Gleichheit als Fetisch der Partnerwahl?
Gestern habe ich über Gleichheit bei der Auswahl der Partner geschrieben – und mich dabei hauptsächlich mit KI und ähnlichen Randerscheinungen beschäftigt.
Heute will ich Tacheles reden. Denn weder der Volksmund noch die Wissenschaft haben die Weisheit mit Löffeln gegessen. Sie ist – Pardon, liebe Wissenschaftler – viel einfacher.
Die Orte der Gleichheit - Dorf, Kleinstadt, Kiez, soziale Umgebung
Ich schaue mal auf das Dorf, die Kleinstadt oder das Stadtviertel, auch „Kiez“ genannt. Man weiß, wer noch ledig ist, und natürlich auch, wer einen Partner sucht. Und man kennt die Menschen über 25, die noch „zur Verfügung“ stehen. Die meisten davon sind „uns gleich“. Nehmen wir Hanni – es ist nicht ihr richtiger Name. Sie wurde in einem überschaubaren Viertel der großen Stadt geboren, ging dort zur Schule, heiratete den Sohn des Nachbarn und lebt weiterhin dort. Sie hätte nie nach Gleichheit gefragt. Warum auch?
Die Verschiedenheit beginnt, wenn du Neuland betrittst
Das ist bis heute noch ähnlich – wer sein Dorf, seine Kleinstadt oder sein Stadtviertel verlässt, kommt mit der Verschiedenheit in Berührung. Wer gar in eine andere Stadt oder in ein anderes Land zieht, spürt die Verschiedenheit in jedem Fall – und besinnt sich manchmal auf „Gleichheit“, also den „Menschenschlag“, den er kennt.
Der Weg in die Verschiedenheit kann vielfältig sein. Manchmal reicht ein anderes Stadtviertel mit anderen sozialen Bedingungen, in dem die Menschen plötzlich als „interessanter“ erscheinen. Manchmal ist es der Weg von West nach Ost, von Nord nach Süd.
Der Weg in die Verschiedenheit - von der Zeitungsanzeige zum Online-Dating
Der klassische Weg für Partnersuchende über 25, war lange Zeit die „Zeitungsanzeige“, mal unter „Heiraten“ und mal unter „Bekanntschaften“ aufgegeben. Sie brachte Personen zusammen, die zunächst einmal single waren, aber nicht zwangsläufig aus dem gleichen Milieu stammten. Wer diesen Weg ging, musste sich darauf einlassen, dass er oder sie nun auf Menschen traf, die abweichende Lebensentwürfe hatten.
Die sogenannten „Single-Börsen“, „Online Partnervermittler“ und „Apps“ ermöglichten zu Beginn des 21. Jahrhunderts dann Reisen kurz und quer durch den Menschenzoo. Und bevor daraus „die große Wurstfabrik“ der Gefühle wurde, bei denen man die Haut zu Markte trug und sonst gar nichts, erfand man das „Matching“ - auch „Partnerübereinstimmung“ genannt.
Der Versuch, neue Gleichheiten zu erschaffen
Das beruht auf der einfachen Tatsache, dass wir uns am wohlsten fühlen, wenn wir Menschen treffen, die uns ähnlich sind – also solche, die aus dem gleichen „virtuellen Kiez“ kommen. Also versuchte man, Personen zusammenzuschweißen, die in einer „relativen Nachbarschaft“ (etwa 25 Kilometer) wohnten. Dazu kam noch die Bildung, die als Wertstufe angesehen wurde, und der Beruf, um den sozialen Status zu ermitteln. Sozusagen „obendrauf“ kamen noch zwei oder drei Begriffe aus den fünf Standards der Psychologie („Big Five“) – und fertig war die Liebeslaube. Der Zeitgeist brachte später noch einige umstrittene „Passungen“ mit: beispielsweise Musikgeschmack und Freizeitaktivitäten.
