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Wie man in Corona-Zeiten Behauptungen aufstellt

Die Welt vom hohen Ross aus gesehen
Ich habe mir – teils aus beruflicher Sicht – einige Gedanken gemacht, wie Behauptungen in die Welt gebracht werden. Hier findet ihr einen Auszug der „New York Times“. Eine seriöse Zeitung, ohne Zweifel. Und auch die Autorin ist seriös. Dennoch ist der Artikel fragwürdig.

Der Aufbau der Behauptung: Das Virus bringt uns etwas Gutes

Erster Schritt: Nenne eine Tatsache, die jeder akzeptieren wird, Zitat:

Wenn Sie Single sind und sich verabreden, stehen Sie während dieser schrecklichen Pandemie zweifellos vor besonderen Herausforderungen.

Zweiter Schritt: Der ungeheure Experte, der ich bin (nein, nicht ICH) ist im Besitz einer universellen Wahrheit (Zitat):

Aber als biologischer Anthropologe, der rund 40 Jahre lang die Liebe Liebe auf der ganzen Welt studiert hat und dazu die Vorgänge im Gehirn … (bei) dieser alten und universellen menschlichen Leidenschaft (…). habe ich erkannt, dass das Coronavirus Ihnen in gewisser Weise ein Geschenk gemacht hat.

Dritter Schritt: Im dritten Schritt stellt man Nebensachen in den Vordergrund – das spricht vor allem Menschen am, die sich ohnehin unsicher sind (Zitat)

Die Pandemie hat, selbst wenn dies vorübergeht, zwei der größten Herausforderungen des heutigen Datings gelöst: Sex und Geld.

Man kann nachlesen, wie die Autorin darauf kommt, und wird feststellen: "Alte Schule", alles etwas angejahrt, ja, beinahe schon leicht staubig. Die Mütter der heutigen Partnersuchenden, sofern sie US-Amerikanerinnen sind, werden sie ja noch verstehen.

Der Rest des Artikels besteht dann aus ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Forscher-Arroganz und ziemlich viel Meinungen über das, was heute stattfindet und was nach Meinung der Autorin eigentlich sein sollte.

Der Artikel endet so (letztes Zitat):

So bizarr es klingt, diese Pandemie kann zu glücklicheren und dauerhafteren Partnerschaften im Zeitalter nach Corona führen
.

Reines Meinungsbild - die "Fakten" sind nur Beigaben

Als Argumente wird wieder benutzt, was auch andere „glauben“, aber nicht wissen, nämlich dass eine lange Vorbereitungszeit ohne physisches Treffen bereits zu einer starken inneren Bindung führen könnte.

Könnte. Oder auch nicht. Oder irgendetwas anderes. Ich habe meine Gründe, Dating-Experten zu misstrauen, gleich, ob sie Anthropologen, Psychologen oder Soziologen sind.

Merke: Nur Menschen, die in der aktuellen Situation Partner suchen, können wir als Experten erst nehmen. Alle anderen reden vom hohen Ross herunter. Ich bin nicht frei davon und – nun ja, auch nicht mehr ganz taufrisch. Aber ich bin immer noch ein Beobachter der „Graswurzeln“ in der Partnersuche.

Sexismus und dümmliches Volkstheater – Dating-Shows

Es gäbe zwei Mittel, die blödsinnigen Dating-Shows von ARD und ZDF, kommerziellen Fernsehkanälen und anderen Diensten einzudämmen: Sie zu ignorieren oder lächerlich zu machen. Aber leider hilft beides nicht. Das Volk sabbert danach.

Im Grunde sind es peinliche Unterhaltungs-Satiren: Die doofsten unter den Zuschauern glauben, dass das wirklich etwas „Reales“ passiert. Sie begreifen nicht einmal, dass dort ständig ein Kamerateam steht. Wer nicht ganz so blöd ist, sieht einen Teil als „künstlich“ und einen anderen Teil als „echt“, nach dem Motto: es ist ja immerhin möglich, dass … und … „hat nicht Bauer X seine Frau Y“ im … na, wie war der Name von diesem Kanal noch?

Klar, man kann es als Unterhaltung sehen, wenn dich Brüste zeigen, oder Penisse (immer schön schlaff) ins Bild kommen. Und ei, hoppla, ist es nicht toll, wenn sich Frau „T.T.“ (1) ihr menschliches Spielzeug nicht nur nach der emotionalen Passung auswählen kann, sondern auch noch entweder als Frau oder als Mann? Oder jetzt ganz neu: Ein Mütterlein fürs Bett oder lieber ein Fräuleinchen, vielleicht gar in einer Person? Ein Fräulein Mutter, wie die Menschen früher einmal sagten?

