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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Autorenforum: Der Stil erotischer Geschichten - ich und die Anderen

In der Serie „die erotische Geschichte“ beschäftigt sich Ubomi Ulobi heute mit dem Stil – genauer gesagt: mit der Erzählform. Das nächste Mal erscheint ein Artikel über die Möglichkeiten, lange und kurze Erzählformen zu wählen. Die Redaktion wünscht viel Vergnügen beim Lesen.

Die ICH-Form ist ein Stilmittel, um deine erotische Geschichte zu schreiben. Es gibt noch andere Möglichkeiten, aber für die erotische Erzählung eignen sich nur die beiden Varianten ICH-Erzähler oder PERSONAL-Erzähler. Der Unterschied ist sehr einfach zu erklären, hier an einem Beispiel:

«Ich ging zur Rezeption und nahm all meine Kraft zusammen, um meine Begierde, aber auch mein Erröten und die Furcht in meinen Augen zu verbergen. Ich verlangte den Schlüssel zu Zimmer 212, den man mir zu meinem Erstaunen ohne Umschweife ausgehändigt. Der Rezeptionist wünschte mir etwas wie „viel Freude in unserem Haus, worauf ich mich sofort von ihm abwandte, damit er nicht sah, wie mir das Blut in den Kopf schoss.»


Nun die erotische Geschichte aus der Sicht des PERSONAL-Erzählers:

«Sie ging zur Rezeption, wobei sie all ihr Kraft darauf konzentriert, ihre Begierde, aber auch ihr Erröten und die Furcht nicht zu zeigen, von der sich annahm, man könne sie in ihren Augen sehen. Sie verlangte den Schlüssel zu Zimmer 212 und staunte, als er ihr ohne Umschweife ausgehändigt wurde. Der Rezeptionist wünschte ihr noch „viel Freude in unserem Haus“ woraufhin sie sich sofort abwandte, denn nun fühlte sie, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.»


Dazu sollte ich euch sagen: Hängt euch an die Gedanken einer einzigen Person, gleich, ob ihr ICH-Erzähler sein wollt oder nicht. Je weniger Personen ihr einführt, umso mehr könnt ihr euer Geschichte beherrschen.

Im Beispiel zeigt sich bereits, das ihr die Gefühle eurer Heldin oder eures Helden in erotischen Geschichten schildern solltet – das bringt eure Leser näher an eure Figuren heran. In der ICH-Form allerdings identifizieren sich die Leserinnen und Leser noch eher mit den Charakteren und diese dringen daher tiefer in ihre Gefühle ein. Bei Erotikgeschichten ist dies von großer Bedeutung, schließlich soll das Geschriebene ihnen ja „unter die Haut“ gehen.

Ich muss euch gleich warnen: Das mit der ICH-Erzählung hat einen Haken, den ihr vom ersten Tag an ausmerzen müsst: DU bist nicht der Held, du bist nur der AUTOR. Viele Leserinnen und Leser können den Unterschied nicht erkennen, und deshalb solltet du dir für die Erzählungen so schnell wie möglich ein Pseudonym zulegen. Sonst ergeht es dir so wie zwei Freundinnen von mir, die stapelweise E-Mail bekamen, sie möchten doch so tolle Sache auch einmal mit ihnen machen.

Ja, und nun komme ich zu der Frage, die euch sicher schon die ganze Zeit bewegt hat: Muss ICH das wirklich alles selbst erlebt haben, was in meinen erotischen Geschichten steckt?

Natürlich nicht. Wenn du einen Krimi schreibst, dann bist du weder Kommissar noch Detektiv, und natürlich bist du nicht der Mörder. Also vergiss die blöde Frage, ob das alles „autobiografisch“ sein muss. Allerdings solltest du dir überlegen, ob die Schauplätze stimmen und die Handlungen, die du beschreibst, technisch und anatomisch überhaupt möglich sind. Alles andere aber kannst du getrost deiner Fantasie überlassen. Ich darf dir verraten, dass Großmütter erotische Geschichten über junge Mädchen schreiben, und es eine heterosexuell Frau gibt, die Geschichten über schwule Männer schreibt.

Halten wir fest:

Die ICH-Form bringt die meisten Leser, wenn die Gefühle stimmen und sich Leserinnen und Leser damit identifizieren können. Versuche deshalb, als ICH-Erzählerin oder ICH-Erzähler zu schreiben und nutze dazu ein Pseudonym.