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Der Mythos vom "Berkley Horse"

Links: Moderne Nachbildung, rechts: Originalzeichnung, entzerrt. Die Figur zum Größenvergleich
Der Mythos um den legendären Prügelbock begann mit dem Tod der Theresa Berkley im Jahre 1836, als ihr Vermögen durch Verzicht der Erben an die Krone fiel. Alle Unterlagen, die sich damals im Besitz von Frau Berkley befanden, wurden angeblich zerstört. Doch nun begannen die Gerüchte zu brodeln. Das bekannteste drehte sich tatsächlich um das mysteriöse „Berkley Horse“.

Die Geschichte diese Prügelbocks ist wird mit Pseudo-Belegen untermauert, die allesamt wertlos sind, weil keiner der angeblichen Belege zum Zeitpunkt der Untersuchungen wirklich existierte. Lesen wir einfach nach (1,2):

In Mrs. Berkleys Memoiren befand sich ein Kupferstich, der das „Pferd“ in Action darstellte. Man sieht Mrs. Berkley eigenhändig die Posteriora des auf dem Chevalet befestigten Mannes peitschen, während ein auf einem Stuhl darunter sitzendes stark dekolletiertes Mädchen ihm Dienste als "Frictrix" (3) leistet. Eine Abbildung des „Pferdes“ findet sich in der Ausgabe der „Venus School-Mistress“ von 1836, wonach Pisanus Fraxi es in seinem „.Index Librorum Prohibitorum“ zu Seite XLIV reproduciren liess. Nach dieser Reproduction wurde das Bild wiederholt bei Hansen „Stock und Peitsche“ S. 167 und Eulenburg „Sadismus und Masochismus“ S. 61. Man findet das Chevalet auch auf modernen Flagellationsbildern. In Paris soll es während der Weltausstellung von 1900 practische Verwendung und viel Anerkennung bei Lebemännern gefunden haben.


Bei so viel Experten und Zeitzeugen (Bloch, Hansen, Fraxi, Euleburg, Besucher der Weltausstellung) wäre es sehr unwahrscheinlich, wenn ein Bild ganz und gar verschwände. Eigenartig ist auch, dass niemand auf dieser Welt mehr ein Exemplar des Bildes, sei es aus den Büchern oder kopiert, in Händen halten würde.

Informationen aus zweiter und dritter Hand

Wie in der heutigen Zeit auch, brüsteten sich Journalisten und Buchautoren auch damals mit einem angeblichen „authentischen“ Wissen. Die Gentlemen, die im Etablissement von Frau Berkley verkehrten, hüteten sich, darüber zu sprechen, und die wenigen, die man wirklich zum Reden brachte, sprachen vom „Chevalet“, also einem Gestell, an das man einen Mann festbindet, während er geschlagen wird. Jede „Gouvernante“, ob sich nun um die Inhaberin des Etablissements oder eine Angestellte handelte, war auf solche „Prügelböcke“ angewiesen – denn das waren sie im engeren Sinne. Wie bereits erwähnt, dienten sie einerseits der Vervollständigung der Illusion, der Gouvernante ausgeliefert zu sein, wie auch zur Sicherheit der Besucher.

Woher stammten die Ideen für die Prügelböcke?

Bild aus einem Zeitungsbericht, angeblich aus 1905
Die meisten Ideen für Prügelböcke in erotischen Etablissements lassen sich auf den Vollzug von Prügelstrafen in der Justiz zurückführen, ein kleinerer Teil auf die Praxis der häuslichen Züchtigung (insbesondere an Domestiken) und der schulischen Züchtigung (insbesondere in Internaten). Die Idee, die Justiz als Vorbild zu nehmen, ist nicht so abwegig, wie es scheint, denn die Etablissements benötigten besonders stabile, schwere Geräte, die für den Dauergebrauch geeignet waren. Man kann durchaus annehmen, dass ein solches Gerät in einem Flagellationsbordell noch weitaus häufiger gebraucht wurde als im Zuchthaus. Die Idee zum Modell, das angeblich von Frau Berkley verwendet wurde, entstammt sehr wahrscheinlich einem Londoner Zuchthaus. Eine Leiterkonstruktion vorne, eine Auflage für den Körper, verschiedene Ösen, um Riemen daran zu befestigten – das alles deutet auf das Vorbild eines Zuchthauses hin. Allerdings ist die Zeichnung selbst eindeutig ein Produkt der Fantasie. Wenngleich Iwan Bloch davon ausgeht, dass es sich um eine „Leiterkonstruktion“ handelt, ist seine Schilderung die Grundlage der Illusion, man könne mithilfe des Geräts einen Gentleman „in jeder beliebigen Lage“ peitschen.

Lassen wir also Iwan Bloch alias Dr. Eugen Dühren noch einmal zu Wort kommen:

Im Wesentlichen ist es eine verstellbare Leiter, die bis zu einem beträchtlichen Grade ausgespannt werden kann und auf welcher der Betreffende festgeschnallt wurde, indem für Kopf und Genitalien Öffnungen gelassen wurden.
Die labile, starre Leiter – ein Trugbild

Das klingt zunächst recht plausibel: Wenn man eine Prügelbank so schräg aufstellen würde wie eine Leiter, dann ist der Zugriff auf die Genitalien erstens leichter und zweitens sichtbar. Zudem könnte sich der Gast an der schönen Hure erfreuen, die wenig bekleidet vor ihm sitzt. Der optische wie der taktile Eindruck wäre ideal, um Lust und Leid miteinander zu kombinieren.

