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Autorendialog: Wenn ich von der Liebe schreibe …

Es ist schwer, von der Liebe zu schreiben, vor allem in einem erotischen Roman. Die meisten Leserinnen und Leser erwarten von einem „großen Liebesroman“ die Wiederholung gängiger Klischees über die Liebe, die fast stets als große, schicksalshafte Himmelsmacht dargestellt wird.

Weil kaum jemand über wirklich authentisch Gefühle schreiben will (oder kann?) schreiben fast alle populären Autorinnen und Autoren von Liebesromanen sehr viel über die Äußerlichkeiten. Hinzu kommen Monologe, Dialoge und andere Gespräche. Daran erkennen wir: Von Liebe ist gar nicht die Rede, sondern davon, wie man sich Gefühle herbeireden kann. Kein Wunder, denn die meisten Liebesromane wenden sich an Frauen. Frauen wünschen sich häufig, ihre Liebe „hervorzubringen“, indem sie darüber reflektieren, je weit schweifender umso besser.

Ja, auch ich weiß: Über die Liebe zu schreiben, heißt, nicht mehr über die Liebe zu schreiben. Das „Gefühl Liebe“ gehört in die Welt des Trivialkitsches, sei es im Schlager oder in teuren Bänden von Starautorinnen. Wenn ich wirklich über die Liebe schreiben will, muss ich „am Beispiel“ schreiben. Sobald ich den Gefühlen Namen gebe, sind sie keine mehr, also muss ich sie namenlos schildern, muss der Leserin oder dem Leser sozusagen „unter die Haut gehen“. Aber da muss ich erst einmal hinkommen, und das ist gar nicht einfach.

Es gibt kaum erotisch angelegte Romane, in denen die Liebe vorkommt, und kaum Liebesromane, in denen wirklich beflügelnde und mitreißende Erotik geschildert wird. Man will Bücher auch an Familienfrauen verkaufen, will sich selbst vor Angriffen schützen. Jede Autorin und jeder Autor ist Angriffen ausgesetzt, wenn er die wahren erotischen und sexuellen Empfindungen plastisch schildert. Das Wort „Pornografin“ oder „Pornograf“ ist dann nie weit.

Viele Autorinnen und Autoren flüchten sich darin, die sexuelle Spannung zu überhöhen, indem sie den Sex versachlichen. Ich las gerade ein Zitat von Lucasta Miller:

«Heutzutage liest sich Sex in Literatur wie ein Biologie-Schulbuch.»


Ich finde, dies ist gar nicht „gut so“, wie Colm Tóibín dazu meint. Wenn es überhaupt jemals „gut“ sein kann, dann, weil sich Versachlichung als Stilelement nutzen lässt. Aber es dient zweifellos auch dazu, die Zensur zu umgehen. Die meisten Autorinnen und Autoren arbeiten damit, aber an sollte sich dessen nicht rühmen. Es ist wie im Kino: Das Paar entkleidet sich, und dann wird abgeblendet. Mit der letzten noch vage angedeuteten Handlung soll unsere Fantasie angeregt werden: „Was wird nun wohl passieren?“ Die Frage ist: Will der Erzähler in einem Roman das Gleiche tun? Gibt er, wie Colm Tóibín meint, damit wirklich die Aufgabe, die „entstehenden Lücken mit Gefühlen zu füllen“?

Ach, sagen wir doch die Wahrheit: Es ist viel zu schwierig, die Sinnlichkeit der Liebe, der Erotik und der Sexualität zu Papier zu bringen, es ist gefährlich, weil die Zensur schnell eingreift und es ist schlecht für denen eigenen Ruf. Erinnert sich wirklich niemand mehr daran, wie die Autorin Charlotte Roche für eine relativ milde Form der Schilderung „authentischer erotischer Empfindungen“ verfemt wurde?

Sollten wir wirklich in jeden Roman, jede Novelle und jede Kurzgeschichte bereits die Vorzensur einbauen, damit unser Ruf nicht beschädigt wird? Ich bin mir sicher, dass dies ein Irrweg ist, und dennoch – niemand will sich gerne öffentlich diffamieren lassen. Dominique Aury tat gut daran, erst im Alter zu enthüllen, dass die die „Geschichte der O“ unter dem Namen Pauline Réage schrieb. Sie wäre mit Sicherheit von der Öffentlichkeit in der Luft zerrissen worden, wenn sie ihre Autorenschaft als junge Frau preisgegeben hätte.

Zitat und viel mehr: Tagesspiegel.

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