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Je näher der Dreier kam, um so weniger wollte ich ihn

Diese Geschichte wurde uns erzählt, und wir haben sie aufgeschrieben. Sie handelt von der Fantasie und der Realität, der Überschätzung der eigenen Stabilität, und davon, dass der Preis für die Verwirklichung einer Fantasie zu hoch sein kann.

Lange Zeit war der Gedanke wie ein Hubschrauber durch meinen Kopf gebrummt, bis ich ihn meinem Freund gestand, dass ich einen Dreier mit ihm und einer anderen Frau wollte. Ich kann nicht mal sagen, warum. Es faszinierte mich einfach.

Ich will die lange Geschichte kurz machen: Wir fanden eine Frau in einem Klub, von der man sagen kann, dass sie auch sonst ziemlich „zugänglich“ war. Wahrscheinlich hast du das auch schon erlebt: Du weißt von vornherein, welche Frauen sich für Frauen oder eben für Paare interessieren.

Wir gingen mit dieser Frau erst einmal essen. Es heißt ja, dass die „Dritte“ als Person ernst genommen werden will – und das wollten wir ihr zeigen. Doch dann geschah etwas höchst Merkwürdiges: je realer sie wurde, umso mehr fühlte ich, dass sie auch zur Bedrohung werden konnte. Solange solch eine Frau nur in meiner Fantasie lebte, durfte sie alles mit mir machen – und mein Freund alles mit ihr. Nun aber wurde ich eifersüchtig auf sie, während sie mich zugleich faszinierte. Wollte ich so sein wie sie? Oder hatte ich vielleicht Angst davor, mich in sie zu verlieben?

Die Sache verwirrte mich total. Ich sollte selbstbewusst sein, aber ich fühlte mich wie ein Teenager. Und doch wollte ich konsequent, denn schließlich war ich ja die Initiatorin. Und ich würde meine Entschlüsse nicht einfach aufgeben, nur weil mich nun das Gewissen plagte.

Die Verabredung zum Dreier war für das nächste Wochenende geplant. Mein Freund hatte längst „gerochen“, dass etwas mit mir nicht stimmte, und er fragte mich, ob er die Verabredung absagen sollte. Wahrscheinlich wäre es auch in seinem Sinne gewesen. Merkwürdigerweise versuchte ich vor allem ihn zu überzeugen, dass wir dies auf keinen Fall tun sollten.

Wir aßen wieder auswärts zu Abend und fuhren dann in unsere Wohnung. Während der Fahrt kämpfte ich noch einmal gegen meine Eifersucht. In meinen Fantasien war ich immer die Herrin der Situation, aber jetzt, kurz bevor alles wirklich werden sollte, wurde ich wieder zu einer ängstlichen jungen Frau. Und doch – „kneifen“ kam nicht infrage.

Ich will euch keine Details erzählen. In spielte die Rolle einer Frau, die unbedingt einen Dreier wollte, und tat alles, was ich mir vorgestellt hatte – nur dass es mir nicht die geringste Freude mehr machte. Als die „andere Frau“ gegangen war, brach ich in Tränen aus. Wir hatten es wirklich vermasselt – oder besser ich hatte es vermasselt. Ich hatte etwas getan, was ich nicht wirklich tun wollte. Ich hatte jemanden gespielt, der ich nicht war. Die Frau in meiner Fantasie, die sich nach dem Zusammensein einem männlichen und einem weiblichen Körper sehnte, hatte mit der Frau, die ich in der Realität war, nicht das geringste zu tun.

Mein Freund tröstete mich, und wir sind immer noch zusammen. Aber ich habe gelernt, dass der Preis für einen „echten“ Dreier (oder was sonst noch in meinen Träumen vorgeht) für mich zu hoch ist.


Hinweis:

Dieser Artikel beruht auf einer Erzählung. Der gesamte Text wurde anonymisiert und mit anderen Methoden verfremdet, sodass nicht auf die Person geschlossen werden kann, die es uns erzählt hat.

Anmerkungen zum erotischen Nikolaus

Süßer Nikolaus
Schon bemerkt? Demnächst ist wieder Nikolaus. Es ist möglich, dass die Erwachsenen, die früher einmal liebevolle oder bedrohliche Gestalten in roten Mänteln mit Wattebärten sahen, abnehmen. Mr. Wattebart ist nicht mehr so „in“, und seine Begleiter hat er auch zumeist verloren. Brauchtum, so heißt es dann, sei das mit Nikos Klaus ohnehin nicht, eher Aberglaube und sozial völlig inkorrekt.

