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Sexualkundeunterricht – alles außer Lust?

Mal sehen, wie es geht ... anno 1930
Schüler haben „selbstverständlich“ Sexualkundeunterricht, jedenfalls in Deutschland und der Schweiz, und hoffentlich auch bald wieder in Ländern, die der Jugend diesen Unterricht verweigern.

Der Anspruch und die Realität des Sexualkundeunterrichts

Den Unterricht anzubieten ist eine Sache, ihn zu gestalten und die eigene Scham, die eigenen Grenzen und Wertvorstellungen dabei zu überwinden, eine andere.

Formal ist immer alles OK - doch reicht das?

Formal ist so gut wie immer „alles bestens“, jedenfalls, wenn man „mit offiziellen“ Vertretern des Schulwesens spricht, wie es beispielsweise der Schweizer „BLICK“ (1) tat. Der zuständige Mitarbeiter äußerte sich so:

Die Lehrperson geht in altersgemäßer Weise auf Fragen ein, welche die Schülerinnen und Schüler beschäftigen.

Die Aussage klingt etwas formal, und das wird noch deutlicher im nächsten Satz (1):

Auch die lebenskundlichen Aspekte sind ein wichtiger Teil.

Lebenskundliche Aspekte? Ginge das nicht etwas genauer?

Nein, geht es nicht, sondern der Mitarbeiter führte weiter lebensfern und schulmeisterlich aus (1):

Zu thematisieren sind auch Werte und Normen im Zusammenleben der Menschen allgemein und speziell in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter.

Zu thematisieren? Und wie „thematisiert“ man Sexualität über das „Zusammenleben der Menschen allgemein“?

Was weiß eine Behörde oder Institution vom Leben?

An dieser Stelle muss ich den Schweizer, der dies sagte, verteidigen. Er sprach ja nur über das, was er als „wissenschaftlicher Mitarbeiter Lehrplan 21“ davon weiß. Und kümmern sich „wissenschaftliche Mitarbeiter“ etwas um die Praxis, geschweige dann um das, was Schüler wirklich wissen wollen? Es darf bezweifelt werden.

Was Schüler wirklich wissen wollen

Was wollen die Schüler also? Eine Studie gibt darüber Aufschluss. Demnach besteht tatsächlich ein großes Bedürfnis nach dem „Zusammenleben“, aber in einem völlig anderen Sinne. Demnach wollen die meisten Schüler(innen) wissen, wie sie mit dem heutigen oder künftigen Partner/der Partnerin sexuell verkehren können. (2) Dies betraf etwas mehr als zwei Drittel der Fragen der Jugendlichen. Interessant war für sie auch, wie sie sich auf den ersten Geschlechtsverkehr vorbereiten konnten und wie sie ihn für sich selbst und den Partner „schön“ gestalten konnten (3). Für die Anatomie und Veränderungen am Körper interessierten sich etwa 15 Prozent, und letztendlich auch für Beziehungen, also Liebe und „Dating“. Wie eine Frau oder ein Mann idealerweise sein sollte, interessierte etwa 10 Prozent der Befragten, und etwa gleich viele interessierten sich für Masturbation.

Was Schüler wissen wollen, ist nicht da, was die Schule vermittelt

Diese Forscher zeigten also auf, wo das Wissen, das durch die Schule vermittelt wird, angekommen ist und wo weiterer Klärungsbedarf besteht. Offenbar nicht bei den Sexualfunktionen – und schon gar nicht beim „besonderen Zusammenleben“ der Geschlechter aus soziologischer oder ethischer Sicht. Die Jugend sucht vielmehr Antworten darauf, ob all das, was mit der Sexualität zusammenhängt, für sie persönlich zutreffen könnte. Und natürlich, wie jeder für sich reagieren kann, wenn lustvolle Situationen Handlungen nach sich ziehen - einfacher ausgedrückt: „Wie es geht“.

Die Rolle bildlicher Falschdarstellungen (aka Pornografie)

Eines der Hauptprobleme scheint zu sein, dass Jugendliche zu viel fragwürdige Darstellungen von Lust und Sexualität sehen und solche Informationen dann auch weiterverbreiten.

