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Wie ist das mit den Ungeküssten?

Die Ungeküssten waren einst Grenzgänger der Gesellschaft. Waren sie Frauen, so waren sie eben „sitzen geblieben“. Ja, man wusste, so etwas kam vor. Angst vor sinnreichen, intimen Gesprächen, Angst vor Männern und ihren Verhaltensweisen, Angst vor Sex. Manchmal wurde auch angenommen, diese Frauen hätten einfach den „Moment verpasst.“ Denn damals (also vielleicht vor 50 Jahren) war der Markt für eine 18-jährige noch mehr als offen, für eine 25-jährige aber bereits so gut wie verschlossen. Der „Jungfer“ bleiben also nur wenige Jahre, um sich „an den Mann“ zu bringen, und dann galt: „Kriegt die Jungfer keinen Mann, zieht sie einen Blaustrumpf an.“ Der Begriff kam zwar schnell aus der Mode, aber die ledige Frau von über 25 hatte es wahrhaftig schwer, Liebschaften oder gar Beziehungen zu finden. Es gab einfach keinen Markt mehr für sie.

Single-Frauen früherer Jahre: Lust im Geheimen

Aus vielerlei Quellen weiß ich, dass diese Frauen nicht wirklich „Jungfrauen“ blieben, sondern sich in „Arrangements“ fügten. Die attraktiveren unter ihnen und jene, die „es nicht so genau nahmen“ hatten sogar recht viele, intensive und teils auch häufig wechselnde Begegnungen mit interessierten Männern. Die anderen versuchten, sich mit Kontakten auf Graumärkten einzudecken, und nur ein geringer Teil zeigte die deutlichen Spuren der sogenannten „alten Jungfern“: Begehrlichkeit, gepaart mit Schrulligkeit – aber eben kein Sex.

Was ist heute mit den Ungeküssten?

Auch dieser Tage finden wir noch Frauen, die von sich behaupten, niemals einen Kontakt mit einem Mann gehabt zu haben, etwa (1):

Ich habe also zu Männern nicht wirklich Kontakt und die scheinen sich für mich auch kaum zu interessieren. In meinem Leben gab es wirklich noch keinen der an mir interessiert war, weder ernst noch unernst.


Ich werde dies hier nicht kommentieren, es soll nur zeigen, wie wir uns die Wahrnehmung solcher Personen vorstellen müssen: In Ihrem Leben passiert niemals das, was im Leben anderer vermeintlich ständig geschieht.
Solche Gedanken finden wir heute nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern. Und es gibt immer mehr Männer, die darüber berichten, ohne irgendwelche Lösungen für sich zu sehen.

Die Gedankenwelt der Ungeküssten

Die Gedankenwelt ist immer ähnlich:

- Ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr oder was dem gleichkommt.
- Ich habe niemals eine Person des anderen Geschlechts interessiert, oder …
- Niemand interessiert sich für mich, oder …
- Ich bemerke nicht, wenn sich jemand für mich interessiert oder gar …
- Ich fürchte mich, wenn sich jemand für mich interessiert.
- Die Begriffe „flirten“, „mich anbieten“ oder „an den Markt gehen“ sind mir (auch in Umschreibungen) nicht klar oder sie erscheinen mir befremdlich.
- Ich weiß kaum, was ich will, und ich kann vor allem nicht deutlich sagen, was ich will.
- Ich fühle mich außerstande, daran etwas zu ändern.
- Oder: Ich weiß genau, was ich will, und es muss genauso ablaufen, wie ich es mir vorstelle, sonst mag ich nicht.

Der Weg hinaus ist durch die Tür

Die Frage ist: Wie kommen Sie da heraus, falls Sie einem oder mehreren dieser Sätze zustimmen können?

„Der Weg hinaus ist durch die Tür“, hätte Konfuzius dazu gesagt. Und aus meiner Erfahrung sage ich dies: Solange Sie in ihrem Problemkreis bleiben, ist das Leben zwar beschissen, aber es ist Ihnen bekannt. Falls Sie die Tür öffnen, ist das Leben möglicherweise besser, aber das garantiert Ihnen niemand. Also verlangen Sie vom Schicksal (oder von Ihrem Berater) Garantiescheine, die das Schicksal oder der Berater aber niemals ausstellt. Und deshalb … bleibt alles, wie es war.

Ein neues Leben ohne Garantieschein und ohen "Schwarmdummheit"

Das unbekannte Leben erfordert immer die Bereitschaft, sich zu ändern. Die Welt „da draußen“ passt sich niemals Ihren Wünschen und Vorstellungen an – das gelingt nicht einmal dem Papst von Rom. Das heißt: Sie sollten sich ändern. Sie sollten neu lernen.