Psycho-Fetische, Respekt vor dem Individuum und das reale Leben
Mit den Jahren wurde die Gleichheitshypothese immer mehr zum Fetisch der Wissenschaft. Krass gesagt; man liebte es, den Menschen auf ein paar Fummel seiner Psyche zu reduzieren, statt ihn mit seinen großartigen Möglichkeiten zu respektieren.
So weit die Theorie. Ob es bei einem Paar „passte“ lag letztendlich an den beiden Personen, die in der „Persönlichkeit“ des anderen oft eher eine „Ergänzung“ als eine „Übereinstimmung“ suchten. Von Liebe, Lust und Leidenschaft ganz zu schweigen.
Und abseits des Online-Datings? Wie verhält es sich da?
Höchst einfach. Wenn wir einen völlig fremden Menschen kennenlernen, fallen uns zuerst die Unterschiede auf. Das heißt, wir wissen meist recht genau, was uns unterscheidet. Suchen wir jedoch nach Gemeinsamkeiten, so zeigen sich diese erst dann, wenn wir miteinander etwas unternehmen – und zwar nicht nur einmal und nicht immer das Gleiche. Wir müssen uns also darum bemühen, die Gemeinsamkeiten zu entdecken.
In diesem Rahmen bemerken wir dann auch, welche „Gleichheiten“ gefallen, welche Ähnlichkeiten wir schätzen, welche Ergänzungen uns nützen und welche Unterschiede wir positiv nutzen können. Und nun, gegen Schluss, zitiere ich nochmals den Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Jürg Willi. (1) Er fragte:
Und er fand eine einfache Antwort auf diese Frage:
Was das bedeutet? Nicht mehr und nicht weniger, als dass wir dafür sorgen müssen, dass wir eine Gleichheit in der Verschiedenheit finden und die Verschiedenheit anerkennen, die auch bei Gleichheit besteht.
(1) Jürg Willi "Die Zweierbeziehung", Original 1975 Reinbek, zitiert aus der 6.Auflage von 2022, Seite 227.
(2) das ergänzende Zusammenspiel.
(3) Gemeinsames Handeln oder miteinander kommunizieren.
Heute will ich Tacheles reden. Denn weder der Volksmund noch die Wissenschaft haben die Weisheit mit Löffeln gegessen. Sie ist – Pardon, liebe Wissenschaftler – viel einfacher.
Die Orte der Gleichheit - Dorf, Kleinstadt, Kiez, soziale Umgebung
Ich schaue mal auf das Dorf, die Kleinstadt oder das Stadtviertel, auch „Kiez“ genannt. Man weiß, wer noch ledig ist, und natürlich auch, wer einen Partner sucht. Und man kennt die Menschen über 25, die noch „zur Verfügung“ stehen. Die meisten davon sind „uns gleich“. Nehmen wir Hanni – es ist nicht ihr richtiger Name. Sie wurde in einem überschaubaren Viertel der großen Stadt geboren, ging dort zur Schule, heiratete den Sohn des Nachbarn und lebt weiterhin dort. Sie hätte nie nach Gleichheit gefragt. Warum auch?
Die Verschiedenheit beginnt, wenn du Neuland betrittst
Das ist bis heute noch ähnlich – wer sein Dorf, seine Kleinstadt oder sein Stadtviertel verlässt, kommt mit der Verschiedenheit in Berührung. Wer gar in eine andere Stadt oder in ein anderes Land zieht, spürt die Verschiedenheit in jedem Fall – und besinnt sich manchmal auf „Gleichheit“, also den „Menschenschlag“, den er kennt.
Der Weg in die Verschiedenheit kann vielfältig sein. Manchmal reicht ein anderes Stadtviertel mit anderen sozialen Bedingungen, in dem die Menschen plötzlich als „interessanter“ erscheinen. Manchmal ist es der Weg von West nach Ost, von Nord nach Süd.
Der Weg in die Verschiedenheit - von der Zeitungsanzeige zum Online-Dating
Der klassische Weg für Partnersuchende über 25, war lange Zeit die „Zeitungsanzeige“, mal unter „Heiraten“ und mal unter „Bekanntschaften“ aufgegeben. Sie brachte Personen zusammen, die zunächst einmal single waren, aber nicht zwangsläufig aus dem gleichen Milieu stammten. Wer diesen Weg ging, musste sich darauf einlassen, dass er oder sie nun auf Menschen traf, die abweichende Lebensentwürfe hatten.
