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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Ein fast ganz gewöhnlicher Weihnachtsabend für brave Mädchen

„Warst du denn auch immer hübsch artig?“

Ich erinnere mich gut an diese Frage, die mal der Nikolaus, dann aber auch wieder der Weihnachtsmann stellte. Die Zeremonie begann jedes Jahr damit, dass wir Kinder ein Weihnachtsgedicht aufsagen mussten.

Zuerst musste ich einen Knicks vor den meinem versammelten Publikum machen, deren Mitglieder ich hier aufzählen will: hässliche, aber grell geschminkte und von billigem „Au de Cologne“ durchtränkte Tanten und Großtanten. Dazu noch der eine oder andere Onkel, nach Rum und Zigarren riechend. Die Großmutter, die alljährlich große Dame spielen, wenn die Adventszeit nahte, dazu noch eine spitznasige und reichlich zickige Cousine.

Der Weihnachtsmann, dies sei vorausgeschickt, nahm niemals Höchstselbst an diesem Teil der Veranstaltung teil, denn die Großmutter klingelte erst immer nach ihm, wenn das Urteil über die Güte des Gedichtvortrags feststand.

Nach dem Knicks, den ich nach Art einer Bediensteten ausführen musste, war meine Pflicht, engelhaft und brav zu wirken, bevor ich mein Gedicht aufsagt. Am schönsten war es für Großmutter, wenn die Tanten „ach wie süß“ murmelten, währen der Onkel entzückt auf meine Haltung achtete. Und dann … nun, es lief nicht ganz, wie gedacht. Ich haspelte mich so durch, handelte mir eine Rüge ein, warum ich nicht fleißiger gelernt hatte, und musste das Podium an meine Cousine Beate abgeben, die fast erwachsen war und einen sehr kurzen Rock trug, bevor sie knickste und sich dann in Positur stellte, wobei dem bereits erwähnten Onkel Fritz beinahe die Augen herausfielen angesichts der „leckeren Rundungen“, sie sie bereits entwickelt hatte.

Sie begann noch mit dem kolossalen Epos von Eichendorff, „Markt und Straßen sind verlassen, hell erleuchtet jedes Haus ...“ Doch dann endete ihr Vortrag abrupt und sie sagte mehr zornig als entschuldigend: „Ich kann mir den Blödsinn einfach nicht merken“.

Die Gesellschaft der lieben Verwandten erstarrte wie in eine rituelle Voodoo-Szene, die ich im Museum gesehen hatte. Schließlich ergriff ihre Mutter Thea das Wort und sagte: „Kind, wie kannst du mir so etwas antun … hier vor allen Leuten.“

Beate trotze sichtbar. „Ich glaube, ich bin zu alt, mich hier zum Püppchen machen zu lassen, damit ihr eure Vorstellung bewahren könnt, ich wäre noch ein kleines Mädchen“.

Wer weiß, was aus der Szenerie geworden wäre, wenn in diesem Moment nicht der Rauschebart eingetreten wäre, frisch von „Draus‘ vom Walde“. Sicherlich bemerkte er, dass er seinen Auftritt falsch geplant hatte. Doch angesichts der Situation und in Unkenntnis des Vorfalls fragte er Beate, ob sie denn auch immer brav gewesen wäre. „So brav, wie es in deinen Büchern steht, lieber Weihnachtsmann.“

Jener war sich seiner Sache sicher, überreichte ein kleines Geschenk, wie man es so tut als Weihnachtsmann und fragte in die Runde: Und ihr, wart ihr auch alle brav? Natürlich nickten alle, doch Onkel Fritz konnte nicht umhin, zu petzen, dass ich mein Gedicht nur schlecht gelernt hätte und Beate gar „ein unsägliches Wort“ gesagt habe.

Der Weihnachtsmann blickte in die Runde, grübelte ein wenig und sagte theatralisch: „Und soll ich die Rute herausholen und sie auf einem der Gesäße der Jugend verwenden, damit dererlei nicht mehr vorkommen möge?“ Die Gesellschaft schwieg still, und der Weihnachtsmann war froh, dass von ihm keine körperlichen Strafaktionen dieser Art verlangt wurde.

Doch als er den Raum verlassen hatte, folgte ihm Tante Thea auf dem Fuß – und erst viel später fiel den wenigen nüchtern gebliebenen Verwandten auf, dass sie fehlte. Und weil es ja nicht ungewöhnlich war, dass der Weihnachtsmann nach seinem kurzen Auftritt verschwand, vermisste man auch keine andere Person. Zumal nicht die eigenwillige Tante Thea, das schwarze Schaf der Familie.

Während die erwachsenen Weihnachtsgäste nach und nach in den Zustand des Vollrausches eingetreten waren, lagen Beate und ich in unsere Betten und ich fragte vorsichtig, warum der Weihnachtsmann zusammen mit Tante Thea verschwunden war und die Tante nicht wieder zurückkam.

„Weil sie ein böses Mädchen ist - und sie die Rute bekommen wollte.“

„Die Rute?“

„Ich kann es dir jetzt nicht erklären. Frag mich, wenn du alt genug bist.“

Ich dachte in dieser Weihnachtsnacht nicht mehr darüber nach. Aber die Tante tauchte am nächsten Tag wieder auf, als wäre nichts gewesen. Und wen auch immer ich fragte, sagte nur „ach das verstehst du noch nicht, mein Kind.“

Inzwischen bin ich kein Kind mehr und kann es mir denken. Auch wenn es sich sicher nicht um das wundersame Singen handelte, von dem Eichendoff schrieb, sondern eher um das heil’ge Schauern.

Sagt mal, wird euch auch gerade „ganz anders“?

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