Dass man die Dating-Shows als Beobachter der Szene nicht ignorieren kann, dafür sorgen die Sender selbst, aber auch die schleimleckende Boulevardpresse. Klar lassen die Zeitschriftenverleger an den Fernsehmachern nichts Gutes. Aber Shows bieten ihnen die Möglichkeit, nichts recherchieren zu müssen, sondern nur „Fernsehen gucken“ zu gehen. Und schließlich hat mancher Verleger auch noch eine Cousine, die zufällig Fernsehen macht.

Im Moment ist wieder Sexismus angesagt. Die Herren der Schöpfung sind mal wieder am suchen – nicht „Alter vor Schönheit“, sondern „Schönheit sowieso - und Alter? Hauptsache Frau. Wieso Alter?“

Ich habe mal bei Noizz nachgelesen, was man dort von der Mütterlein-oder-Fräuleinchen-Show hält. Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

(1) Wer erinnert sich noch an Frau T.T? Oder an die Dating-Show "A shot of Love"?

Der Verzicht auf die Geliebte in der Krise

In Krisenzeiten hat man's als Geliebte schwer ...
Der Verzicht auf die Geliebte in der Krise - wobei es auch ein Lover sein kann. Untreue ist nicht geschlechtsspezifisch.

Weihnachtstage, Familienurlaube, Naturkatastrophen und neuerdings wohl auch diese Pandemie mit Ausgangsbeschränkungen haben eines gemeinsam: Wer es mit der Beziehungstreue nicht so genau nahm, muss nun auf die Geliebte oder den Lover verzichten. Und falls die Geliebte oder der Lover Single ist, muss er/sie nun auch auf die Nähe desjenigen verzichten, bei dem er/sie sich angedockt hatte. Das kann, wie viele von euch wissen, böse ausgehen. Wenn es „Arrangements“ gab, sind sie plötzlich nicht mehr gültig, und wenn es keine gab, fliegen den Beteiligten plötzlich die Lügen um die Ohren.

Wenn Emotionen wegbrechen und der Support ausfällt

Ist die Geliebte oder der Lover ohnehin etwas „poly“, dann geht das Spiel nun überhaupt nicht mehr auf. Konkret: Bei den meisten Frauen, die Mehrfachbeziehungen unterhalten, fallen für einige Zeit alle Lover weg. Basierte die Liebe ausschließlich auf Sex und lustvollen Emotionen, dann können schlimmstenfalls die liebgewonnenen Routinen wegfallen. Basiert die Beziehung jedoch auch auf ein klein wenig „Sponsoring“, dann fällt auch ein Teil des Lebensunterhalts aus.

Arrangements kommen nicht nur in Krimis vor

Mancher wird nun denken: das kommt nur in den Drehbüchern von Kriminalfilmen vor: Man kennt das ja: Ehepaar sitzt vor dem Kommissar und erklärt, man habe da gewisse Arrangements getroffen, und im Hintergrund würde man Menschen treffen, die mehr oder weniger „poly“ seien. Und natürlich riecht der Kommissar, dass da eine Lunte glimmt. Da macht sich die „Poly-Dame“ dann optisch recht gut, die fröhlich von Blüte zu Blüte fliegt, und irgendwann holt dann alle die Moral ein.

Ob das Leben wirklich so „moralisch“ ist? Solange die Geliebte nicht getötet wird, kommt üblicherweise kein Kriminalist und stellt unangenehme Fragen. Und es gibt durchaus Arrangements. In „Psychology Today“ werden gleich mehrere Situationen beschrieben, die eine gemischte Mono-Poly-Beziehung rechtfertigen.

Einigen bin ich bei meinen Streifzügen durch die Welt des Eigenartigen begegnet. Recht typisch ist dabei die Beziehung, in der einer den sexuellen Appetit verliert. Oder sexuelle Wünsche hat, die der Partner nicht erfüllen mag. Etwa, wenn eine Beziehung jahrelang auf Blümchensex (Vanille) beruhte und eine Person plötzlich entdeckt, dass es auch „härtere Lüste“ gibt. Dazu dies Zitat:

Das Arrangement entlastet die Vanille-Person auch von der Bürde, entweder eine Art Sex zu haben, den sie nicht mag, oder das Gefühl zu haben, die Bedürfnisse ihres Partners nicht zu erfüllen.

Eine andere, meist allerdings im Geheimen ausgelebte Lust ist (meist bei Frauen) eine latente Bi-Neugierde, die durchaus in eine erotische Parallelbeziehung münden kann. In „normalen Zeiten“, fällt so etwas nicht im Geringsten auf.