Die Ungeküssten der heutigen Zeit drängen sich zusammen und hoffen, im Schwarm mächtiger zu sein. Doch neben Schwarmintelligenz gibt es auch Schwarmdummheit: Jede Idiotie, sie sei politisch weltanschaulich oder religiös, wird im Schwarm „wahrer“.

Würde es eine Schwarmdummheit von Säufern geben, so würden sie den Alkohol als König feiern und das eigene Verderben in Kauf nehmen. Tatsächlich gibt es ähnliche Anti-Selbsthilfegruppen im Internet.

Für den Rest der Menschheit gilt allerdings: Der Weg hinaus führt Weg von dem Weg, der hineinführte. Was konkret heißt: Erst mal müssen Sie raus aus dem Gefängnis, dass sie sich selbst gemauert haben. Und – dazu müssen Sie erst einmal als Gefängnis erkennen und die Tür öffnen. Sie werden verblüfft sein: Diese Tür steht allzeit offen.

Zitat (1) Desired zum Thema Ungeküsst.

Die Liebeszeitung wird ein klein wenig anders

Achtung! Dieser Artikel ist veraltet. Wir sind umgezogen und werden hier keine neuen Artikel mehr veröffentlichen.


In der Vergangenheit haben wir uns relativ häufig an erotischen Themen orientiert, die ursprünglich von Bloggerinnen aus England und den USA veröffentlicht wurden. Diese Quellen sind zwar nicht völlig versiegt, werden aber immer seltener. Zudem wiederholen sich die Themen der anderen ständig, und die kommerziellen Aspekte überwiegen inzwischen bei Weitem. Fast jede der Ex-Erotik-Bloggerinnen versucht, das Geschäft mit „gesponserten Artikeln“ zu retten, und zumeist wir dabei heute etwas über „Sexspielzeuge“ veröffentlicht.

Und nach der Aufregung um die „Shades of Grey“ hat auch das Interesse an allem, was „Aua“ macht, deutlich abgenommen. Hinzu kam noch die #MeToo Bewegung, verbundenen mit der Angst davor, den dort vertretenen Meinungen nicht sklavisch zu folgen, sondern weiterhin für Gedankenfreiheit zu kämpfen.

Nun sind und waren wir niemals von diesen Medien abhängig, sondern haben zahllose Beiträge veröffentlicht, die auf Daten, Fakten, Erhebungen und Internet-Recherchen beruhten. Wobei sich natürlich stets die Frage ergibt: Zählen Fakten und Recherchen in der Erotik überhaupt? Oder wollen Leser(innen) vor allem in ihren Meinungen bestätigt werden?

Nein, nicht mit uns. Das große Lamento angeblich verratener, betrogener und verlassener Frauen, die emotionale Schäden davongetragen haben, ist nicht unser Ding. Wir versuchen, die Hintergründe abzufragen.

Es ist nicht einfach, Lust, Liebe, Humor und Fakten so abzumischen, dass wir unsere bisherigen Leser behalten und neue hinzugewinnen. Ob es gelingt oder nicht, werden die nächsten Monate erweisen.

Ich hoffe sehr, dass Sie uns treu bleiben, auch wenn wir manche Themen nun kritischer betrachten werden. Die Liebeszeitung ist keine Kitschpostille und keine Frauenzeitschrift, die den Damen nach dem Munde reden muss, damit sie am Kiosk zuschnappen.

Weibliche erotische Dominanz im Wandel der Zeiten

Sinnbild einer "Englischlehrerin", nach einem Foto um 1925
Seit weit mehr als einem Jahrhundert beschäftigt sich die Welt der erotischen Literatur mit femininer Dominanz.

Je nachdem, wer die Heldin ist, aus welchen Kreisen sie stammt und welche Reputation sie genießt, kann diese Figur alles sein. Sie kann Schauspielerin, Tänzerin oder Modell gewesen sein, Krankenschwester oder Medizinstudentin, Gouvernante, Kindermädchen oder Lehrerin. Nur sehr selten werden in Romanen „Stiefelfrauen“ oder Bordellbesitzerinnen erwähnt, die solche Dienste verrichten.

Die Suche per Zeitungsanzeige: Strenge, attraktive Englischlehrerin ...