Des "Horse": Reine Fantasie?
Doch dem „Horse“ in der bekannten Zeichnung fehlt alles Wesentliche außer den Öffnungen für Kopf und Genitalien, die von den Autoren so heftig strapaziert wurden. Die schweren Leitern, wie sie in Zuchthäusern gebraucht wurden, waren wesentlich stabiler und durchsichtig genug, um ähnliche Effekte zu ermöglichen. Ein etwas gefälligeres Äußeres in einem entsprechenden Ambiente – und schon wäre das Gerät ebenso nützlich wie sinnvoll gewesen.

Auffällig sind ferner die Fußstützen, die keinen rechten Sinn ergeben, wenn der Besucher aufrecht gepeitscht wird. Das Merkwürdigste an der bekannten Grafik "Berkley Horse" ist jedoch, dass sich dieses Gerät in keiner Weise an die Körpergröße anpassen lässt. Nach der Zeichnung konnte man weder die Auflagen verschieben noch gab es genügend Ösen, um eine effektive Fesselung zu ermöglichen. Eine der offenen Fragen ist auch, wie die Arme zugleich geschützt und fixiert werden konnten, die bei dieser Konstruktion über dem Rahmen liegen.

Das verschwundene Pferd

Eine Zeichnung ohne Quelle
Von einem derartig sensationellen Gerät, das angeblich so vielfältig einzusetzen war und sich allerhöchster Beliebtheit erfreute, erwartet man im Allgemeinen, das es vielfältig kopiert und entsprechend nachgebaut wurde. Dazu wären nicht einmal Originalzeichnungen nötig gewesen – glaubwürdige Schilderungen des Personals hätten genügt. Auch das Original muss noch einige Zeit verfügbar gewesen sein, sodass es möglich gewesen wäre, zutreffende Zeichnungen davon anfertigen zu lassen.

Doch nichts davon ist geschehen. Nach dem heutigen Kenntnisstand gab es zwei Versuche, das Gerät in neuerer Zeit nachzubauen. Einmal aus Holz, weitgehend in den Originalproportionen und mit Fußstütze, aber mit einer erweiterten Öffnung für den Kopf. Dafür wurde auf die Öffnung vor den Knien verzichtet. Die Polsterung für den Oberkörper wurde in Höhe der Schultern angebracht, und die unteren Befestigungsringe wurden auf Wadenhöhe verlagert. Der andere bekannte Nachbau verzichtete auf die Fußstützen, war mit mehreren Ringen zu Befestigen ausgestattet und ganzflächig gepolstert. Bei beiden Exemplaren stand die Zeichnung aus unbekannter Feder Pate. Zugänglich waren in allen Entwürfen der Kopf sowie die Genitalien, Unterschiede gab es im Zugang zu den Knien und den Brustwarzen.

Ob diese Exemplare in heutigen „Studios“ wirklich zum Einsatz kamen, ist fragwürdig. Neben den schon beschriebenen Schwierigkeiten benötigen solche Leiterkonstruktionen viel Platz – doch ihr praktischer Wert kann nicht recht erkannt werden. Auf den Webseiten, auf denen sie zu sehen sind oder zu sehen waren, stehen sie jedenfalls nicht mehr im Bereich der schweren Flagellations-Böcke.

Nach meinen Informationen stehen auch keine Miniaturen des Horses zur Verfügung, obgleich es inzwischen reichlich Angebote anderer Gerätschaften wie beispielsweise Andreaskreuze im Miniaturformat gibt.

Wurde das „Horse“ also zu Recht vergessen?

Unter den wahrscheinlichen Szenarien bieten sich diese an:

1. Das „echte“ Horse gab es nicht. Es ist eine reine Erfindung.
2. Es gab ein solches „Horse“, aber es war völlig anders konstruiert.
3. Es gab ein „Horse“ ähnlicher Art, nur mit weitaus mehr Finessen.


Schließlich wäre es auch möglich, dass die „beidseitige“ Bedienung der Herren später nicht mehr erwünscht war, denn angeblich wurde das Horse ja speziell für diesen Fall entworfen.

Was auch immer das „Berkley Horse“ war – es war nicht das labile Instrument, das bis heute immer wieder „vorgezeigt“ wird.

(1) Zitate (im Original) aus archiv.org.
(2) Dr. Eugen Düren (Iwan Bloch) präsentiert in einem anderen Werk folgende Version, in der er sich erneut auf Pisanus Fraxi beruft:
In Mrs. Berkleys Memoiren befindet sich eine Grafik (des Horses), auf der ein Mann dargestellt wird, der ganz nackt ist. Eine Frau sitzt genau darunter auf einem Stuhl, bei der Brust, Bauch und Scham entblößt sind. Sie bearbeitet manuell sein Embolon, während Frau Berkley seine Gesäßbacken mit der Rute schlägt. Bei der weiblichen Person handelt es sich um eine Frictrix namens Fisher, eine nette, große, dunkelhaarige junge Frau. Aus: Der Marquis de Sade und seine Zeit, Berlin 1917. Übersetzung vom Autor dieses Artikels.
(3) Frictrix = Frictrice, "Reiberin". Embolon: Glied, Penis.

Die Bilder entstammen unterschiedlichen Quellen. Das Titelbild steht unter © 2020 by Liebesverlag.de Zur Recherche wurden etwa 200 Webseiten unterschiedlicher Qualität und einige Bücher benutzt.

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