Wie Menschen damit umgehen? In „ganz normalen“ Situationen mag alles möglich sein, und die Arrangements mögen halten. In Krisenzeiten allerdings werden diejenigen Beziehungen als erste brüchig, die ohnehin nicht wirklich tief verankert waren. Und genau dies wird nun vielen der betroffenen Personen passieren. Wer da in Schadenfreude verfällt, sollte wissen: es kann auch dir passieren.

Das Gemälde ist historisch - wir konnten aber keine Daten darüber finden.

Herantasten an Liebes-Gefühle

Die erste Begegnung ... nicht mehr ganz aktuell ...
Einander kennenlernen ist ein Vorgang, bei dem sich wahlweise die Gedanken, die Gefühle oder auch nur die Körper annähern. Wenn dies gut gelingt, findet ein Austausch statt. Bei den Gedanken spricht man von einem Gedankenaustausch - dabei wird offensichtlich, was gemeint ist. Bei den Gefühlen geschieht dies eher unbemerkt, weil wir uns selten wirklich sicher sind, ob die Gefühle tatsächlich übereinstimmen oder ob wir nur glauben, dass dies so ist. Beim Körperlichen hingen wissen wir innerhalb weniger Sekunden, ob die Begegnung von Haut-zu-Haut oder gar Haut-in-Haut etwas auslöst.

Der körperliche Kontakt bringt Gefühle in Wallungen - aber noch keine Beziehung

Demnach ist der körperliche Kontakt derjenige, der uns an der schnellsten Sicherheit bringt, ob unsere Körper miteinander harmonieren. Das bedeutet aber nicht, dass wir dann auch miteinander auf „Augenhöhe“ mit unseren Gedanken und Gefühlen sind. Wollen wir eine Beziehung, versuchen wir also bei einem „wundervollen Sexkontakt“, alles andere „nachzuziehen“.

Wenn der Körper zuletzt "drankommt" ...

Verschiedene moderne Formen des Kennlernens, die allerdings schon um die 19ter Jahrhundertwende begannen, beruhen auf dem Gegenteil: Der Körper kommt zuletzt … doch was kommt zuerst?

Wie eine Beziehung schrittweise zustande kommt

Bei allen Methoden, bei denen wir „durch Korrespondenz“, durch Medien, durch Vermittler oder eben auch durch Online-Dating Menschen kennenlernen, kommt das Wort zuerst. Zuerst ein Text, dann ein Telefongespräch, schließlich ein Treffen.

Was passiert dabei?

Der Text

Der Text trifft zwar in erster Linie den Verstand – doch die Formulierung kann auch die Gefühle ansprechen. Dabei werden die Emotionen allerdings „künstlich aufgebaut“, und das heißt, anhand von Mustern, die schon in unserem Gehirn vorhanden sind. Und das heißt? Wir machen uns eine Vorstellung, aber wir wissen nichts.

Das Telefongespräch (eventuell der Chat)

Beim Telefonieren kommt die Stimme hinzu. Es ist möglich, zweierlei daran zu erkennen: einmal die Wortwahl, aus der die Intelligenz, aber auch die Absichten hervorgehen können, und dann die Sprachmelodie, aber auch das Zögern beim Beantworten einer Frage, also eine Art „nonverbale Kommunikation“ innerhalb einer verbalen Kommunikation. Da heißt vereinfacht: Wir hören anhand des Zögerns, wo etwas nicht stimmt. Im Chat ist dies ungleich schwerer. In jedem Fall sind am Telefon schon Dialoge möglich – also kannst du sowohl fragen wie auch antworten.

Im Video-Chat

Video-Chat ist sprechen, einander dabei zuzusehen und doch nicht anfassen können. Wir sehen etwas mehr vom anderen, und diejenigen, die sich auf Körpersprache verstehen, können mehr aus dem Gesicht oder aus den Gesten herauslesen, als aus dem reinen Wort. Das „Sprechen hinter Glas“ auf Entfernung ist sehr gut geeignet, wenn man einander schon kennt – aber nicht so gut, wenn man einander erst kennenlernen will. Schlecht beleuchtet und unvorteilhaft aufgenommen, schlampig angezogen oder gekünstelt aufgemacht können negative Beurteilungen nach sich ziehen. Der Video-Chat ist eigentlich für Menschen gedacht, die voneinander räumlich getrennt leben, sich über den Chat aber verbunden fühlen. Für Erstkontakte sind Video-Chats nicht unbedingt zu empfehlen, und ein Video-Chat kann den ersten unmittelbare Kontakt auch nicht ersetzen.