Früher begannen solche Beziehungen oftmals mit Anzeigen (Zeitungsanzeige, Frankreich, aus einem Roman):

Dame, alleinstehend, wünscht sich einen sehr unterwürfigen Schüler, um ihm Englischlektionen zu geben. Zuschriften unter …


Damals verstand jeder Mann, was gemeint war: Die Englischlektionen hatten nicht mit Sprache zu tun, und die Lehrerin verstand sich nicht auf Shakespeare, sondern auf verbläute Männerhintern.

Wir lesen etwa aus der gleichen Zeit (1):

«Unter der Flagge des „englischen Sprachunterrichts“ bieten sich sehr häufig Damen an, die entweder sadistisch empfinden oder aus masochistischen Passionen Gewinn schlagen wollen.»


Wir dürfen gerne annehmen, dass die zweite Möglichkeit die Regel war – denn Anzeigen dieser Art wurden selten aus Neigung aufgegeben. In der damaligen Zeit kam es sehr, sehr selten vor, dass sich ein Herr aus seiner Bedürftigkeit herauswagte und selbst eine Such-Annonce für eine „Englischlehrerin“ aufgab. Dr. Leo Perry hat es zu Testzwecken gewagt und tatsächlich antwortete ihm eine der Damen. Sie verwies zunächst darauf, wirklich Sprachkenntnisse zu haben, ging aber dann bald ins Detail.(1)

Mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen verbinde ich Energie, ja Strenge und Unerbittlichkeit bei gewissen Fehlern in der Aussprache – bei mir muss man parieren – da gibt es nichts.


Gut, alles klingt ein klein wenig vermufft – aber die Vorstellung durchzieht die Jahrhunderte gerade so, als würde heute jemand nach der „englischen Erziehung“ verlangen.

Gibt es sie noch, die "Englischlehrerinnen"?

Heute ist die Verschleierung in der Kombination „streng“ oder „unerbittlich“ mit „Englischlehrerin“ oder „englischer Erzieherin“ meist nicht mehr nötig.

Neulich lasen wir einen Internet-Beitrag, (2) der sich an Herren mit derartigen Interessen wendet:

Du sehnst dich nach einer strengen Lehrerin, die dich nach den Regeln der alten Schule konsequent unterrichtet? Und deine Geilheit hindert dich daran, ein braver und fügsamer Mensch zu sein? Dann ist die strenge Erziehung mit dem Rohstock genau das, was du brauchst! Als selbstbewusste Englischlehrerin weiß ich, was geile Böcke wie du brauchen: Respekt vor Frauen. Und den bekommst du von mit eingebläut, und zwar nachhaltig. Du kannst sicher sein, dass meine Methoden auch schwere Fälle von Lüstlingen zu Disziplin und Demut bringen.



Offenbar spukt der alte Geist immer noch in den Köpfen der Männer. Sie schämen sich ihrer Geilheit und hoffen, diese unter dem Rohrstock oder der Peitsche zu verlieren – wohl wissend, dass sie die nur noch mehr aufgeilt.

Sie können eine andere Version dieses Artikels mit noch mehr Hintergrundinformationen auf "sinn und sinnlichkeit" lesen.

(1) Aus "Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege", Wien 1927).
(2) (Das Zitat wurde sprachlich verändert, sodass keine Rückschlüsse auf den Urheber gefunden werden können).

Sie können eine andere Version dieses Artikels mit noch mehr Hintergrundinformationen auf "sinn und sinnlichkeit" lesen.

Nur sechs mögliche Plots? Und wie geht das auf „erotisch“?

Im Bett mit dem Prinzen - Aufstieg oder Fall?
Wissenschaftler der Universität von Vermont haben untersucht, wie viele Basis-Plots, also grundlegende Handlungsabläufe, in Romanen und Erzählungen möglich sind. Die Überraschung - sie kamen auf genau sechs, die ich ich hier einmal auf Deutsch darstelle:

Zielerfüllung: aus der Misere zu Wohlstand und Ansehen.
Zielversagen: aus einer guten Ausgangslage in die Misere.
Ikarus: Hoch hinaus wollen und dabei abstürzen.
Ödipus: aus dem Tief auf die Höhen, dann ein neues Tief.
Aschenbrödel: Aufsteigen, wieder absteigen und erneut aufsteigen.
Gefangen: Tief fallen (oder am Boden sein), dann mühevoll aufsteigen.

Fragen Sie sich auch, wie das „erotisch“ gehen soll? Dann folgen Sie mir in meinen Betrachtungen.

