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Ist der Orient noch faszinierend?

Orinent-Kitschroman: Teil des Titelbilds
Ist der Orient noch faszinierend? Oder regt er noch die erotische Fantasie der Männer an? Kaum, wäre meien Antwort - aber im 18. und 19. Jahrhundert war das einmal ganz anders.

Kürzlich wurde ich gefragt, ob es noch romantische Vorstellungen vom Orient gibt. Nun bin ich ein ausgewiesener Fan von Scheherazade – und ich meine nicht das Buch, sondern die „Sinfonische Dichtung“ von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow.

Karl May war der populärste Erzähler orientalischer "Märchen"
Wirklich fasziniert vom Orient waren die „Orientalisten“, die im 19. Jahrhundert opulente Werke schufen. Ihnen folgten neugierige, halbgebildete Bürger und deren Kinder. Und während die Erwachsenen erotische Orientromane mit der für das Bürgertum typischen Mischung von Faszination und Abscheu verschlangen, lasen Männer, Frauen und Kinder die aufregenden Orientromane von Karl May im „Deutschen Hausschatz in Wort und Bild“.

Was wussten die Menschen schon vom Orient? Man fand die salomonische Pracht faszinierend, die man überall im Orient vorzufinden glaubte, und die Erotik-Fanatiker interessierten hauptsächlich zwei Themen: Die unglaubliche Wollust der Orientalen, die –man stelle sich vor – Harems mit mehreren Hauptfrauen und zahllosen Sklavinnen unterhielten. Und nicht zuletzt wurden die „Haremsstrafen“ in allen erdenklichen Farben geschildert.

Die Vorstellung einer weißen Sklavin im Harem
Das Schloss eines orientalischen Fürsten nannte man auch „Serail“, und schon im 18. Jahrhundert nutzten Schriftsteller und Librettisten das Thema für Geschichten von weißen Sklavinnen, die ins Serail verschleppt wurden, zum Beispiel „Belmont und Constanze, oder: die Entführung aus dem Serail“. Von Christoph Friedrich Bretzner. Das Singspiel wäre verloren gegangen wäre, wenn es nicht von Johann Gottlieb Stephanie neu gefasst worden und von Mozart vertont wurde. Wie bei mehreren anderen Singspielen (die Zauberflöte) „von Mozart“ war Mozart nicht der Initiator, sondern der Komponist. Wie auch immer: Ein großer Teil der Faszination der Bildungsbürger lässt sich an den Orientalisten der Malerei sowie der „Entführung aus dem Serail“ und der fiktiven Reiseliteratur nach dem Vorbild von Karl May festmachen. Die Erotik stammt ebenfalls hauptsächlich der Darstellung von nackten (oftmals weißen) Sklavinnen und aus Büchern über Slavenhalter, die dann auch oftmals flagellantische Motive enthalten.

Beliebtes Thema: weiße Sklavinnen im Orient
Das Thema flackerte in den 1950er Jahren noch einmal kurz auf, als zahlreiche "Orientromane" als Groschenhefte verlegt wurden. (Titelbild dieses Artikels). Wie auch schon früher, lagen Kunst und Kitsch in der Orientbetrachtung Seite an Seite.

Was fasziniert heute noch am Orient? Hauptsächlich die Erinnerung der Menschen an Erzählungen, Gemälde und Libretti. Was davon noch erkennbar ist, wird manchem klar, der einmal das Glück hatte, in die sinnlich erscheinenden Augen einer jungen Frau aus der Levante (dem Vorderen Orient) zu sehen, die immer noch „märchenhaft“ wirken.

Bilder:
Titel: "Liebesabenteuer im Orient", Sittenroman-Reihe, No. 1, Teilansicht
(oben links) Titelbild aus der Zeitschrift, die Karl May veröffentlichte.
Unten: Otto Pilny, der Skalvenmarkt (1910)
Unten: ???, Orientalist.

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