Der Nikolaus mit dem Janusgesicht

In vielen Norddeutschen Gegenden, vor allem in Städten, kommt der Nikolaus sowieso mit einem Janusgesicht, weil er zum Richter über Gut und Böse ernannt wurde – und zugleich auch den Strafvollzug ausführte. In anderen Gegenden ist dafür sein „Geselle“ zuständig, der Knecht Ruprecht, der noch unter vielen Markennamen grassiert, in Österreich vor allem als Krampus.

Wie kommt die Erotik zum Nikolaus?

Und alle Jahre wieder versuchen Menschen, erotische Nikolaus-Geschichten zu schreiben. Sie wenden sich entweder an jene, die den Nikolaus als wonnigen Brummbär kennenlernten, der Süßes bringt – oder an die anderen, die den Nikolaus als Tag der Abrechnung mit der Rute, dem Sack oder anderen peinlichen Begebenheiten fürchten. Oder eben alternierend an beide Emotionen: die Lust und den Schmerz.

Der „bürgerliche“ Nikolaus oder einer seiner Gesellen ist dafür prädestiniert: Es ging ja immer darum, „brav“ zu sein und vom Nikolaus dafür belohnt oder – falls nicht – eben auch bestraft zu werden, und sei es nur symbolisch.

Der letzte gerechte Richter von drauß' vom Walde

Bei Erwachsenen erwacht merkwürdigerweise daraus eine Fantasie: Das ganze letzte Jahr, ja vielleicht das ganze Leben, war eine Mixtur aus „brav sein“ und „böse sein“, und am Ende wurde beides weder honoriert noch bestraft. Wer sollte es auch tun? Der moderne Mensch ist für sein Tun und Unterlassen – so weit er sich an die Gesetze hält – allein verantwortlich.

Die einzige Instanz, die in der Kindheit über alles informiert war, sogar über die kleinen Geheimnisse, war der weißbärtige Herr, der es möglicherweise gar noch verlas. Jede Überschreitung von Vaters Verboten und Mutters weisen Ratschlägen war ihm bekannt, und auch jede gute Tat. Und er richtete gerecht, dieser Nikolaus.

Wenn Nikolaus und Nicola erotische Wunschgestalten werden

Wo ist nun die Verbindung zur Literatur, oder gar zur erotischen Literatur? Und wieso wirken Geschichten über sinnliche Kontakte zu Nikoläusen heute noch, obgleich der pelzbewehrte Mann auf Durchreise kaum noch Äpfel und Rutenschläge verteilt?

Einige kluge Menschen sagen, es sei der Wunsch nach dem Lohn für gute Taten und der Strafe für böse Handlungen, der den Menschen heute fehle. Die Personalchefin, die Entlassungen vornehmen muss, obgleich sie den sozialen Abstieg der Mitarbeiter erkennt, fühlt sich schuldig, obgleich sie nicht daran schuld ist. Und der Betriebsratsvorsitzende, der wenigstens noch diesen oder jenen retten konnte, wird nicht belohnt, sondern beschimpft, weil er nicht mehr erreicht hat.

Genau an dieser Stelle kommen die Träume von Gerechtigkeit, Lob und Strafe hervor. „Gib mir endlich die Liebe, die ich verdiene – oder die Strafe.“ Doch wer soll es tun? Eine Escort-Frau für diejenigen Männer, die Freude gebracht haben? Da ragt doch jeder gleich: Wie kannst du an so etwas denken – solche Frauen sind doch (…). In die Klammern kannst du diene Gedanken einsetzten. Oder eine sogenannte „Domina“ für die Männer, die sich schuldig fühlen und dafür mal zu Tränen gebracht werden wollen?

Und was wäre eigentlich, wenn Frauen sich mit ähnlichen süßen und sauren Gedanken herumquälen würden?

Da ist Mr. Rauschebart genau richtig, solange er alle Rollen einnehmen kann – und in der Fantasie ist dies immer möglich – jedenfalls bei Frauen.