Das Treffen

Beim Treffen können wir mit Körper, Geist und Psyche sprechen, und damit den Partner beindrucken oder auch abstoßen. Das ist das Einzigartige am Online-Dating: Die Begegnung schafft Klarheit, ob wir es miteinander versuchen wollen oder nicht. Wir tasten uns mit unserer Erscheinung, unserem Verhalten, unserer Stimme, unserer Mimik und Gestik an den anderen heran und versuchen, ihn von uns zu überzeugen – jedenfalls, wenn wir selber überzeugt sind.

Ich könnte einen einzigen Grund nennen, der in „normalen Zeiten“ für viele Telefongespräche, Chats oder Video-Chat im Vorfeld spricht: Wer über 500 Kilometer oder über fünf Stunden (Faustregel) fahren oder fliegen muss, um seinen Wunsch-Partner zu treffen, der sollte sich gut vorbereiten. Telefongespräche eignen ich dafür recht gut.

Wenn ich heute lese, dass Video-Dating die Zukunft für die meisten von uns ist, dann kann ich nur fragen: Sind die Anbieter wirklich so naiv oder wollen sie sich jetzt nur in den Vordergrund drängen?

Mein Rat für die "Zeit danach"

Treffen, so schnell wie möglich, wenn beide glauben, dass eine Beziehung gut für sie ist. Covid-19 wird verschwinden und Kontaktsperren werden irgendwann aufgehoben werden. Aber der Wunsch nach Nähe wird immer der Auslöser für Begegnungen sein.

Bild: Nach einer Zeitungsillustration, historisch, ohne Jahrgang. vermutlich gegen 1905

Satiren zu Covid-19 und Dating

Wieder den Zollstock vergessen - oh weh!
Das Tor zur Hölle ist nicht mehr die Vagina, die Vulva nicht mehr die Pforte zum Verderben. Nein, die Männer haben keine Furcht mehr, dass ihr Penis von der „Vagina Dentata“ unter Qualen verspeist wird. Allerdings glauben sie immer noch, dass es dort unglaubliche viele feindliche Bakterien gibt, die übelriechende Substanzen zum Vorschein bringen. Die ist andererseits wieder positiv, weil sie dann Lümmeltüten nutzen, die nicht nur vor STDs, sondern auch wieder vor Schwangerschaft schützen.

Gegenwärtig jedoch – wir hörten es – ist der Nasentrakt ebenso wieder Rachenraum das Einfallstor zur Hölle, weshalb wir es mit einem Tüchlein schützen sollen, das hinter den Ohren von einem Gummiband gehalten wird. Ganz sicher wäre freilich eine Gasmaske, aber wer hat schon eine?

Wir haben schon zahlreiche Satiren zum „Abstand halten“ veröffentlicht, und ja – es ist wohl nicht immer möglich, die 1,50 Meter einzuhalten, wenn man kopuliert, und noch gehört ein Meterstab oder alternativ ein Maßband nicht zur Grundausstattung beim Dating.

Oh ... hier nicht küssen ...
Jüngst fiel uns ein, dass eine Dating-Maske mit dem Aufdruck „Hier nicht küssen“ sicherlich dem Schüchternen helfen könnte, zu fragen: „Ja, wo denn dann?“ Nun, die Antwort wäre „eine symbolische und semantische Leerstelle“ – und nein, damit ist nicht die Stelle gemeint, die man uns in der Schule via Goethe vermittelt hat. Immerhin wollen Männer, wie wir anderwärts lasen, auch gerne Brüste küssen, aber dabei lässt sich der Mindestabstand zu Nase und Kinn nun auf keinen Fall einhalten.

Küsse nur unterhalb dieser Linie
Ach, was machen wir da nur? Wir kreieren ein Kleid, vielleicht auch nur ein T-Shirt, das zum Date getragen werden kann. Und kurz unter dem Bauchnabel werden wir dann eine Linie einfügen, gemeinsam mit einem unerlässlichen Hinweis: Keine Küsse oberhalb dieser Linie. Ja, oberhalb, jedenfalls mal für jetzt. Später könnt ihr das Kleid dann mit dem entgegengesetzten Text kaufen – dann ist es wieder ein Gesprächsangebot und keine Warnung.

Und falls ihr die Nase voll (Pardon für den Ausdruck) habt von Corona, Covid-19 oder Virologen: ihr seid nicht allein. Und wir haben eigentlich auch keine Lust, noch lange über „Shutdowns“ und „Kontaktsperren“ zu schreiben.