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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Darf man nach der Scheidung wieder Lust auf Sex haben?

Wenn du eine juristische Antwort willst, dann frag einen Juristen. Wenn du dich aber nur informieren willst, ob es „psychisch“ oder „emotional“ schädlich ist, dann lies einfach weiter.

Der "Seelenzustand"

Neben dem Tod eines Ehepartners ist die plötzliche Trennung ein so einschneidendes Ereignis für das „psychische Wohlbefinden“, dass Worte dafür nur schwer zu finden sind. Auch demjenigen, der verlassen wird, fällt es schwer, den eigenen „Seelenzustand“ zu beschreiben, aber sie oder er wird nicht so kritisch von der Gesellschaft beäugt.

Bei Trennungen oder Scheidungen ist ohnehin oft nur der/die Verlassene von „psychischen“ Lasten gebeutelt. Und „die“ Gesellschaft reagiert eigenartig: Einerseits meidet sie die „Verlassenen“, andererseits werden diese schon bald wieder umworben.

Scheidungsfolgen: Manche flüchten, andere fliegen auf dich

Ganz generell lässt sich sagen: Paare fliehen, weil sie eine „Infektion“ durch Getrennte fürchten. Und Singles wittern Morgenluft: Das gibt es jemanden, den man schnell kapern kann. Und anders als bei den Menschen, die eine verstorbene Person zu betrauern haben, gibt es bei Getrennten und geschiedenen keine „Schonfrist“.

Insofern gibt es auch keine „Trauerzeit“, die meist mit „einem Jahr“ veranschlagt wurde. Wie lange jemand benötigt, um sein „WIR“ loszulassen, dessen Reste auch nach der Trennung immer noch in ihm verbleiben, ist unterschiedlich. Die getrennte oder geschiedene Person muss ja im Wesentlichen vom „WIR“ zurück zum „ICH“. Der Rest sind „psychische Feinheiten“, die wir entweder ausblenden können oder mit denen wir eine Weile leben müssen. Doch so viel sei gesagt: Die Psyche versucht stets, wieder Stabilität zu erlangen – auch, wenn du verlassen worden bist. Bei den meisten Menschen funktioniert diese „Automatik“ tatsächlich: das Gehirn versucht, alle Lebensvorgänge, die das Schiff „Mensch“ zum Schlingern bringt, wieder auf Kurs zu bringen.

Attraktivität testen – auch mit Sex

Du kannst also ohne Weiteres wieder sexuelle Wünsche haben. In der Gesellschaft wird „Sex und Liebe“ immer als „Gesamtpaket“ angesehen – das ist aber völliger Unsinn. Es gib recht viele Männer – und immer mehr Frauen – die gerade nach Trennungen wissen wollen, wie attraktiv sie noch wirken. Die einfachste Art, dies festzustellen, ist ein Date. Endet es im Bett, dann war es ein Erfolg. Diesen Effekt nutzen auch die „Scheidungströster(innen)“, die Menschen sofort nach Trennungen oder Scheidungen als „verfügbar“ ansehen.

Wenn du Zweifel hast und nach Rat suchst: Diese Lust auf Sex ist völlig normal. Die Natur ruft, die Lust kommt. Das hat weder etwas mit Liebe zu tun noch mit der Trauer über die verlorene Liebe. Ja, es geht dabei überhaupt nicht um Liebe.

Nimm, was du willst, aber binde dich nicht vorschnell

Je nachdem, wie jemand empfindet, der verlassen wurde, kann es eine Weile dauern, bis er (sie) wieder „wirklich Vertrauen“ in andere Menschen fasst. Es klingt fast etwas hartherzig, diesen Rat zu geben, aber ich sage es dennoch:

In der ersten Zeit nimm, was dir geboten wird … es gibt sehr viele Frauen und/oder Männer, die bei dir „Naschen“ wollen. Wenn du dich selbst wieder „berappelt“ hast, kannst du an eine neue Liebe denken. Dann wirst du automatisch auf andere Menschen stoßen, die auch nach einer neuen Liebe suchen.