Die Blick-Psychologin Caroline Fux (1,4) urteilt hart:

Wenn Kinder und Jugendlichen diese Antworten nicht in der Schule lernen, suchen sie sich das Wissen in Pornos oder verbreiten Falschwissen untereinander. Mir ist ein Rätsel, was daran besser sein soll, als wenn das, was zu einer lustvollen Sexualität dazugehört, auch im Lehrplan vorkommt.

Muss Lust geächtet werden?

Man mag sich fragen, warum Lust als geächtet gilt. Sie ist die namhafte Triebfeder im Leben jedes Menschen und mit Sicherheit auch diejenige, die das Potenzial hat, uns in die Irre zu führen. Wäre es da nicht wirklich gut, Lust und Sexualität gemeinsam zu behandeln statt Körperfunktionen und Ethik?

(1) Alle wörtlichen Zitate: BLICK.
(2) Zur Studie.
(3) Interpretiert. Im Original: "the logistics and qualitative aspects of first-time sexual intercourse."
(4) Caroline Fux Brändli, ist Journalistin, Autorin und Psychologin lic. phil.
Foto: historisch, nachkoloriert.

Die Sexualkunde-Lehrerin und die Freiheit

Was sollte eine Sexualkunde-Lehrerin in der heutigen Zeit tun? Wahrscheinlich würden Sie sagen: Sie sollte die Schüler/innen da abholen, wo sie stehen, und versuchen, das Beste aus dem zu machen, was sie vorfindet. Sehen Sie, und genau das würde ich auch erwarten.

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Nun ist die Autorin Thérèse Hargot aber einen anderen Weg gegangen: Ihr missfiel, was sie vorfand, und sie klagt nun die gegenwärtige Gesellschaftsordnung an (1) – und weil das noch nicht reicht, gleich mal die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von dem versteht sie so gut wie gar nichts, was nicht verwundert. Sie war zu jenen Zeiten, in denen sie die Ursachen identifiziert haben will, noch gar nicht geboren und auch gegen Ende des Jahrhunderts noch viel zu jung, um das vergangene Jahrhundert zu begreifen.

Damals Muchow, heute Hargot?
Natürlich hätte sie sich die Mühe machen können, das vergangene Jahrhundert einer kulturellen Analyse zu unterziehen – mindestens einer, die nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt und die Entwicklung kontinuierlich nachzeichnet. Doch ihre Unkenntnis hinderte sie nicht daran, kräftig vom Leder zu ziehen und zu lamentieren.

Mich erinnern die Aussagen an das unselige, damals auch sehr populäre Machwerk von Hans Heinrich Muchow, „Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend“. Nur erschien dieses Buch 1959, also, kurz bevor die angebliche „sexuelle Revolution“ stattfand.

Wem nützen solche Bücher? Ich vermute, sie nützen in erster Linie Frau Hargots Klientel, den Unzufriedenen, den Antiliberalen oder den konservativen Katholiken. Das war zu den Zeiten von Muchow ähnlich.

Im Kern sagte Frau Hargot, dass die Sexualkultur heute viel zu liberal sei, und dass die ihr innewohnende Freiheit etwas Unerwünschtes sei.

Das kann sie natürlich denken und schreiben – aber wie wäre es, wenn sie einfach ihre Arbeit tun würde und mit den Gegebenheiten einer liberalen Kultur leben lernen würde? Denn das ist die eigentliche Kunst: Wir ändern „die Verhältnisse“ nicht zum Positiven, indem wir die Freiheiten beschränken, sondern indem wir ihren Gebrauch lehren.

(1) In Ihrem Buch "Sexuelle Freiheit aufgedeckt", das demnächst auf Deutsch erscheint. Originaltitel: "Une jeunesse sexuellement libérée (ou presque)"

Sexualaufklärung durch Pornografie?

Nicht jede Filmszene im Bett ist "pornografisch"
Sexualität muss Offenheit vertragen – das ist die Essenz eines Artikel in der “TeenVogue”, denn die spricht aus, was ohnehin die Spatzen von den Dächern pfeifen. Selbst sehr junge Frauen informieren sich nicht mehr über die traditionellen Kanäle der Sexualaufklärung, sondern über Pornografie – was keinesfalls zu befürworten ist.