Männer malen sich vielleicht eine „Nicola“ aus, die unter dem roten Mantel sündhaft tolle Dessous trägt, oder die statt mit einem Jutesack mit einem Peitschenkoffer auftritt.

Das Geheimnis der Nikolaus-Erotik liegt - in einem Geheimnis

Und die Geschichten vom erotischen Nikolaus? Je geheimnisvoller der Fremde auftritt, und je weniger erkennbare Spuren er hinterlässt, umso lustvoller kann die Story von der erotischen Begegnung mit Nikolaus und Nicola werden.
Am besten er (oder sie) bleibt nicht bis zum nächsten Morgen. Dann kann der fremde Reisende auf immer unerkannt bleiben – und deine Leserinnen und Leser können spekulieren, wie viel von der Story Realität oder Traum war.

Spontan mit einem Mann schlafen?

Eine ganz normale Geschichte ...
Dieser Text entstammt einer authentischen Schilderung. Sie wurde mir erzählt, und ich erzähle sie für euch nach. Ich weiß, dass viel von euch in einem ähnlichen Konflikt stehen.

Dating ist eigentlich nicht meine Sache. Gut, ich habe es versucht – und nicht nur einmal. Du sitzt da und redest, und denkst: Du darfst auf keinen Fall zeigen, dass du ihn „zu sehr willst“. Und lass dir bloß nicht anmerken, dass du seit einem halben Jahr keinen Mann hattest und dringend darauf wartest, dass dich einer … ich vermeide, mal, das Wort auszusprechen.

Bleib cool. Finde raus, ob er was Ernstes will. Schlaf nicht mit ihm, bevor du ihn genau kennst. Du bist keine Schlampe, die mit jedem ins Bett hüpft, nicht wahr?

Ja, und dann ging ich auf eine Tagung. Alles macht auf blitzeblank und vornehm. Hier denkt niemand an Dating oder so etwas. Mir fällt ein junger Mann auf, und ich entdecke, dass wir etwas Gemeinsames haben. Ich weiß genau, was es bedeutet, wenn man mit einem Mann abends in der Hotelbar sitzt und trinkt. Ich bin für ihn ein Schnäppchen, na klar. Aber er ist für mich wie ein Glas Wasser in der Wüste. Er will mich jetzt und hier.

Verdammt – wann ist das zum letzten Mal passiert?

Ein letztes Mal meldete sich mein Tantchen-Ich: „Du wirst dich doch nicht einfach vernaschen lassen?“, und schon geht die Ampel auf Rot. Und dann, sehr plötzlich, schaltet sie auf Gelb und sagt mir: „Na los, was kann dir denn passieren? Du bekommst gleich freie Fahrt.“

Irgendwie wartete ich auf Grün. Jemand wollte mich. Es ist schön gewollt zu werden, zumal, wenn man kaum noch erwarten kann, eine wirklich lustvolle Nacht zu erleben. Und das mit einem völlig Fremden! Bei wem kribbelt es denn da nicht? Erst jetzt wird mir klar, dass ich auf einen ONS zusteuere, und dass es mich förmlich hineintreibt in dieses Abenteuer.

Er ist nicht frei, das merkt man ihm an. Aber ein Mann, der nicht frei ist, hat wenigstens Erfahrung. Als wir vor seinem Hotelzimmer ankommen, sage ich noch: „Sollen wir es wirklich tun? Ich meine, du bist gebunden, und ich bin … auch ein wenig gebunden.“

„Meinst du wirklich, was du sagst?“ Er lächelte dabei. Natürlich wusste er, dass ich nicht meinte, was ich sagte. Ich musste inzwischen verdammt bedürftig wirken.

Nachdem wir die Zimmertür hinter uns schlossen, fielen alle Hemmungen, vor allem meine. Das passiert, wenn du ausgehungert bist und es nicht zugibst. Du kannst nicht mehr gegen die Natur, wenn sie dich einmal im Griff hat.

Es war nur Sex. Und es war schön.

Natürlich kannst du sagen, dass ich ihn benutzt habe. Oder dass er mich benutzt hat. Er wollte wissen, ob er für eine andere Frau noch attraktiv ist, und ich wollte wissen, ob ich für irgendeinen Mann noch attraktiv genug bin. Daran ist nichts Böses.

