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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Was sagt die Psychologie eigentlich zur Hörigkeit?

Hörigkeit ist ein Begriff der Psychologie, der auch im Volksmund stark verbreitet ist. Im Allgemeinen wird die Hörigkeit dabei als eine außerordentlich starke, asymmetrische sexuelle Abhängigkeit bezeichnet.

Man spricht also von „Hörigkeit“ nur dann, wenn einer der Partner vom anderen über das übliche Maß hinaus sexuell abhängig ist. Selbst eine solche Abhängigkeit muss noch nicht zu Problemen führen, wenn sie erstens gewollt und zweitens mit wenig Aufwand wieder lösbar ist.

Sowohl die Fachliteratur der Psychologie wie auch die einschlägigen populärwissenschaftlichen Werke beschäftigen sich in erster Linie mit der Hörigkeit der Frauen gegenüber dem Manne. Erst in jüngster Zeit hat man damit begonnen, sich auch mit sexuell abhängigen Männern zu beschäftigen.

Die Psychoanalyse, die praktisch alle Probleme in der frühkindlichen Entwicklung vermutet, versucht dieses Modell auch beim hörigen Mann anzuwenden und diagnostiziert (Zitat):

So erinnert den hörigen Mann eine niedrige und gleichwohl letztlich unerreichbare Frau unbewusst an den Konflikt zwischen der kindlichen Begierde gegenüber der sexuell unerreichbaren Mutter und der Erziehung, die jede Sexualität als niedrig hingestellt hat.


Solche Begriffswelten stehen freilich unter Ideologieverdacht, weil die Psychoanalyse die Beweise für diese Thesen nie erbringen konnte.

Es scheint vielmehr so zu sein, dass Männer sich von solchen Frauen abhängig machen, die ihnen erstmalig wirklich erfüllende sexuelle Praktiken anbieten. Sind diese Praktiken für einen Mann beschämend, wie etwa Analstimulation oder Feminisierung, Schüler-Lehrerinnenspiele oder erotische Folterungen, so entsteht zumeist ein Geflecht von mehrfachen Bindungen, die ineinander übergehen und nicht mehr recht trennbar sind.

Mit anderen Worten: Es entsteht eine Abhängigkeit von „Küssen und Schlägen“, die anderwärts auch als die „Herrschaft von Liebe und Liebesleid“ in einer Person beschreiben wird.

Es ist sehr interessant, dass der Begriff der „Hörigkeit“ nur sehr selten auf „ebenbürtige“ Partner verwendet wird – also solchen, die auf gleicher sozialer Stufe in Alter, Bildung und Einkommen stehen. Zumeist verwendet man ihn nur dann, wenn eine soziale Schieflage existiert.

Die „Hörigkeit“ ist kein fest definierter Zustand, und er ist auch nicht zwangsläufig krankhaft zu nennen. Erst wenn die Abhängigkeit extrem groß wird und der vermeintlich „Hörige“ darunter leidet, spricht man von einer psychischen Abhängigkeit, die mit ähnlichen Methoden wie bei anderen Abhängigkeiten (Süchten) behandelt werden kann.

Die Liebe zur erotischen Abhängigkeit

gefährliche begierde

Gestern hatte die Liebeszeitung behandelt, wie Menschen aus falsch verstandener Liebe in Not kommen können, wie sie, volkstümlich gesprochen, einem anderen Menschen „hörig“ werden können.

