommen, bietet sich eine Betrachtung an, die keine der drei genannten Quellen in Betracht zieht. Denn was „Asexualität“ in der jeweiligen Definition von Fachleuten oder Interessengruppen ist, spielt letztlich keine Rolle.

Kann man wirklich "nicht sexuell" sein?

Im Grunde ist kaum ein Mensch „nicht sexuell“. Wer nichts in den Genitalien spürt, hat dennoch das Gehirn, das ihn zu einer „sexuellen Person“ macht. Und selbst bei den wenigen Menschen, bei denen die Rückkoppelung zwischen Genitalien und Gehirn unterbrochen ist, weil bestimmte Nerven verletzt wurden, haben immer noch eine „Art von Sexualität“.

Sexualität kann auch in Lust allein bestehen

Was ist Sexualität außerhalb der Fortpflanzung? Es ist die Lust, bestimmte Gefühle aus Berührungen (namentlich aus „taktilen“ Kontakten mit Penis oder Klitoris) im Körper hervorzurufen. Diese Gefühle können sich sogar dann noch in Fantasien oder „sinnliche Lüste“ wandeln, wenn die Berührungen der genannten Organe keine „natürlichen“ Reaktionen auslösen.

Die Behauptung, „Asexualität sei die Abwesenheit sexueller Anziehung jedem gegenüber, unabhängig von dessen Geschlecht“, die gerne von Lexika zitiert wird, konnte bisher nie belegt werden. Der „Wunsch nach Masturbation“ beispielsweise wird von den selbst definierten Asexuellen umgewertet in „dem Sexualtrieb folgend“ oder als eine „normale Reaktion des menschlichen Körpers“.

Auch Wissenschaftler verstiegen sich in die kühnsten Vermutungen (Zitat, 1):

Wissenschaftler, die die Physiologie rund um Asexualität studieren, vermuten, dass Menschen, die asexuell sind, zu genitaler Erregung fähig sind, aber Schwierigkeiten mit der sogenannten subjektiven Erregung haben können … (was bedeutet) , dass „während der Körper erregt wird, man subjektiv – auf der Ebene des Geistes und der Emotionen – keine Erregung erfährt“.

Anhand dieses Satzes kann man bereits erkennen, welches Menschenbild den Forschungen zugrunde liegt: Der Körper gehört einer anderen Welt an als die Gefühle. Tatsächlich übertreffen Forscher einander seit langer Zeit darin, immer neue Thesen darüber zu verbreiten. Recht gut wird dies in einem Wissenschaftsbeitrag über Frauen dokumentiert, der von einer Psychologin stammt:

Genitale Erregung ist durch genitale Vasokongestion und andere physiologische Veränderungen gekennzeichnet, die als Reaktion auf sexuelle Reize auftreten, während sich subjektive Erregung auf die geistige Beteiligung während der sexuellen Aktivität bezieht.

(Vasokongestion – physische Erregung durch starke Durchblutung, wissenchaftsjargon)

Kein Sex oder nur "körperlicher" Sex - oder was denn nun eigentlich?

Die Idee, dass die körperliche Erregung sich mit einem Menschen, mit dem man in einer Beziehung lebt, verbinden müsste, ist zwar populär, aber eben auch nur eine Meinung. Sie geht davon aus, dass „nur Sex zu haben“ insbesondere für Frauen unerträglich ist, und dass ein erfülltes Frauenleben die Integration des Körperlichen mit dem Emotionalen einhergehen müsste. Man könnte dies als „sozialromantische Vorstellung“ abtun oder als reine Ideologie. In der Tat geht es letztlich um ein Ideal: die genitale Erregung und die „subjektive“ Erregung sollen demnach möglichst synchron verlaufen, sodass Lust, Liebe und Hingabe eine Einheit bilden. Und gerade dies ist offenkundig nicht so oft der Fall, wie es ein „ideales“ Beziehungskonzept verlangt. Dabei geht es um wesentlichen zwar nicht um Asexualität, wohl aber um die Lustlosigkeit von Frauen, die in den letzten Jahren vielfach Forschungsgegenstand war (Stichwort „Rosa Viagra“). Einer der Gründe war, dass die Pharmaindustrie sich erhoffte, damit ähnlich viel Geld zu verdienen wie mit der „blauen“ Pille für Männer.

Keine Kriterien für "zu viel" oder "zu wenig" Sex - also gib es auch keine Maßstäbe

Im Grunde hat dies alles mit der Kernfrage gar nichts zu tun, ob es eine nennenswerte Gruppe von Menschen gibt, die „asexuell“ sind, und ob diese Bezeichnung wirklich auf eine sexuelle „Identität“ hinweist. Es ist auch weitgehend unklar, ab welchem sexuellen „Appetit“ Menschen als „weitgehend uninteressiert an Sex“ bezeichnet werden. Ebenso unklar ist übrigens nach wie vor das Gegenteil, wie wir an der Diskussion um die „Sexsucht“ vor langer Zeit gesehen haben.

Lösungen? Ja, aber dann bitte individuell

Natürlich habe ich Respekt vor Menschen, die aus unterschiedlichsten Motiven nicht nach Sex verlangen oder dies jedenfalls vorgeben. Sie sind frei zu entscheiden, was sie tun, wie sie es tun und ob sie damit glücklich werden oder nicht. Aber es ist nicht in Ordnung, seitens der „Wissenschaft“ Kategorien von Sexualität zu erfinden, um andere zu verlocken, sich einer „neuen sexuellen Identität“ zu unterwerfen.

Denn: Vieles ist wirklich anders bei der sogenannten „Asexualität“ als bei den Gruppen, die sich als „Homosexuell“ oder ähnlich ausweisen. Bei der sogenannten Asexualität kann es körperliche, psychische, psychosomatische und soziale Gründe geben, warum sich die betroffenen Personen so einschätzen. Auch Glaubens- und andere Weltanschauungsfragen haben gelegentlich noch eine Bedeutung – man denke an Priester, evangelikale Extremisten oder Ordensleute.

Der einzige sinnvolle Rat, den man sogenannten „sexuellen“ Person geben kann, ist einen Weg durchs Leben zu finden, der sie in irgendeiner Weise glücklich macht. Denn das ist das eigentliche Lebensziel: mit dem Potenzial, das jemand hat, das zu tun, was ihm Freude bereitet.

Asexualität - kaum mehr als ein Wort, das der Zeitgeist erfand

Um also die Frage im Titel zu beantworten: Asexualität ist ein neuer Begriff, der einem gewissen „Zeitgeist“ entstammt, nämlich auch die letzten verbliebenen nicht-etikettierten Menschen endlich einen Stempel aufzudrücken. Und das ist, mit Verlaub, eine Zumutung.

Zitate und andere Quellen:

Verständlich und wissenschaftlich, Kurzfassung: Über Frauen,leider nur in Englisch.
Pink Viagra"
Ausführlich (richtet sich an Fachleute, sehr interessant aber auch für interessierte Laien): msdmanuals.
Ein interessanter, allerdings sehr langer englischsprachiger Beitrag diskutiert , wie die LGBT-Gemeinschaft mit Asexuellen umgeht bzw. umgehen sollte.