Die sogenannten „Single-Börsen“, „Online Partnervermittler“ und „Apps“ ermöglichten zu Beginn des 21. Jahrhunderts dann Reisen kurz und quer durch den Menschenzoo. Und bevor daraus „die große Wurstfabrik“ der Gefühle wurde, bei denen man die Haut zu Markte trug und sonst gar nichts, erfand man das „Matching“ - auch „Partnerübereinstimmung“ genannt.
Der Versuch, neue Gleichheiten zu erschaffen
Das beruht auf der einfachen Tatsache, dass wir uns am wohlsten fühlen, wenn wir Menschen treffen, die uns ähnlich sind – also solche, die aus dem gleichen „virtuellen Kiez“ kommen. Also versuchte man, Personen zusammenzuschweißen, die in einer „relativen Nachbarschaft“ (etwa 25 Kilometer) wohnten. Dazu kam noch die Bildung, die als Wertstufe angesehen wurde, und der Beruf, um den sozialen Status zu ermitteln. Sozusagen „obendrauf“ kamen noch zwei oder drei Begriffe aus den fünf Standards der Psychologie („Big Five“) – und fertig war die Liebeslaube. Der Zeitgeist brachte später noch einige umstrittene „Passungen“ mit: beispielsweise Musikgeschmack und Freizeitaktivitäten.
Psycho-Fetische, Respekt vor dem Individuum und das reale Leben
Mit den Jahren wurde die Gleichheitshypothese immer mehr zum Fetisch der Wissenschaft. Krass gesagt; man liebte es, den Menschen auf ein paar Fummel seiner Psyche zu reduzieren, statt ihn mit seinen großartigen Möglichkeiten zu respektieren.
So weit die Theorie. Ob es bei einem Paar „passte“ lag letztendlich an den beiden Personen, die in der „Persönlichkeit“ des anderen oft eher eine „Ergänzung“ als eine „Übereinstimmung“ suchten. Von Liebe, Lust und Leidenschaft ganz zu schweigen.
Und abseits des Online-Datings? Wie verhält es sich da?
Höchst einfach. Wenn wir einen völlig fremden Menschen kennenlernen, fallen uns zuerst die Unterschiede auf. Das heißt, wir wissen meist recht genau, was uns unterscheidet. Suchen wir jedoch nach Gemeinsamkeiten, so zeigen sich diese erst dann, wenn wir miteinander etwas unternehmen – und zwar nicht nur einmal und nicht immer das Gleiche. Wir müssen uns also darum bemühen, die Gemeinsamkeiten zu entdecken.
In diesem Rahmen bemerken wir dann auch, welche „Gleichheiten“ gefallen, welche Ähnlichkeiten wir schätzen, welche Ergänzungen uns nützen und welche Unterschiede wir positiv nutzen können. Und nun, gegen Schluss, zitiere ich nochmals den Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Jürg Willi. (1) Er fragte:
Ergibt sich die kollusive (2) Ergänzung der Partner aus ihrer vorbestehenden Persönlichkeitsstruktur oder erst aus einem beiderseitigen Anpassungsprozess?
Und er fand eine einfache Antwort auf diese Frage:
Jeder erlebt und verhält sich als Persönlichkeit anders, je nachdem, mit welchem Partner er in Interaktion (3) steht.
Was das bedeutet? Nicht mehr und nicht weniger, als dass wir dafür sorgen müssen, dass wir eine Gleichheit in der Verschiedenheit finden und die Verschiedenheit anerkennen, die auch bei Gleichheit besteht.
(1) Jürg Willi "Die Zweierbeziehung", Original 1975 Reinbek, zitiert aus der 6.Auflage von 2022, Seite 227.
(2) das ergänzende Zusammenspiel.
(3) Gemeinsames Handeln oder miteinander kommunizieren.

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