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Petting – Begleiter der Jugend in den 1920er und 1960er Jahren

Alles, nur kein "echter" Sex?
Petting – die verschwiegene Lust der Jugend - zweiter Teil: Petting als Kulturphänomen

Petting – ein Kulturphänomen

Zwei Mal in der Geschichte des 20. Jahrhunderts wird „Petting“ zum Thema. Einmal im Zusammenhang mit den „Flappers“ der 1920 Jahre, die man damals in den USA als selbstbewusste junge Frauen ansah. Sie trugen kurze Röcke, hörten Jazz und führten ein Leben nach eigenen Vorstellungen. Die Presse griff dieses Thema begierig auf und lancierte Meldungen über geheime Partys, bei denen sich diese Frauen in frivoler Weise jungen Männern preisgaben. (1). Oder weniger spektakulär:

Petting Partys erlaubten jungen Menschen, mit der Sexualität zu experimentieren, wobei sich sich eigene Grenzen setzten. Die Clique, zu der sie gehörten, ermutigte diese jungen Leute sowohl zu Experimenten, wie sie auch die Grenzen kontrollierte.


Das ist schön erdacht, doch war es in der Praxis wahrscheinlich eher so, dass die jungen Frauen die Grenzen nach eigenem Gutdünken festlegten. Es war die große Zeit der „Halbjungfrauen“, also solcher Frauen, die sexuelle Kontakte zuließen, solange sie nicht in „echtem“ Geschlechtsverkehr endeten.
Unschärfen in der Geschichtsschreibung

Überhaupt ist anzumerken, dass nach der „ersten sexuellen Revolution“ und dem Aufkommen der Frauenbewegung ein „neuer Frauentyp“ entstand (2), der nicht mehr den bisherigen Normen und Bildern folgte. Das offizielle Gesicht, das die militanten Suffragetten in den Vordergrund stellte, dürfte nicht der historischen Wahrheit entsprechen. Die gegen Ende des Ersten Weltkriegs gewonnen persönlichen Freiheiten wurden ebenso dazu genutzt, sich sexuelle Freiheiten zu verschaffen, vor allem unter den jungen Mädchen.

Nach und nach verschwanden die typischen Phänomene des 19. Jahrhunderts, also die Verherrlichung der Jungfernschaft, die Doppelmoral und die verhasste Konvenienzehe.

Die Bereitschaft und die Möglichkeit junger Frauen, ihr neues Selbstbewusstsein auch auf den Körper auszudehnen, schuf eine der Voraussetzungen für das „Petting“. Eine andere Voraussetzung war auch die äußerliche „Zugänglichkeit“. Man muss sich dazu vorstellen, dass keine Frau im späten 19. Jahrhundert ohne Korsett ausging, und dass es bereits als ungehörig galt, sich in einem locker fallenden Unterkleid zu zeigen - geschweige denn sich berühren zu lassen.

Entgegen anderen Aussagen legt beim Petting allerdings jede Frau für sich selbst fest, welche Männer (und manche Frauen) sie in welcher Weise liebkosen duften – damit wurde auch die Entscheidungsgewalt, was „anständiges Verhalten ist“ von der Gesellschaft auf die Person verlagert.

Es heißt, das „lockere, freie und amüsante Leben“ der „Zwanziger Jahre“, und damit auch die Petting-Kutur, hätte mit der Weltwirtschaftskrise ein jähes Ende genommen. Doch sie erlebte eine Renaissance – in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn in dieser Zeit war alles wieder da, was man in den 1920er Jahren schon einmal überwunden hatte: Keuschheitserziehung, Wohlanständigkeit und Doppelmoral erlebten eine neue Blüte.

Liebe und Petting gegen 1960: Die Jugend spielt nach eigenen Regeln

Doch die Jugend spielte nicht mit, denn zu jener Zeit hatten sie sich bereits innerlich von der Elterngeneration distanziert. Das hatte viele Gründe: die Nazi-Vergangenheit vieler Eltern, Unverständnis für die Belange der Jugend, die neugierig auf „das Leben“ war, eine restriktive Politik gegenüber der Jugend und ein Greis als Bundeskanzler. Diesmal bildeten junge Mädchen und junge Männer einen „Pakt gegen die Alten“ und versprachen einander, offener miteinander umzugehen und „alle besser zu machen.“ Offiziell galten die alten Normen „bürgerlichen Anstands“, aber die Fassade war brüchig: Nach der „verlorenen Generation“, den „Beatniks“ und „Pseudo-Existenzialisten“, die eine Art Eigenleben führten, tauchten nach und nach auch neue private und halbprivate Partyveranstalter auf. Gemeinsam mit den Jazzkellern und andere „verrufenen“ Jugendtreffpunkten bildeten sie eine neue, solide Subkultur, die recht gut vernetzt war. Zwischen 1960 und 1968 entstand auf diese Weise eine heimliche Gegenkultur, die viele Gesichter hatte. Doch eine der Forderungen war, junge Leute und ihre Bedürfnisse endlich ernst zu nehmen und Offenheit und Freizügigkeit den Weg zu ebnen. Sie wurde zwar vehement bekämpft, jedoch fehlten den Gegner die Alternativen. Der Jugendkritiker Muchow (3) stellte fest, dass „Petting-Spiele“ ein „Absinken der Koketterie aus dem erotischen in den sexuellen Bereich“ darstellen würden. Er empfahl deshalb, die „Verkörperung“ zu bekämpfen, und dem jungen Menschen stattdessen, und er mahnt stattdessen an, „junge Menschen zur Entfaltung und Pflege der eigentlich seelischen, der gemüthaften geistig-sittlichen Funktionen anzuhalten, um eine Harmonisierung ihres Wesens zu erreichen.“