Doch nicht jede Abhängigkeit von einer anderen Person ist Hörigkeit. Auch Menschen, die wirklich lieben, begeben sich in die Abhängigkeiten – und manche fühlen sich in ihr wirklich wohl. Um ein wenig zu differenzieren, lassen Sie mich die dunklen wie die hellen Seiten der Abhängigkeit kurz schildern:

Beispiel Hausfrauenehe – der Klassiker

Ein typisches, recht alltägliches Beispiel für die Abhängigkeit ist die Hausfrauenehe. Wenn die Hausfrau nicht über genügend Nadelgeld verfügte, musste sie von ihrem Ehemann alles erbetteln, was sie sich über den gewöhnlichen Alltag hinaus wünschte. Da diese Wünsche leichter vermittelbar waren, wenn sie sich den sexuellen Wünschen ihrer Ehemänner hingaben, versuchten viele Frauen auf diese Weise, sich ein schöneres Leben zu „erkaufen“. Dieses Beispiel war jahrzehntelang so alltäglich, dass es gar nicht als „Abhängigkeit“ angesehen wurde.

Beispiel Gewalt – die Unterdrückung der Schwachen

Weniger alltäglich ist die Abhängigkeit durch eine Mischung von emotionaler, psychischer und gelegentlich auch physischer Machtausübung. Hier sucht sich eine starke Person bewusst eine schwache Persönlichkeit, um sie nach seinen Vorstellungen zu formen. Der noch vorhandene Restwiderstand gegen die totale Abhängigkeit wird nach und nach gebrochen, so lange, bis man die andere Person völlig versklavt hat und all ihre Lebensäußerungen kontrolliert.

Beispiel Liebessucht – mit Volldampf in die Hörigkeit

Wesentlich differenzierter verhält es sich, wenn eine von Liebessucht getriebene Person sich in jeder Hinsicht zu unterwerfen versucht, um die Gunst eines anderen Menschen zu gewinnen. Bei Begegnungen mit anderen Menschen wird diese Veranlagung zumeist schnell deutlich und zumeist zurückgewiesen, weil viele Menschen einen „Riecher“ dafür haben, wann die Liebe krankhaft ist und sie ihre eigenen Gefühle nicht mit denen des anderen vergiften wollen. Andere aber sind entzückt von diesem Verhalten und nutzen es zum eigenen Vorteil. So oder ähnlich werden die meisten Fälle echter Hörigkeit geschildert.

Wenn Liebe und Abhängigkeit Hochzeit halten

Ganz anders verhält es sich nun allerdings bei Menschen, die einander wirklich lieben, und bei denen sich dennoch ein Partner mehr oder weniger restlos dem anderen unterordnet. In den meisten Fällen geschieht dies in einem „geschützten Bereich“, das heißt, dass es für beide ein eingeschränktes öffentliches Leben gibt, während das Privatleben unter dem Vorzeichen der freiwillig gewählten sexuellen Abhängigkeit steht. Frauen sagen in solchen Situationen, sie würden die „vollständige Geborgenheit“ oder die „Freiheit von Verantwortung“ schätzen, die ihnen diese Situation einbringen würde, während Männer behaupten, nur dort „ihre Sexualität wirklich angstfrei ausleben“ oder „sich ganz fallen lassen“ zu können. Partner, die so sprechen, sind in der Regel sowohl über die Liebe wie auch über die Unterwerfung an ihre Partner gebunden. Diese Form der Bindung wird von Psychologen zwar skeptisch beurteilt, weil es schwierig wird, aus ihnen herauszukommen, wenn die Liebe wegfällt, doch sehen die meisten Paare diesen Umstand in einem günstigeren Licht

Kann die Liebe zur erotischen Abhängigkeit denn nun wirklich funktionieren?

Erstaunlicherweise ja, und zwar in Beziehungen, in denen die Liebe einen festen Platz einnimmt und nicht nur eine vorübergehende Täuschung ist. Die meisten Männer und Frauen, die als „unterwürfig“ in eine solche Beziehung hineingehen, sind vor allem froh, hier ohne Angst das ausleben zu können, was im Alltag eher gefährlich ist: der Wunsch, sich völlig ungeniert dem Partner zu überantworten.

In der Regel wird erwartet, dass die Partner zwar schwache Punkte in ihrer Persönlichkeit haben, aber nicht eigentlich „schwache Persönlichkeiten“ sind. Die Bankprokuristin ist in diesen Beziehungen ebenso vertreten wie der leitende Ingenieur, die Oberärztin ebenso wie der Architekt. Man erwartet zudem Beziehungsfähigkeit und nicht eine bloße Bildung an die Umstände, unter denen die Beziehung gelebt wird.

