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Autorendialog: Da wird mir heiß und kalt

Nicht ausschließlich in der erotischen Literatur, sondern in der gesamten Literatur über die Liebe, ist der Zwiespalt der Gefühle das Salz in der Suppe der Autorinnen und Autoren. War es einst der Konflikt zwischen der Tugend und der Lust, an denen sich die Damen des ausgehenden 19. Jahrhunderts labten, so ist es heute der Zwiespalt zwischen der gewöhnlichen Liebe und dem erotischen Abenteuer.

Wir haben als Autorinnen und Autoren erotischer Literatur drei mögliche Ebenen, auf denen wir uns bewegen können: die Ebene des Voyeurs, der gewissermaßen durch die Augen des Autors teilhat an der Schilderung erotischer Erlebnisse, durch die Augen des Protagonisten, der uns Auskunft über seine Empfindungen gibt, die vom Autor lediglich vermittelt werden oder aber durch die Schilderung der Umstände, unter denen all dies zustande kam.

Der Schilderungen des reinen Geschehens begegnen uns immer wieder bei den jungen Leuten, die heute versuchen, erotisch Literatur zu schreiben. Ich bin mir nicht sicher, woher diese Einstellung rührt: Mag sie einerseits auf den schlechten Umgang der Schule mit dem Medium „Aufsatz“ zurückzuführen sein, so kann sie andererseits aber auch aus der Verbalisierung virtueller Inhalte herrühren, die Jugendliche wohl aus pornografischen Filmen adaptieren.

Die rein erotische, auf die Erzeugung von Lust abzielende Literatur hingegen versucht sich am häufigsten in der Rolle des Voyeurs: Da schieben sich lüsterne Hände nach und nach unter die Röcke, dort wird die Berührung einer Frauenbrust plastisch geschildert, und letztendlich wir viel zeit darauf verwendet, den eigentlich kurzen Akt geschlechtlicher Lust möglichst lange und ausgiebig zu beschreiben. Der optimale Zustand wird dann erreicht, wenn der Leser sich vollständig in die Szene hineinfühlt, etwa so, wie ein Mann während einer Striptease-Vorführung glauben soll, es seien seine Hände, die gerade lustvoll den BH abstreifen, und nicht die Hände der Tänzerin.

Wie entsteht nun in den Augen der Zensur (hierzulande gerne als „Jugendschutz“ bezeichnet) , aber auch bei Literaturkritiker, der Eindruck eines kulturell hochwertigen Werkes?

In der Regel dadurch, dass die dritte Ebene aktiviert wird, die unmittelbare Gefühlsebene der handelnden Person. Dann erlebt der Leser nicht mehr, wie eine Hand unter einen Rock geführt wird, sondern wie es sich anfühlt, wenn „seine kalte Hand langsam, aber unnachgiebig an der Innenseite meines linken Oberschenkels nach oben kroch, stetig und fordernd.“

Das könnte so weiter gehen: „Ich hätte ihn zurückweisen müssen, schon vor vielen Minuten, als er mir die Hand aufs Knie legte, als ich spürte, dass es ihm darauf ankam, deine Hand unter den Rocksaum zu bringen.“ Nun kann die Autorin erläutern, warum sie es nicht tat und wie sie sich mit jedem Zentimeter, mit der die Hand den Schenkel hinaufwandert, merkwürdiger fühlt – in die eine oder die andere Richtung. Dadurch wird die erotische Spannung erhöht, zugleich aber auch die Beteiligung der Leserin erzwungen: Was würde sie jetzt tun? Würde sie die Hand nun schroff zurückweisen, das langsame Vordringen zulassen oder eigene Wünsche anmelden?

Du siehst, du hast viele Möglichkeiten, erotisch zu schreiben und dich doch auf einer lebensnahen, so gar nicht pornografischen literarischen Ebene zu bewegen. Der Zwiespalt der Gefühle ist dabei ein wundervolles Stilmittel, um dem Pornografievorwurf zu entgehen.

Übrigens müssen deine Heldinnen und Helden nicht immer ihre Ziele erreichen – eine Verzögerung im Ablauf oder gar ein Wandel eignet sich sehr gut, um die Spannung zu steigern und die erotische Geschichte fortzuführen.

Vielleicht kannst du dir vorstellen, wie diese Situation ist: Du amüsierst dich innerlich trotz einer gewissen Erregung über den noch jungen Mann, der so heimlich, still und unbeholfen versucht, dich intim zu berühren. Du könntest dies alles schildern und warten, bis er auf Fingernagelnähe an sein Wunschobjekt herankommt - und dann bekommt er eine Ohrfeige, dass ihn Hören und Sehen vergeht. Der junge Mann wird dies nicht verstehen und sich nun in einem Zustand des Zwiespalts befinden, und auf dieser Basis kannst du nun verschiedene Wechselbäder der Gefühle aneinanderreihen, denn was er auch tun wird: Recht machen kann er es der Heldin nie.

Hast du gute Ideen für deine erotischen Geschichten bekommen? Ich wünsche es dir.

In den nächsten Folgen werden wir ein mehrere dieser Effekte besprechen. Einer ist die sogenannte Doppelbindung: Dabei verlangt die Geliebte, dass der Liebhaber sich erniedrigt – aber wenn er es wirklich tut, verlacht sie ihn nur.

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