Erotische Märchen aller Art arbeiten mit Aufstiegs-Plots

Das erotische Märchen, gleich welcher Art, folgt meist dem Prinzip, aus einer misslichen Lage herauszukommen und mit einem gewissen Anstand, aber durchaus auch durch Schönheit und erotischer Kunst Fertigkeiten in die besten Kreise der Gesellschaft aufzusteigen. Die Aschenbrödel-Variante ist ähnlich gestaltet, nur ist der Aufstieg nicht linear. Jeder Romantik- und Kitschautor hat diese Varianten schon verwendet. Relativ typisch für diese Märchen: Die Heldin erreicht ihre Ziele nicht aus eigener Kraft, sondern sie benötigt Hilfe aller Art – von Magie bis zu ritterlichen Herren und fürsorglichen Damen, die sie fördern. Insofern besteht kaum ein Unterschied zwischen dem Zielerfüllungs-Plot und dem Aschenbrödel-Plot. In der Theorie gibt es zwar beim Cinderella-Plot eine Hürde mehr, in der Praxis muss aber auch bei der „Zielerfüllung“ der eine oder andere Rückschlag eingeplant werden, damit Ihr Roman nicht in Zuckerlösung ertrinkt.

Die erotische Misere – Abstieg in die Gosse

Aus einer ursprünglich guten Ausgangslage in die Gosse abzugleiten, ist sicher ein Extrem – doch der Abstieg von der offenherzigen Frau zur verachteten Schlampe kann sehr schnell gehen – durchaus auch in der Realität. Ein jäher Abstieg ist ungewöhnlich und auch literarisch schwer zu realisieren, aber ein stufenweiser Abstieg hat durchaus das Potenzial zum lesenswerten Roman. Ihre Leserinnen hoffen bis zum Schluss auf einen Glückswandel, der zum „Happy End“ führen könnte – aber wenn Sie konsequent sein wollen, muss am Ende die Misere stehen.

Die Ikarine – der schreckliche Fall nach dem ungeheuren Aufstieg

Das Milieu solcher Romane ist stets gleich: die Glimmer- und Gloria-Welt des Sternchenrummels. Es ist nahezu jeden Tag irgendwo im Fernsehen zu besichtigen. Und die Klatschspalten verfolgen genüsslich Aufstieg und Fall der psychisch labilen Frauen, die schnell aufsteigen wollen und die irgendwann mit Getöse auf die Schnauze fallen. Romane dieser Art können sehr unterhaltsam sein und Sie könne beliebig viele erotische Szenen einbauen, auch äußert erniedrigende. Die Leserinnen? Oh, oh … sie mögen nicht sonderlich, wenn Ihre Figur am Ende am Boden liegt, alkohol- oder drogenabhängig ist und sich jedem Kerl hingibt, der ihre eine neue, falsche Versprechung macht.

Die Ödipussine - aus der Höhe in die Tiefe ohne Happy End

Anders als die weibliche Figur, die dem Ikarus nachgebildet ist, handelt und lebt die Frau, die dem Ödipus nachgebildet wurde, eine Weile in Saus und Braus, also auch sexuellem Genuss, weil sie nach ihrer Meinung dazu bestimmt ist. Doch ihr Leben ist von einer bitteren, noch geheimen Wahrheit, einer Krankheit oder einem psychischen Leid überschattet. Als sie dies erkennt, verzichtet sie auf alles und lebt ein bescheidenes Leben. Romane dieser Art können ebenso erotisch wie auch moralisch sein – und der moralische Ansatz gegen Schluss gibt Ihnen die Rechfertigung für ekstatische Sex-Szenen.

Gefangen sein und sich mühevoll selbst befreien

Der letzte Plot dieser sechs erotischen Handlungsabläufe ist zugleich der mondernste. Ihre Figur befindet sich dabei zu Anfang in einer schwierigen Lage, aber keiner typischen Misere. Das heißt: Sie weiß, dass sie Türen zu ihrer Psyche und ihrem Körper öffnen muss, dass sie aber nicht ohne einen inneren Kampf abgeht. Dieser emanzipatorische Ansatz ist neu, ziemlich unromantisch, und nicht nur erotisch, sondern auch ganz konkret sexuell. Man kann sagen: Sie versucht, Selbstbewusstsein zu erlangen und sich nicht mit den Verhältnissen abzufinden, die sie zu Anfang vorfindet. Die Leserinnen? Sie werden diesen Ansatz goutieren, wenn sie jung oder noch auf der Suche sind.

Bild: Teilansicht einer Illustration von Becat.

Wer liest (denn schon) erotische Literatur?

Erotik - manchmal als Eheliteratur getarnt
Eine der interessantesten Fragen zu Romanen, Novellen und Kurzgeschichten besteht darin, warum es sie überhaupt gibt. Wenn man einmal alle historischen, sozialen und kulturellen Aspekte weglässt, dann ist es die Neugierde auf das Leben anderer, aber auch auf das, was andere Menschen stellvertretend erlebt oder erdacht haben.