Ich weiß, dass viele von euch denken, diese Art von Sex aus reiner Lust und Begierde würde eine Frau abwerten. Aber davon stimmt kein Wort, wenn du dich nicht selbst abwertest. Wundervoller Sex schadet dir nicht. Mag sein, dass Menschen dir schaden könnten, aber sicher kein guter Liebhaber.

Gehst du ab und zu auf Dates? Dann bereite dich auf alles vor – und tu um Himmels willen das, was du wirklich willst.

Hinweis: Das Titelbild (Frau auf Pensionsflur) bezieht sich nicht auf die im Artikel dargestellte Person.

Der Wolf und das wehrhafte Rotkäppchen

Der große böse Wolf und die wehrhafte Jägerin
1952 gab es zahllose sogenannte Girly-Magazine. Manche sind unvergessen, andere sind kaum noch bekannt. „Wolf Bait“ gehört zu den weniger bekannten. Das Wort bedeutet „Köder für den Wolf“ – und auf diesem Titelblatt sieht der Wolf „alt“ aus – das „Rotkäppchen“ trägt Waffen, um ihn zu erlegen.

Wolfsköder - vom "sexy" Mädchen als Lockvogel zur Wolfsjägerin

Englischsprachige Quellen bezeichnen „Wolfsköder“ als sexuell attraktive Frauen, aber auch als solche Frauen, denen (sinngemäß) „Wölfe“ nachpfiffen oder sie nach Art des Rotkäppchen-Wolfs ansprachen. In der ursprünglichen Wortbedeutung meinte man wohl, dass die „sexy Frauen“ derartige Komplimente „anzogen“, während man später die „Rotkäppchen“ als Köder für „Wölfe“ auslegte, um sie einzufangen.

Die feministische Autorin Pat Califia beschreibt in der Kurzgeschichte „Little Red Riding Hood“ (Rotkäppchen) später eine ähnliche Szene, in der eine mit den Waffen einer Domina ausgestattete Frau einen Werwolf jagt. Es wurde kürzlich unter dem Titel “No Mercy“ (keine Gnade) in eine Sammlung von Kurzgeschichten aufgenommen.

Im Original handelt "Rotkäppchen" von einem klugen, wehrhaften Mädchen

Die Umkehrung der Rollen „Rotkäppchen – Werwolf“ ist weitaus älteren Ursprungs, und ich benutze dabei eigene Quellen:

Der Ursprung des Rotkäppchen-Märchens, ja, möglicherweise sogar das Original des berühmten Dialogs, findet sich in dem italienischen Märchen „Die falsche Großmutter“, das offenbar von beiden „Nachahmern“ (1) (Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm) genutzt wurde, befreit sich das Rotkäppchen durch seine eigene Schlauheit.

Im berühmten Dialog „Ei Großmutter“ …“ wird das Mädchen misstrauisch: Großmutter mag ja noch erzählen, dass ihre Brust so haarig ist, weil sie zu viele Halsketten getragen hat, und ihre Hüften, weil sie zu enge Korsetts getragen hat. Doch das italienische Rotkäppchen ist nicht so blöd wie ihre Nachfolgerinnen. Als es bemerkt, dass die Großmutter einen Schwanz hat, erkennt das Mädchen seinen Fehler und beschließt, das Ungeheuer zu überlisten: Es verschwindet unter dem Vorwand, zunächst noch urinieren zu müssen.

Zwar bemerkt das Ungeheuer schnell, das ihm das Mädchen entwischt ist, doch kann es sich retten. Die Tauschgeschäfte, die es mit Nahrungsmitteln auf dem Hinweg betrieben hat, erweisen sich auch beim Rückweg als tragfähig und alle Bemühungen des Ungeheuers, dem Mädchen diesen Weg zu verstellen, scheitern.

Auf diese Weise ist gar nicht so abwegig, was das Magazin „Wolf Bait“ 1952 im Titel hatte.

Wer den italienischen Ursprung bezweifelt, liest besser im englischen Wikipedia nach:

„Rotkäppchen" ist ein europäisches Märchen über ein junges Mädchen und einen großen bösen Wolf. Seine Ursprünge reichen bis in das 10. Jahrhundert und gehen auf mehrere europäische Volksmärchen zurück, darunter das italienische Märchen "Die falsche Großmutter" (italienisch: La finta nonna), das später unter anderem von Italo Calvino in der Sammlung "Italienische Volksmärchen" verfasst wurde.


