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Emotional treu bleiben – bei Sexfantasien?

Auszug aus dem "Garten der Lüste


Der Unterschied zwischen Fantasie und Realität im sexuellen Bereich besteht darin, dass in der Fantasie alles möglich ist. Es ist ganz selbstverständlich, dabei „emotional untreu“ zu werden. Schließlich will man in die Fantasie hineingleiten, um die schnöde Realität hinter sich zu lassen. Man will das Hemmende vergessen, will sich in Situationen hineinträumen, die in der Lebensrealität nicht nur peinlich, sondern möglicherweise auch äußert gefährlich wären.

Die meisten Menschen, die Sexfantasien haben, wollen „ausflippen“ und sich nicht aufs Neue kontrollieren lassen. Doch immer, wenn Menschen einmal wirklich frei sein dürfen, erleben sie, wie sich die mahnende Hand des Psychologen hebt – der selbstverständlich immer und überall besser weiß, was für uns gut ist als wir selbst.

Es ist wohl so, dass mancher gebundene Partner zu Anfang ein schlechtes Gewissen hat, wenn er sich Fantasien hingibt – aber sollte er das? Ein Schriftsteller muss sich ständig an die Gedankengänge anderer ankoppeln, und dies durchaus ambivalent. Er muss sich als Täter und Opfer fühlen können, wenn er Kriminalromane schreibt, und zugleich noch als Polizist und Richter. Im Roman über einen Seitensprung muss er Ehefrau, Ehemann und Geliebter zugleich sein, um die Charaktere halbwegs zutreffend schildern zu können. Es ist also keine Schande, sich Fantasien hinzugeben. Man bleibt dabei man selbst, weil man gar nichts anderes sein will als man selbst, aber doch neugierig darauf ist, was im Hirn des anderen wohl ablaufen könnte. In diesem Zusammenhang kann man auch an einen Schauspieler denken: Er spielt die Person ja nur, aber wenn er dies glaubhaft tun will, muss er in ihre Haut schlüpfen, solange die Vorstellung dauert.

Nichts ist höchstpersönlicher und unteilbarer als die Fantasie. Wir müssen sie bereits im Ansatz dem Zugriff der Psychologie entziehen, damit sie uns nicht auch noch diesen Freiraum mit ihrer Definitionswut zerstört. Soweit es die Treue betrifft, sind wir in Fantasien nicht „technisch treu“, aber „emotional untreu“, wie uns gerade eine Familientherapeutin in den USA glauben machen will.

Eheliche Treue ist und bleibt körpergebunden, auch wenn dies manche Haarspalter erschreckt. Man kann darüber streiten, ob ein einmaliger ONS bereits eine Untreue darstellt, aber man kann nicht darüber streiten, ob der Gedanken an einen anderen bereits einen Ehebruch darstellt, denn die Antwort ist ein klares „Nein“.

Die Frage, ob „emotionale Untreue“ überhaupt existiert, ist ausgesprochen heikel, sie kann aber nach reiflicher Überlegung und unter heutigen Umständen durchaus mit „Nein“ beantwortet werden – das mag zu Zeiten des Dichtermusikers E.T.A. Hoffmann anders gewesen sein, doch heute gibt es kaum noch die Anbetung der fernen Geliebten ohne körperliche Näherung.

Ich denke, wir sollten uns davon befreien, Fantasien auch nur in die Nähe der Realitäten zu rücken. Fantasien sind Schaumgebilde unserer Wünsche, die dankenswerterweise nach ihrem Aufblubbern wieder in sich zusammenfallen – wie gut, denn manche dieser Fantasien wären in der Realität einfach schrecklich.

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