Die Argumente gegen das „Petting“ würden viele Buchseiten füllen. Bürgerliche Eltern befürchteten zum Beispiel, dass ihre Töchter durch körperliche Kontakte „erweckt“ werden könnten. Dahinter stand die Annahme, dass keine junge Frau wirklich das Bedürfnis nach Sex verspüren würde, solange sie nicht damit Berührung käme. Dabei wurden die Standards der Doppelmoral in Realitäten verwandelt, wie zum Beispiel, dass sich junge Mädchen auf keinen Fall nach dem Geschlechtsverkehr sehnen würden“ … aber „die ganze Glut der körperlichen Leidenschaften könne durch den ersten Geschlechtsverkehr entzündet werden.“ (4)

Die Empfindungen beim Petting

Im Grund war das „Petting“ der jungen Leute der Nachkriegsgeneration nicht wirklich befriedigend, weil es zumeist lediglich der Triebabfuhr diente, aber nicht wirklich genüsslich vollzogen werden konnte. Schon allein die Frage, wie weit man sich ausziehen „durfte“, war heikel, weil man ja jederzeit „erwischt“ werden konnte – und eine wirklich erfüllende Stimulation „unter der Kleidung“ war eher unwahrscheinlich. Und weil die Leidenschaft selten wirklich ausgespielt werden konnte, blieb alles „bruchstückhaft“ und damit letztlich unbefriedigend. Zudem kamen oftmals nachträglich „Gewissensbisse“ auf, weil man letztlich glaubte, etwas „Verbotenes“ getan zu haben. Auch die verinnerlichten Anstandsregeln machten es vielen Jugendlichen unmöglich, wirklich sinnliche, genussvolle Nächte zu erleben. Dies alles änderte sich erst, als jugendliche Sexualität als natürlicher Faktor der Entwicklung zum Erwachsensein angesehen wurde.

Der Niedergang der Petting-Kultur

In der Bundesrepublik Deutschland nahm die Doppelmoral, die in den 1950er/1960er Jahren noch Triumphe feierte, im Laufe der 1960er Jahre langsam nach. Schon zuvor hatten jungen Menschen die Autorität der Elterngeneration ausgehebelt und nach eigenen Lösungen für ein selbstbestimmtes Leben gesucht. Die „Keuschheitserziehung“ und der „Jungfräulichkeitswahn“ waren längst unterhöhlt, als als die Zeitschrift TWEN 1962 die Gretchenfrage stellte: „Als Jungfrau in die Ehe gehen?“ Dabei meldeten sich zahlreiche Frauen und Männer zu Wort, was an sich schon als „ungehörig“ galt, denn nach Ansicht der Elterngeneration war die Jungfräulichkeit der Braut ein Tabu. Die Petting-Kultur brach aber erst endgültig zusammen, als die Jugend 1968 gegen die Institutionen der Bevormundung zu kämpfen begann. Zeitlich in etwas parallel dazu wurde „Die Pille“ als Verhütungsmittel weiträumig bekannt und verordnet. Zwar gab es „offiziell“ noch keine Möglichkeit für unverheiratete Paare, eine Wohnung zu mieten und die Lust somit in völliger Privatheit genießen zu dürfen – aber auch das wurde umgangen.

Kommt Petting zurück?

Heute ist das „Petting“ fast vergessen. Es existiert allerdings weiter als Bruststimulation, Cunnilingus, Fellatio, „Fingern“ sowie in verschiedenen Varianten des Spiels „Tease and Denial“ (Reizen und Verweigern) und etlichen „leichten“ Varianten aus dem SM-Bereich.

Der ursprüngliche Sinn, des „Pettings“, den Geschlechtsverkehr zu vermeiden, indem man sich eine Art „Ersatzbefriedigung“ ausdenkt, ist allerdings verloren gegangen – und niemand weit ihm eine Träne nach.

(1) npr, Zitat nach Professor Paula S. Fass.
(2) The Origins of Sex, London 2012
(3) Muchow: Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend, Reinbek 1959
(4) Traktat, zitiert nach Schwenger: Antisexuelle Propaganda, Reinbek 1969
Anmerkung zu anderen Quellen: Liebeszeitung, 2019

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