Das Problem ist schnell erkannt: Pornografie interessiert die jungen Mädchen nicht wirklich - aber sie suchen nach der Wahrheit, die ihnen von Eltern und Erziehern vorenthalten wird. Denn Sex-Ed, also Sexualkundeunterricht, bleibt in der Schule naturgemäß an der Oberfläche. Das Ziel ist zu wissen, wie alles ganz genau funktioniert, insbesondere, in welche Situationen der Mensch beim Sex kommt und was dabei wünschenswert ist.

Nun ist Pornografie allerdings ein schlechter Lehrmeister. Denn in hier wird zu rau, zu direkt und zu übertrieben gezeigt, was körperliche Liebe bedeutet. Zudem kommen ständig Praktiken zum Einsatz, mit denen gerade junge Frauen völlig überfordert sind – zum Beispiel mit Fellatio.

Doch was ist der beste Weg, um etwas über Sexualität zu lernen? Das sei ganz einfach, meint eine namhafte Expertin. Man müsse mehr über Sex sprechen, und zwar offen und öffentlich. Denn ob es sich um Sexualität dreht oder um irgendwelche anderen sozialen oder emotionalen Fragen – immer gilt, dass nur die Wahrheit uns die Freiheit gibt, uns zu entwickeln, wie und wohin wir wollen.

Warum ich Gender-Aktivistinnen gegenüber kritisch bin

Heute las ich einen an sich sehr interessanten Artikel, über Sexualpädagogik, der aber auch beweist, dass wir die „Sexualkundefrage“ differenziert betrachten müssen, wenn wir das Beste für alle wollen.

Die Sexual- und Reproduktionspädagogik im deutschsprachigen Raum ist einerseits einige Jahrzehnte lang überholt, und andererseits wird dieses ohnehin schon schüttere Wissen – in Schulen wie auch in den Medien – sehr mangelhaft kommuniziert.


Das ist zweifellos so. Was gelehrt wird, ist einfallslos, bruchstückartig und und es berücksichtigt nicht, dass wir alle Individuen sind und alles, was mit der Liebe zusammenhängt, höchst unterschiedlich empfinden. Der große Bogen zwischen Organen, Funktionen und Empfindungen wird nicht geschlossen – aber kann man das überhaupt erwarten?

Nun kommt aber etwas, das die meisten Schülerinnen und Schüler nicht sonderlich interessiert, von den „Genderisten“ aber immer wieder vorgebracht wird: „Gender als soziales Konstrukt“.

Schwierige Lage: viele Theorien, aber wo bliebt eigentlich das Individuum?

Ob sich jemand als Frau, Mann oder etwas anderes fühlt, hängt bekanntlich von zwei Kern- und mehreren Seiteneffekten ab: Natur, Sozialisation und der individuellen Erfahrung, wobei und bei wem sich jemand wohlfühlt. Der erste Teil, die Natur, ist gut erforscht, der zweite Teil, die Sozialisation, beruht auf weniger Fakten und auf mehr Annahmen, und der dritte Teil, das Wohlfühlen beim Sex, wird gar nicht erwähnt. Kann es auch nicht, weil im Grunde nur jeder selbst weiß, warum er sich selbst, seine Frauen, seinen Mann oder meinetwegen seinen Teddy liebt. Es ist auch ein Gebiet, auf dem die Forschung nichts mehr verloren hat, weil es zur Privatsphäre gehört.

Und insofern müssen wir wirklich nicht „auf Biegen oder Brechen“ über „Genderfragen“ reden. Toleranz gegenüber sich selbst und anderen reicht völlig.

Versuch und Irrtum ist nicht schlecht, sondern nötig

Ich will hier noch kurz etwas erwähnen: Wir alle lernen in allem, was wir tun und erleben können, durch „Versuch und Irrtum“. Würden wir es nicht tun, so müssten wir annehmen, dass unser Gehirn ein Automat ist, der. Einmal programmiert, nur das erfahren kann, was er im Programm gespeichert hat. Es ist also richtig, mit „Versuch und Irrtum“ zu arbeiten. Und das hat nichts mit den „patriarchalischen Machtstrukturen oder mit der sogenannten „Rape Culture“ zu tun.

