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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Wie man sich nicht fühlt

Denken wir mal an einen Penis, halb erigiert. Und nehmen wir mal an, er wäre noch in der Hose, und sie würde so geschnitten sein, dass man die Erektion nichts sofort sieht.

Der Mediziner weiß, was genau da abläuft und was der Körper damit beabsichtigt. Der Psychologe weiß es auch, aber er betrachtet die Sache nicht so haarscharf.

Biologische Prozesse als Gefühle?

Nun ist die Erektion nicht ganz per Zufall da. Der Mann, zu dem der Penis gehört, kann bei einem Date vor einer attraktiven Frau sitzen, aber durchaus auch von einem tollen Mann begeistert sein. Er kann von seinen Gedanken geil geworden sein oder von einem pornografischen Film, den er gerade ansieht. Der biologische Prozess kümmert sich nicht um „das Gefühl“, obgleich er es zu beeinflussen versteht.

Geil werden - ist das "Fühlen"?

Kaum jemand wagt, Gefühle zu beschreiben. Befragt man Menschen, ob sie überhaupt etwas beim Ansehen einer erotischen Szene oder einer Kopulation „gefühlt“ haben, so antworten sie meist mit „ach, gar nicht viel“. Die meisten – das wissen wir ziemlich sicher – sagen uns vielleicht, was sie dabei gedacht haben. Es sei „ekelhaft“ oder „widerlich“ gewesen oder „obszön“. Kaum jemand wird uns sagen, es sei „sehr anregend“ gewesen, selbst wenn der Penis oder die Schamlippen durchaus schon Regungen zeigen. Das alles ist bewiesen, und im Grund genommen weiß es jeder, der zu sich selbst ehrlich ist.

Lust, Erregung, Gefühle und Mückenstiche

Autoren erotischer Bücher müssen es gelegentlich zugeben, jedenfalls dann, wenn sie selbst „tief in die Szenen“ abtauchen. Deshalb schrieb Elisabeth Benedict in ihrem Buch „Erotik schreiben“, es sei - wirklich (!) - völlig in Ordnung, wenn Sie beim Schreiben erregt werden.“

Je intimer jemand schreibt, umso mehr gewinnt die Situation an „aufkommende Geilheit“, und das kann jemand nur, wenn er oder sie sich „unter die Haut“ begibt. Man nennt das auch „einfühlen“ – aber sind es Gefühle? Wenn wir die Wirkung eines Mückenstichs genau beschreiben würden – wäre das eine Gefühlsbeschreibung?

Sind es schon Gefühle, wenn man die Lust so beschreibt?

Sehr wahrscheinlich nicht. Denn die Gefühle packen uns von innen, rütteln uns auf, treiben uns möglicherweise in die schöne Umnachtung, der treibe, die uns steuern, ohne dass wir es letztlich verhindern können.

Zustände als Gefühle?

Ich höre immer auf die Meinungen von Menschen – aber Gefühle? Sie sind selten dabei. Wenn überhaupt, werden plakative Zustände als Gefühle ausgegeben. Wie soll man auch eine „rückhaltlose Hingabe“ beschreiben? Oder ein „animalisches Verlangen?“ Was fühlt jemand, wenn er nicht wirklich fühlt, sondern sich von der Lust treiben lässt? Und bevor ihr sagt: „So etwas mache ich doch nicht!“: Haltet ein. Ihr habt die Stoffe jederzeit „an Bord“, die so etwas auslösen können. Und das könne sie auch bei euch.

Gefühle abseits vom Gefühl?

Nun wären da noch die Mahner. Sie raten uns, auf unsere Gefühle zu achten, sie einzuordnen, auszubauen und umzuwandeln. Das ist sicher ehrenwert, nur ist die Frage: „Wovon sprechen sie eigentlich, wenn sie von ‚Gefühlen‘ sprechen?“ Hat das wirklich etwas mit den Gefühlen zu tun, und wenn ja, mit welchen? Wissen sie, was sie sagen, wenn sie beispielsweise das Wort „Liebe“ verwenden?

Reden wir nicht längst über „viel zu viel Gefühl?“ Wer Bindungen eingeht, der weiß genau, dass sie sich nicht ausschließlich an Gefühlen festzurren lassen, schon gar nicht an so mehrdeutigen wie dem Wort „Liebe“.

Lassen wir es doch einfach dabei, dass wir als „Liebende“ etwas füreinander empfinden, was über das hinausgeht, was wir für andere Menschen empfinden. Wir fühlen es, und das ist gut so. Und es ist wirklich schon genug.

Das Date - und nochmals der Penis

Noch ein Nachsatz? Es ist absolut normal, dass dein Partner beim Date einen steifen Penis bekommt, wenn er dich mag. Und wenn du auf dich achtest und von „Schmetterlingen“ redest, dann sei bitte ehrlich – das sind keine „Schmetterlinge“. Das ist Begierde, und sie gehört einfach dazu.

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