Ein Beispiel: Eine Frau aus der BDSM-Szene beklagt, dass sie dort zwar „willfährige Sklaven“ in Mengen finden würde. Diese Männer hätten jedoch „bereits bein Bild von der Welt eines Sklaven und seiner Herrin“, und erwiesen sich in der Praxis als „nicht beziehungsfähig“. Nimmt man den Begriff „beziehungsfähig“ heraus und ersetzt es durch „nicht in der Lage, wirklich zu lieben“, so wird deutlich, was solchen Beziehungen fehlt. Die Frau hatte dann das Glück, doch noch einen liebesfähige Menschen zu finden, der die Rolle eines Abhängigen annehmen wollte und der vor allem „die Realität des Alltags kennt und in der Lage ist, diese mit einzubeziehen“.

Man kann aus vielen Beobachtungen entnehmen, dass wirkliche Liebe auch wirkliche Beziehungen hervorbringt, und zwar unabhängig davon, wie sie im Alltag ausgestaltet werden.

Wie Randgruppen mit gezinkten Karten spielen

Allerdings wird gerade in gewissen Randgruppen der Gesellschaft mit gezinkten Karten gespielt. Um es deutlicher zu sagen: Wenn der Mann bestimmt, wann die Frau nackt sein muss und welche Kleidung sie wann tragen darf, wenn sie nicht mehr alleine ausgehen darf und selber keine Freundinnen mehr auswählen darf und dazu über keine eigenen finanziellen Mittel mehr verfügt, dann wird das Gerede über „freiwillige Unterwerfung“ zur Farce.

Wollte man ein Fazit ziehen, so könnet man dies sagen: Geht es beiden in einer Beziehung gut und lieben sie einander, so ist das Potenzial an Hörigkeit gering, auch wenn sie einen „alternativen“ Lebensstil bevorzugen. Ist aber stets die Abschreckung vorhanden, „weggeschickt werden zu können“ wie eine Ware, so muss man an der Liebe zweifeln und kann mit Fug und Recht eine suchtähnliche Abhängigkeit vermuten.

Bild oben: © 2009 by Greencandy8888
Bild rechts oben: © 2009 by craig coultier
Bild rechts unten: © 2009 by ladydragonflycc

Hörigkeit: Liebesrutsche in den Abgrund



Ihre Liebe zu mir was süß und bitter zugleich … von Anfang an hatte sie es für ausgemacht gehalten, dass ihr Wunsch mir Befehl sei, und ich pflichtete ihr stillschweigend bei“.

Der Unterschied zwischen einer Beziehung in Abhängigkeit und dem, was der Psychologe „Hörigkeit“ nennt, liegt normalerweise in der Liebe zur Person. Dazu muss die Beziehung gar nicht auf „Abhängigkeit“ angelegt worden sein: jeder, der eine Beziehung eingeht, macht sich auch ein wenig abhängig vom anderen. Dabei geht es gar nicht darum, wie weit sich jemand anhängig macht und ob er ein Vergnügen daran findet oder nicht: Er tut es einfach, indem er Teile seiner Freiheit und finanzielle Eigenständigkeit aufgibt, und indem er Teile seiner Persönlichkeit an ein neues Phänomen abgibt: „Wir als Paar“. Ein Mensch, der einen anderen liebt, sagt sich innerlich: Für meine Liebe zu dir gebe ich etwas auf, aber ich gewinne dafür ja auch etwas anderes“.