Die Moral der Rotkäppchen

Perrault: Wenn du dich vom Wolf verführen lässt, verwirkst du dein Leben. (2)
Grimm: Wenn du nicht gehorchst und vom Weg abkommst, frisst dich der Wolf.
Volksmund Italien: Statte dich gut aus, und mach ehrliche Geschäfte, dann meisterst du alle Situationen.

(1) Ob es sich bei Perrault um ein Plagiat handelt, ist unsicher, während es bei den gebildeten und belesenen Grimms nahezu sicher ist, bei Perrault abgeschrieben zu haben oder jedenfalls die Ähnlichkeit bewusst "übersehen" zu haben.
(2) Der Tod des Rotkäppchens bei Perrault ist warnend-sinnbildlich: Gibst du dich einem Verführer hin, bist du den Ruf der Unschuld los.

Die Hingabe in der Literatur

Trotz aller Hingabe ist der Vogel ausgeflogen ...
Die Hingabe in der Literatur - oft nur ein fragwürdiges Synonym für den Geschlechtsakt.

Zunächst will ich euch sagen, dass ich stets versuche, mich in meinen Artikeln völlig der Kunst des Schreibens hinzugeben. Ob mir das immer gelingt, mag zweifelhaft sein. Sicher aber ist, dass ich viel über die Wörter in Erfahrung bringe, die ich verwende. Heute ist es die Hingabe.

Hingabe als "Preisgabe", selbstloses Geschenk oder eigener Genuss?

Ich habe mir überlegt, was das Wort „Hingabe“ für einen Schriftsteller bedeuten könnte und mir einen Text schreiben lassen, der keinen literarischen Anspruch hat, sondern das Wort mehrfach ventiliert, sodass es verschieden Bedeutungen annimmt. (1)

Ihrem ersten wirklichen Liebhaber hatte sie sich hingegeben, ohne lange nachzudenken. Ihre Mutter meinte, sie habe sich an ihn verschenkt, weil sie das größte Gut einer Frau dabei preisgegeben hätte. Indessen hatte ihre „Hingabe“ an einen Mann dazu geführt, dass sie darüber nachdachte, wie es wäre, sich wirklich ganz der Lust hinzugeben, die sie zumindest einen Moment lang gespürt hatte. Sie fragte sich, wieso sie überhaupt etwas „von sich gab“, wenn sie sich dem Manne „hingab“, und sie überlegte, wie es wohl wäre, lediglich in der Lust zu versinken. Nein, es wäre kein Hinnehmen, auch nicht einfach ein Aufnehmen – eher wäre es schon ein Eintauchen in die Wollust des Leibes, wenn alle anderen Wahrnehmungen schwänden.


Ist es möglich, sich passiv hinzugeben?

Es ist möglich, aber dennoch fragwürdig, von einer „aktiven“ und einer „passiven“ Hingabe zu sprechen. So schreiben die Autorinnen gerne von der „passiven“ oder „willenlosen“ Hingabe im Sinne einer „Hinnahme“ des Unvermeidlichen – und schon sind sie in eine Falle geraten: Hingabe enthält das Wort „Gabe“, das seinerseits einen Willensakt beinhaltet. Die „Hingabe“ im also im Grunde ausschließlich ein Akt des Willens: Etwas von sich selbst zu geben oder zu schenken, aber auch sich selbst mit dem ungeteilten Genuss zu beschenken.

Hingabe als Synonym für "Geschlechtsakt"

Das Wort „Hingabe“ wird in vielen Liebesromanen in höchst eigenartiger Weise benutzt. Einige Autorinnen versuchen damit, den Liebesakt „als solchen“ weiträumig zu umschiffen. Bei den ganz Vorsichtigen beginnt die Hingabe bereits mit dem Entschluss, sich irgendwie ineinander zu verkuscheln. Manchmal schmilzt der innere Widerstand wie Gelee, und mit ihm erwischt das Gefühl dann auch das Herz. Bei anderen muss die Seele eingebracht werden, die „von der Lust ergriffen“ wird, um dann ihrerseits die Hingabe auszulösen.

