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Geschlechterrollen - Lesefutter für bedächtige Bildungsbürger?

Beide Rollen vereint: Ein Transvestit posiert


Nicht jeder liest die ZEIT – und nicht jeder kann mit dem Gefühl leben, das die ZEIT vermittelt. Das Bedächtig-wohlbedachte aus den Bürgerstuben, in denen man noch Sätze mit „zwar“ und „obgleich“ bilden kann und Bücher tatsächlich selber gelesen hat, dringt allzu deutlich hervor.

Gerade las ich den inzwischen viel beachteten Artikel einer Frau Nina Pauer. Im Artikel nimmt sie das auf, was die Mittelgeneration seit einiger Zeit wieder sehr gerne tut: Probleme der Geschlechterrollen zu „thematisieren“.

In Ihrem Artikel begeht Frau Pauer einen grundlegenden Fehler: Sie zeichnet Männer, die sie selber kennt, und man wird den Eindruck nicht los, als handele es sich gar nicht um Männer, sondern um einen einzelnen Mann. Wer bitte kennt denn einen sensiblen Bartträger mit Hornbrille und Strickjacke der Gitarre spielt? Ein Mann, der sich seine Welt erredet, statt sie sich täglich selber neu zu schaffen?

Die Bloggerin Julia Seeliger bringt es auf den Punkt, was im Grundsatz falsch ist an den Aussagen von Nina Pauer:

Sie verallgemeinert ihre persönliche Beziehungsgeschichte und leitet aus negativen Erlebnissen eine Kritik an modernisierten Geschlechterrollen ab.


Kritik an Geschlechterrollen - eigentlich unerträglich

Doch was ist wirklich dran an dem ständigen Gerede, ja, man möchte sagen „Geschwätz“ über die Geschlechterrollen?

Zunächst einmal: Konflikte zwischen den Geschlechtern sind weder etwas Ungewöhnliches noch etwas Beklagenswertes. Jeder junge Mensch erkennt früher oder später, dass es ein „anderes Geschlecht“ gibt, und dass dieses andere Geschlecht auch abweichende Merkmale hat – nicht nur körperlich. Menschen sind gewohnt, sich damit auseinanderzusetzen: In der Gruppe der „Mädchen“ wird anders gesprochen als in der Gruppe der „Jungs“, und wenn Hans und Grete miteinander sprechen, dann reden sie weder so wie in der einen Gruppe, noch so, wie in der anderen Gruppe, sondern sie bilden eine neue Gruppe, in der eigene gesetzt gelten. Wenn sie später einmal heiraten, werden sie sehen, dass sie sich in mehreren Gruppen mit abweichenden Regeln befinden: die Gruppe der Frauen, die Gruppe der Männer, die Gruppe der erweiterten Familie und die eigene Zweier-Gruppe.

Ob und an fallen Grete und Hans darauf zurück, sich ganz als „Frau aus der Frauengesellschaft“ oder „Mann aus der Männergesellschaft“ zu fühlen. Das muss offenbar gelegentlich so sein, doch liegt darin auch eine Gefahr: „Die Frauengesellschaft“ oder „die Männergesellschaft“, die man aus den Jugendjahren kannte, „fängt“ den Erwachsenen nicht mehr auf – nur wirklich gute Freunde könnten dies noch tun.

Der persönliche Mangel: Nicht lernen, mit der Geschlechterrolle umzugehen

Der Rückfall auf die Aussage „Ich gehöre zur Frauengesellschaft“ – du gehörst zur Männergesellschaft“ ist aber nicht nur für Ehepartner gefährlich, sondern für alle Erwachsene. Die Gesellschaftsordnung erwartet, dass sich ein Mensch über 25 auf das andere Geschlecht einstellen kann, dass er es toleriert, respektiert und Arrangements mit ihm treffen kann. Sagen wir es einmal überdeutlich: Dieses wichtige Kulturgut nicht erlernt und angenommen zu haben, ist ein persönlicher Mangel – und nicht etwa ein Privileg. Aus dieser Sicht müssen alle Erwachsenen, die über Genderprobleme (außerhalb des üblichen Ulks) nach Stammtischart sprechen, als unreif bezeichnet werden. Frauen sind so, Männer sind anders – man kann darüber sprechen, aber man kann es in Wahrheit nicht wirklich problematisieren – denn dass sie anders sind, ist ein Problem dritter Ordnung. – also eines, das man nicht lösen kann.

Die Gesellschaft verändert sich niemals wie "geplant"

Etwas kommt hinzu, und dies wird oft vergessen: Die Gesellschaft kann nicht nur über „Hebel“ verändert werden, wie dies extreme Frauen- und Männergruppen, aber durchaus auch glücklose Familienministerien versuchen – sie reguliert sich auch selbst. Wir erleben dies gerade bei den Jugendlichen, die „Treue“ als hohes Gut sehen, während die Mittelgeneration ihre Untreue bis zum Exzess auslebt. Das schlechte Vorbild weiblicher Karrieristinnen, die in ihrem Erfolgsrausch das Leben vergessen haben und sich ab 40 Männer „einkaufen“ müssen, ist noch nicht tief in die Seelen der jungen Frauen gedrungen, wird aber inzwischen unzweifelhaft bemerkt. Der weiche, einfühlsame Mann hat seinen Platz, ebenso wie der harte, unnachgiebige Macho, aber beide sind längst keine Vorbilder mehr bei den Jungen. Der junge Mann, um zum ZEIT-Artikel zurückzukehren, muss weder fragen, ob er eine Frau küssen darf, noch sollte er sie mit einem Kuss überfallen. Er muss einfach den Zeitpunkt erwischen, in dem der Kuss willkommen ist – und riskieren, dass er eventuell doch „etwas falsch macht“. Wir alle sollten uns vergegenwärtigen, dass wir „etwas falsch machen“ dürfen –die Hauptsache ist, langfristig daraus zu lernen.

Verändern Sie sich nicht, bevor sie wissen, was Sie wollen

Zum Schluss: Es ist besser, im Bereich der Beziehungen zwischen Frau und Mann die Selbstregulierungskräfte wirken zu lassen als zu glauben, man müsse ständig gesellschaftliche Korrekturen vorschlagen. Ich habe zu oft in meinem Leben gehört, dass sich mal die Männer, mal die Frauen, mal die Gesellschaft ändern müssten – und die tatsächlichen Entwicklungen folgten (selbst nach Weichenstellungen) immer den Gesetzen der Selbstregulation.

Verändern sollen wir uns? Warum eigentlich? Ich rate Ihnen etwas Anderes: Versuchen Sie, herauszufinden, was Sie wirklich wollen. Dann versuchen Sie, es mit einem anderen Menschen gemeinsam zu verwirklichen, und wenn es nicht gelingt – dann gehen Sie eine Weile in sich, erforschen Sie nochmals ihre Wünsche, und achten Sie darauf, es diesmal besser zu machen.

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