Kommunikation ist mehr als Verteilung von Wissen

Ich bin ein Mann aus der Informatik. Und ich sage klar: Natürlich sind Information und Kommunikation die Mittel der Wahl, wenn es um den Erwerb und die Verteilung von Wissen geht. Aber ich sage auch: Kommunikation ist nicht das, was viele dafürhalten, nämlich Meinungs- und Gedankenaustausch. Wer da glaubt, ist 40 Jahre hinter dem Mond. Und Kommunikation ist in Wahrheit alles, was wir durch unser erkennbares Verhalten ausdrücken und übermitteln können.

Was letztendlich heißt: Auch Sex ist Kommunikation, und es ist für die Menschen eben Neuland, wenn sie beginnen, auf diese Weise zu kommunizieren.

„Generation Porno“ – versagt die Schule?



Der Spagat zwischen Berichterstattung und Sensationsmache muss jeden Tag neu versucht werden – diesen Eindruck habe ich jedenfalls beim Thema der „Generation Porno“.

Der Westen versucht heute diesen Spagat anlässlich einer Berichterstattung über eine Konferenz des Medienkompetenz-Netzwerks NRW und weiß sinngemäß, dass Kinder und Jugendliche, die in gefestigten Beziehungen leben, von der Internet-Pronografie ebenso wenig beeinflusst werden wie ihre Eltern und Großeltern von der Heftchen-Pronografie.

Falsche Vorbilder aus der Internet-Pornografie beziehen dahingegen die Kinder und Jugendlichen aus Kreisen, die man früher als „Subproletariat“ bezeichnet hätte und die man heute „sozial korrekt“ als „bildungsferne Schichten“ ansprechen muss – hier fischen ja auch die Sensationsberichterstatter im Trüben, wenn man sie mal wieder eine „richtig geile Story“ über die „Generation Porno“ brauchen.


Das Menschenbild der Schule ist veraltet

Dabei fällt auch auf, dass die Schule offenbar immer noch einem veralteten Menschenbild anhängt. Wenn man bedenkt, dass erst Acht- oder Neuntklässler (wie es in dem Artikel heißt) Ihren „Aufklärungsunterricht“ erhalten, dann muss man sich wirklich fragen, ob die Schule ihrem Bildungsauftrag gerecht wird. Wer so lange mit dem Aufklärungsunterricht wartet, der bildet nicht aus, sondern gefährdet Jugendliche. Vielleicht sollten die Damen und Herren, die dafür verantwortlich sind, einmal ihre Aufmerksamkeit auf die vielen Foren für Frauen und Mädchen richten, in denen junge Frauen ganz konkret nach Sextipps fragen, die sie anderwärts nicht bekommen können. Ich kann meinen Leserinnen und Lesern versichern, dass dort eine schärfere Gangart eingeschlagen wird als in der Schule, in der die jungen Mädchen mit fünfzehn Jahren Kondome über Holzmodelle ziehen dürfen. Übrigens handelt es sich dabei nicht um Pornografie, sondern um Informationsseiten.

Wer sich da noch wundert, dass sich auch junge Frauen ihre Sextipps bereits aus dem Internet holen,

Wer staunt denn da über den Alltag?

Das merkwürdige, veraltete Menschenbild zeigt sich aber auch an dem „Staunen“ vereinzelter Lehrerinnen, „dass die Mädchen von heute Poster von Popsängerinnen in Ketten und Reizwäsche tolerieren“. Wenngleich sie mit Ketten nicht sonderlich vertraut sein mögen, so wünschen sich doch viele Frauen, in Reizwäsche verführerisch auszusehen – und auch mal die süßen Plüschhandschellen zu erproben. Kein Wunder, dass auch schon die 14- und 15-jährigen weiblichen Jugendlichen daran Gefallen finden.

Ist es wirklich „der männliche Blick“ mit dem die jungen Frauen sich hier sehen, wie der Westen meint? Ich zitiere wörtlich:

„Diese extrem entspannte Haltung der Mädchen und jungen Frauen zur Darstellung von Geschlechtsgenossinnen als Sexobjekt übrigens ist wirklich neu, so die Sexualwissenschaftler. Es gibt da oft ein Achselzucken den männlichen Konsumenten gegenüber.“

Ich denke, dass nicht allzu viele Gesamtschullehrerinnen und „Sexualwissenschaftler“ Vogue oder Cosmo lesen – sonst hätten sie vermutlich längst ein anderes Frauenbild.

Titelbild © 2007 by perhapstoopink