Die Schilderung der sexuellen Lust - Stiefkind der Literatur

Literatur kann dreierlei: reduzieren, schildern oder überhöhen. Die erotische Literatur wäre eine Meisterin darin, mehr noch als jede andere Literaturgattung – aber der Konjunktiv ist berechtigt, denn sie ist es nicht. Sie leidet vielmehr unter ihren vielen Dilettanten, die nicht in der Lage sind, alle Aspekte des erotischen Handelns und Fühlens zu schildern. Ja, sie zwingt sogar bekannte Schriftsteller zu einer Verflachung und Verfälschung des Ausdrucks, sobald von Sexualität die Rede ist.

Vorauseilende Furcht vor der Zensur

Zudem muss der Schriftsteller die Zensur fürchten, wenn er die Vorgänge realistisch aus der Sicht des Voyeurs oder gar des Betroffenen schildert. In der Erotik ist nichts so brutal und ehrlich wie die Wahrheit, und sie schreckt bisweilen ab. Tendenzen, wie etwa die Bigotterie, die Wohlanständigkeit, das Gutmenschentum oder der Feminismus, wirken mit, um Schriftsteller(innen) in die Ecke der „Schmutzfinken“ und „Menschenverächter“ zu stellen.

Erotik - schlecht weil sie erregend ist?

Erotische Literatur wir – daran kann kein Zweifel bestehen – einerseits zur Information, andererseits zur Erregung geschrieben. Wir vergessen oft, dass insbesondere junge Leute, neugierige Menschen mittleren Alters und solche, die ihre Lust bereichern wollen, tatsächlich an authentischen oder quasi-authentischen Informationen interessiert sind. Das heißt, sie wollen genau wissen, wie sich Menschen in ungewöhnlichen erotischen Situationen fühlen, vom ersten Eindringen eines Penis in die Vagina bis zur Fesselung an ein Andreaskreuz. Frauen wollen wissen, mit welchen Mitteln Verführerinnen arbeiten, Männer suchen nach Möglichkeiten, Frauen ins Bett zu bekommen und Grenzgänger(innen) suchen nach Informationen über die Lust am anderen Ufer.

Nahezu jeder Autor versteht sich darauf, Erotik zu reduzieren, und eine beträchtliche Anzahl von Schundschreiber (inne)n und Autoren (Autorinnen) mit Millionenauflagen tut nichts anderes als dies. Nur eine Minderheit schreibt realistisch, inklusive Verletzungen und Grenzüberschreitungen, und ebenfalls sehr wenige überhöhen die Lust, wie es einst Salomon tat.

Was wir nicht lesen - die realistische Schilderung der Lust

Überzeugende Sprache? Handwerkliches Können? Eine realistische, teils sinnliche, teils brutale Darstellung dessen, was in Körper, Geist und Psyche beim Sex abläuft? Nein, das lesen wir nur selten.

Dabei wäre es durchaus eine literarische Aufgabe. Wenn es wahr ist, dass Schriftsteller Welten vermitteln wollen, dann sollten sie das, was im Kosmos der Lust geschieht, so intensiv und realistisch schildern, wie es sich tatsächlich darstellt.

Gefühle beschreiben, um sie nachvollziehbar zu machen?

Wer erotische Literatur liest – gleich, ob aus dem 19. Jahrhundert oder dem 21. Jahrhundert - findet dergleichen nur selten. Nähe zu den geschilderten Personen ist dabei so wichtig wie der nötige Abstand zu ihnen. Ein junger Mann kann die Gefühle während seines ersten vollständigen Geschlechtsakt noch gar nicht schildern – er bracht Abstand und das Vermögen, sich später noch einmal gedanklich und emotional auf den Prozess einzulassen. Ebenso vermessen ist es, nur „Betroffene“ zu Wort kommen zu lassen, wenn es um homoerotische Begegnungen, Partnertausch oder SM-Aktivitäten geht. Immer und überall ist nötig, sich in die Person einzufühlen und somit eine Vorstellungskraft für fremde Gefühle zu entwickeln. Denn nur, wer selbst Gefühle „nachempfinden“ kann und über sprachliche Macht verfügt, kann sie auch vermitteln.

Nun gut – fast schon zu viel gesagt. Wer lüstet und dabei lernen will, sollte ja keine Pornografie sehen, sondern lesen. Fragt sich nur: was denn eigentlich?

Dieser Artikel erscheint auch in "Mehrhaut"