Testfrage: Wie lange bist du schon Single?

Die beliebteste Frage für Dauerbeziehungen ist ja immer: „Wie lange bist du schon Single?“ Sie wird gestellt, um in etwa entscheiden zu können, ob du erstens „wieder“ und zweitens „überhaupt“ bereit bist, eine Beziehung einzugehen. Mit Zeiten von einem bis drei Jahren dürfte jeder zufrieden sein – was darunter ist, führt oft ebenso zur Ablehnung wie das, was wesentlich darüber liegt.

Das Fazit - tu, was dir Freude bereitet

Treffe dich mit Menschen und lass das Ergebnis offen. Nimm alles an, was du wirklich magst und für dich als lustvoll empfindest. Aber verliebe dich nicht und binde dich nicht zu schnell.

Das sollte als Rat durchaus reichen.

Der Morgen - kein Support vom Support, Beige Flaggen und Sinn in Beziehungen

Der Morgen begann heute mit einer E-Mail des „technischen Supports“, deren Inhalt jeder Beschreibung spottet. Ja, ich hatte einen Datenbankfehler, und das hättet ihr merken müssen, Serviceleute! Und je ein Datenbankfehler in zwei verschiedenen Datenbanken an derselben Stelle sollte eigentlich auffallen. Wie ich schon schrieb, habe ich die Fehler gestern beseitigt.

Pest des 21. Jahrhunderts: selbstherrlich Begriffe erfinden - beige Flaggen

Oh ja, der Morgen ringt es an den Tag: „Soziale Netzwerke“ sind eine Pest des 21. Jahrhunderts, weil jeder Blogger oder Netzwerker Begriffe erfinden kann, die dann auch über „offizielle Medien“ verbreitet werden.

Diesmal ist es die „Beige Flagge“ im Plural gebraucht als „beige Flag“. Damit wollte sich eine Tiktokerin aus der Masse an die Öffentlichkeit spülen – und hat es auch geschafft. Denn die „Beigen Flaggen“ stehen für – langweilige Datingpartner.

Und weil wir gerade beim Erfinden sind: Da gab es von der gleichen Netzwerkfrau noch den Begriff „Hot Girl Beige“. Das seien dann „Menschen“ („Girls“ wird nun vermieden), die (1)

… sehr attraktiv sind, sonst aber nicht viel zu bieten haben – oder zumindest auf ihren Profilen quasi nichts über ihren Charakter verraten.

Ich hoffe, dass der Tiktokerin wenigstens ein paar Begriffe zum „Charakter“ einfallen, die nicht den üblichen Standards entsprechen. Denn genau das ist der Knackpunkt bei jedem Profil.

Lesenswert in der NZZ - Beziehungen, therapeutisch gesehen

Ach ja, die NZZ sorgte für das Highlight des Tages. Der Artikel, mit Schweizer Sorgfalt geschrieben, ist lesenswert, und die Aussagen der Therapeutin (Valentina Rauch-Anderegg) klingen kompetent. Was mich ein bisschen störte, war die reißerische Überschrift: „Paartherapeutin aus Zürich über das Geheimnis der Liebe.“ Das bleibt eben ein Geheimnis, egal, was die NZZ da titelte.

Und etwas möchte ich euch noch zitieren (2):

Sich Zeit und Raum zu nehmen und zu geben, um das Wirgefühl zu stärken und sagen zu können: Wir sind ein Team gegen den Rest der Welt, wir packen das. Frischverliebte haben dieses Wirgefühl sehr stark. Sie pflegen es intuitiv. Dauert die Beziehung an, braucht es einen Willen und einen Effort (3) von beiden Seiten, um das Wirgefühl zu stärken.

Das ist zwar nicht das Geheimnis der Liebe, aber einer ihrer Grundpfeiler: das ICH zu erkennen, da DU zu erforschen, ein WIR aufzubauen – und alle dreien dann Raum zum atmen zu lassen.

(1) l'essentiel

(2) NZZ

(3) Schweizerisch für "Eine Anstrengung".