Das Problem ist nur: Manche Menschen liebe gar nicht die Person. Sie sind verliebt in den Zustand, gewollt zu werden. Sie machen sich abhängig von diesem Gefühl. Sie können die Bindung an den anderen gar nicht wirklich erklären und sie können sich nicht eingestehen, dass sie gar nicht die Person lieben, sondern eine bestimmte Vorstellung, die sie von der Beziehung haben. Jemand, der von einer Frau „nicht erhört“ wurde, die nichts als ein Spiel mit ihm spielte, sagte am Ende sinngemäß: „Wie kann sich mich denn nicht lieben, ich habe doch alles getan, was sie wollte“.

Das Dilemma: Ich kann jedem beliebigen heterosexuellen Paar auf dieser Erde erklären, warum ihre Liebe auch Abhängigkeit erzeugt – aber ich kann einem Hörigen nicht erklären, dass sein Zustand mit Liebe gar nichts zu tun hat, sondern nur mit ihm selbst und seiner Sucht.

Autorinnen und Autoren, die Menschen dieser Art getroffen haben, sind in der Regel schockiert über ihren Zustand: Die meisten befinden sich in schrecklichen emotionalen Tiefen, andere sind wirtschaftlich oder sozial ruiniert – und alle sind am Ende irgendwie allein.

Diese Menschen sind die eigentlich gebeutelten eines Systems, das wie eine Liebesrutsche in den Abgrund funktioniert: Ein Mensch, der suchtartig nach Liebe giert, gerät an eine Person, die aus irgendwelchen Gründen Freude daran hat, daraus ein Spiel zu machen. Vor den Internet-Zeiten mögen es spielerisch veranlagte, gelangweilte Damen der Gesellschaft gewesen sein, die mit Männern erotische Briefwechsel begannen mit dem Ziel, den Mann darin damit zu reizen und zu demütigen.

Nicht nur im traditionellen erotischen Briefwechsel, auch in der Realität funktioniert die Abwärtsspirale, die meist nach einer modifizierten Salami-Taktik beginnt: Zu Anfang wird wenig verlangt, aber viel gegeben. Mit jeder weiteren Begegnung wird ein bisschen mehr verlangt und ein bisschen weniger gegeben, bis das Opfer schließlich jede Gunst mit der größtmöglichen Erniedrigung erkaufen muss. Die Selbstbestimmung der Person wird dabei systematisch ausgehöhlt. Am Ende steht dann die völlige psychische, emotionale, soziale und finanzielle Abhängigkeit.

Was in der Öffentlichkeit bekannt wird, ist zumeist nur die Spitze des Eisbergs: Wer abhängig ist, sei es von Alkohol, Sex oder Liebe, will sich nicht öffentlich “vorführen“ lassen. Die meisten Menschen, die aus Liebessucht hörig wurden, schämen sich auch später noch ihrer Taten und fürchten sich davor, dass ihre sexuellen Wünsche oder tatsächlichen Exzesse an die Öffentlichkeit geraten. Die anderen, die diese Liebessucht genutzt haben, sind noch bei Weitem öffentlichkeitsscheuer, denn sie anbieten oft mit Methoden, die zumindest an den Grenzen zur Kriminalität schrammen.

Was passiert aber, wenn es nicht die Liebessucht ist, die einen Menschen in die Hand eines heuchlerischen Partners treibt? Was, wenn beide einander wahrhaftig lieben und freiwillig in eine tiefe Abhängigkeit zueinander verfallen? Was, wenn sie das Spiel mit der Abhängigkeit lieben und höchsten Genuss darin finden?

Nun, bleiben Sie dran. Wir schreiben noch die ganze Woche über Jünglinge, die sich in die Fänge weiblicher Raubkatzen begeben, von Prinzessinnen, die bereits ihren Prinzen gefunden haben aber nun doch mal an Raubrittern naschen wollen und von dem ganz alltäglichen Betrug junger Frauen im Internet, die problemlos Kohle mit liebeshungrigen Männern machen wolle.

Foto oben: © 2007 by felix
Foto rechts: © 2009 by craig coultier

Morgen lesen Sie erst einmal den zweiten Teil:

Die Liebe zur erotischen Abhängigkeit