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Wenn der Hering nach dem Brötchen lechzt

Sie bereitet mir ein frisches Fischbrötchen. Sie nimmt das Messer, bricht das längliche, glatte blonde Brötchen auf, sodass sich der weiche, weißliche Inhalt zeigt, und sie sieht mich dabei herausfordernd an. Mir ist es etwas peinlich so angesehen zu werden, zumal von einer Verkäuferin. Ich beschließe, dem Blick auszuweichen verfolge stattdessen die Arbeit ihrer Hände. Sie hat lange, zarte Finger, die nun einen gesäuerten Hering ergreifen. Sie trägt keine Handschuhe, sondern arbeitet mit ihren nackten Händen. Allerdings berührt sie den Fisch nur leicht mit den Fingerspitzen und bugsiert ihn dann mittig zwischen die Hälften des länglichen Brötchens, das sie nun leicht zusammendrückt. Ich wende den Blick wieder vom Hering ab und sehe, dass sie mich beobachtet, während sie schiebbar mit dem Fisch beschäftigt ist. Da ist etwas in ihren Augen, was mich verwirrt, und ich bemerke zu meinem Schrecken, dass ich erröte. Liegt da wirklich nur ein bläulich schimmernder Hering in einem blassen Brötchen mit der hellblonden Kruste? Und warum kräuseln sich ihre Lippen so, als sie den Hering am Ende erfolgreich zwischen die beiden Brötchenhälften bugsiert? „Mit Zwiebeln und Gurke, mein Herr?“ Sie sieht mich viel zu lange an, als sie diese Frage stellt. Ich antworte schnell mit „ja“. Doch ist es nicht selbstverständlich, dass zum Fischbrötchen Zwiebeln und Gurken gehören? Ihr Blick wendet sich von mir ab, und die Hände wechseln zu den Zangen, mit denen sie Gurkenscheiben und Zwiebelringe auf dem Fisch drapiert. Noch ein Salatblatt oben drauf, dann strahlt sie mich an. „Frisch von Hand bereitet schmeckt es doch besser, nicht wahr, mein Herr?“ Ich lächele zurück, und unsere Augen treffen sich. Für einen Moment scheinen ihre Pupillen meine Gedanken auszusaugen und vielleicht noch etwas, das unter diesen Gedanken verborgen liegt. Der durchdringende Blick erlischt nach wenigen Millisekunden und macht wieder einem professionellen, freundlichen Lächeln Platz. „Sie essen es doch gleich?“, fragt sie im Plauderton, „wissen Sie, so frisch zubereitet schmecken sie am besten ... wollen Sie noch eine zusätzliche Serviette?“ Bevor ich antworten kann, geht sie in eine kleine Kammer, wird für mich für einige Sekunden unsichtbar, und bringt dann eine besonders große Serviette zurück mit der ich das Fischbrötchen besser greifen konnte. „Werfen Sie die Serviette nicht gleich weg, wenn Sie gegessen haben“, sagt sie noch, kassiert das Geld für mein Fischbötchen und wendet sich dann ohne zu zögern den nächsten Kunden zu.

Während ich auf einer Bank sitze und mein Fischbrötchen verspeise, denke ich nach. Was ist an einem bläulich schimmernden Fisch in einem aufgeschnittenen weißen Brötchen mit hellblonder Kruste so erregend, dass ich erröte? Es musste die Art gewesen sein, in der sie den Fisch anfasste – so schrecklich unhygienisch, mit den bloßen, spitzen Fingern, beinahe animalisch.

Oder war es der Moment, als der glitschige Hering fest zwischen den Brötchenhälften lag und die Fischerverkäuferin das Brötchen fest zusammendrückte, sodass er nicht wieder hinausglitt? Doch halt – das alles gab mir keinen Grund, plötzlich zu erröten. Und Ihre Augen? Was war so fasziniert an diesen nahezu ungeschminkten Augen, die irgendetwas aus meiner Seele abgesaugt hatten? Und was war es gewesen, was sie dort las?

Das Fischbrötchen ist aufgezehrt, und einer warmer Luftzug bringt mir den Alltag ins Hirn zurück. Nun lache ich über die Gedanken – oh, was für ein Narr ich doch bin – eine Fischbrötchenverkäuferin. Eine Frau an der unernsten Skala der Gastronomie – Serviererin, Verkäuferin, Kaltmamsell und Bedienung in einer Person. Es ist wirklich lächerlich, über ihren Blick nachzudenken. Die Serviette halte ich noch in den Händen. Was sich eine einfache Frau so ausdenkt … und vor allem, was sie mir als Rat mitzugeben wagt: „Werfen Sie die Serviette nicht gleich weg“ … glaubt sie, ich würde sie noch einmal benutzen? Aus reiner Neugier falte ich die Serviette auf und entdeckte ein paar Worte, mit Bleistift geschrieben: „Ich weiß, was du von mir willst. Ruf mich an, und du bekommst es.“ Und dann eine Telefonnummer.

Was geschieht, wenn ein Hering sich dringend danach sehnt, zwischen die beiden Hälften eines weichen, länglichen Brötchens zu geraten? Oder wenn zwei Brötchenhälften sich begierig öffnen, um einen Fisch aufzunehmen? Ich sollte bald mehr darüber erfahren. Ihre Gedanken hatten genau das gelesen, was ich mir selbst nicht eingestehen wollte. Falls sie vielleicht nachfragen: Nein, darüber schreibe ich nicht.

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