Völlig unklar: die Gefühlslage

Damit es keinen Zweifel gibt, was wirklich geschieht, muss die Hingabe noch mit „völlig“ oder „willenlos“ geschmückt werden. Dabei wird die Hingabe oft schon erwähnt, bevor die Dame „ihre Lust verspürt“. Wobei die Motive höchst zweifelhaft sind. Mal wird behauptet, die Frau gäbe sich hin wie einst Eva – dann erwartet die Frau durch ihre Hingabe, dass der Mann ihr das Glück schenken und sie heiraten würde. Die Gefühlslage bleibt dabei unklar – mal wird das Verlangen erwähnt, das den Körper erbeben lässt, dann wieder entsteht aus der Hingabe eine „plötzliche Leidenschaft“. Und gelegentlich gibt sich die Frau einfach hin, weil sie wissen will, wie sie sich danach fühlt. Auch die klassische Version wird noch veröffentlicht – in ihr gibt sich die jungfräuliche oder jedenfalls unerfahren Frau dem hin, was offenbar unerlässlich ist – und wundert sich, dass sie auf ein „ungebremstes Begehren“ des Gatten trifft.

Um Texte zu zitieren, die für viele andere steht, nehme dich diese Beispiele (2):

Ich gab mich völlig hin und spürte dabei meine immer größer werdende Lust.


Oder etwas länger, aber ähnlich banal:

Ich gab mich diesem Mann völlig hin. Meine lange unterdrückte Sehnsucht nach einem männlichen Körper überwältigte mich, und die unglaublichen Empfindungen, die ich dabei hatte, ließen meinen Körper erschauern.


Man muss nicht literarisch gebildet sein, um festzustellen, dass beide Texte nicht das Geringste aussagen. Die Hingabe wird dabei zu nichts als einem Hohlwort. Die Lust wird „nachgeliefert“, klingt aber nun völlig blutleer, und die Gefühle werden so flach abgehandelt, als hätten beide Damen gesagt: „Und dann schaltete ich die Waschmaschine in den Schleudergang, sodass der Zahnputzbecher erzitterte.“

Aussagen und Hingabe, einfach und doch differenzierter

In differenzierten Texten wird die Hingabe dann aktiver, bewusster und offener angesprochen. Dann gibt sich die Frau beispielsweise hin, weil sie dem Mann angehören will – und nicht etwa die „Frau für eine Nacht“ sein. Das klingt zumindest glaubwürdig. In einem anderen Text wird der Autorin klar, dass es den „Moment ohne Rückkehr“ gibt, und sie schildert die Hingabe knapp nüchtern als „Ausschalten des Gehirns.“ Wieder eine andere Autorin erwähnt, dass sich ihre Figur im Grunde jedem Mann „hingeben“ könne – er müsse ihr nur gefallen. Immerhin erklärt der knappe Satz, wie diese Frau ihre „Hingabe“ versteht.

Klartext: Wenn die „Hingabe“ ein Prozess ist, dann sollte er mit allen Steigerungen und möglichen Hemmungen sinnlich beschrieben werden – sei es in gedanklichen Konstruktionen oder in unmittelbaren Gefühlen.

Selbstverständlich kann man die Hingabe auch kühl abhandeln, aber dann ist die Rede von Frauen, die gegenüber der zufälligen Leidenschaft bereits abgestumpft sind. Oder eben von solchen, die mit ihrer Hingabe und anderen vorgetäuschten Emotionen eine Art Handel betreiben.

Das Fazit: "Hingabe" nur benutzen, wenn das Wort wirklich passt

Fassen wir zusammen: Das Wort „Hingabe“ für den „Vollzug des Geschlechtsakts bei Frauen“ ist antiquiert und sollte nur noch verwendet werden, wenn es in die Zeit passt, in der die Geschichte handelt. Die „passive Hingabe“ existiert nicht, auch wenn sie von vielen Autorinnen angeblich so beschrieben wird. Wenn sich jemand „passiv hingibt“, dann nimmt er etwas hin, was er für unvermeidlich hält. Zudem ist „Hingabe“ keine einzelne Handlung, sondern ein Prozess, der sich beschreiben lässt.

(1) Textkonstruktion, um unterschiedliche Bedeutungen des Wortes zu veranschaulichen, von Isidora Fecekazi.
(2) Umschreibungen (abgewandelte Texte, um die Nachforschung zu erschweren) aus tatsächlich existierenden Texten.
Bild: Aus "La Vie Parisienne" von 1911 (Ausschnitt) Künstler: fabiano.