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Erotische Tagebücher – Lustvolles für die Nachwelt

Die Gelegenheit ist günstig ...
Was geschah wirklich in den Betten des 18., 19., und 20. Jahrhunderts, vor allem, wenn es sich nicht um Ehebetten handelte? Und wie lebt der Don Juan oder die Donna Juana heute? Wer verführt wen und bei welcher Gelegenheit?

Das alles finden wir in intimen Tagebüchern, Briefwechseln, manchmal in Biografien, auch wohl in machen Autobiografien.

Wenn ihr welche führt: Es könnet eine Quelle für zukünftige Autorinnen oder Autoren werden.

Die Verführerin Anna Lister - notorisch, herzlos und selbstverliebt

Ich rede im Moment von Anne Lister, einer Serienverführerin des frühen 19. Jahrhunderts – und die „Verführten“ waren Damen. Wer da sinnliche Gartenlauben-Romantik erwartet, wird enttäuscht. Ihre Biografin sagte dazu gegenüber dem Deutschlandfunk:

Anne Lister beginnt jeden Tagebucheintrag habituell (1) damit, ob und mit wem und wie oft sie … am Vorabend … (Sex hatte). Dann, ob sie in der Nacht noch mal aufgewacht sind und abermals Sex hatten. Und ob sie das Gleiche am Morgen wiederholt hatte.

Solche Schilderungen korrigieren nicht nur die „offizielle“ Geschichtsschreibung, sie werfen auch ein Licht darauf, dass Frauen sehr wohl „kaltherzige“ Verführerinnen sein können. Und die „Moral“ sank im 19. Jahrhundert mit zunehmender Bildung. Manche „höhere Tochter“ dieser Zeit, die gezwungen wurden, eine Konvenienzehe (2) einzugehen, holte sich vor der Ehe noch schnell eine Einführung in die Wollust. Manchmal von einer Freundin, manche von einem Freud. Ein berühmtes Beispiel ist das „Nixchen“ (3).

Also: Bewahrt sie auf, eure intimen Erlebnisse. Zukünftige Generationen werden mit offenen Mündern lesen, was ihr im neuen Millennium erlebt habt.

Buch: Angela Steidele: „Anne Lister. Eine erotische Biografie“
Matthes & Seitz, Berlin 2017. 327 Seiten, 28 Euro
Kauft es möglichst beim örtlichen Buchhändler - er freut sich.
(1) "Habituell" - " = "Üblicherweise"
(2) Konveniezehe - Ehe, die dem sozialen Stand der Eltern des neuen Paares entsprach.
(3) Antiquarisch möglicherweise über ZVAB Das Buch ist von Helene Keßler, die sich "Hans von Kahlenberg" nannte.
Bild: Nach einer Zeichnung von Édouard Bernard, gegen 1930, genaue Datierung unbekannt

Erotische Tagebücher im Netz

Ich gebe eines gerne zu: Ich lese die wenigen noch verbliebenen erotischen Blogs. Ihre Inhalte schrecken mich einerseits ab, und andererseits animieren sich mich, die interessantesten und sinnvollsten Informationen auch weiterzugeben.

Das Abschreckendste, was ich lese, ist stets: „Ich kann mich nicht mehr retten und ich finde den Ausweg nicht - aber sonst mache ich alles richtig.“ Das Lapidarste sind diese dummdreisten „gesponserten“ Posts. Und das Sinnvollste steht oft in einem Nebensatz, den ich dann aufgreife.

Vor- und Nachteile erotischer Blogs

Erotische Blogs haben einen Vorteil: ihre Autorinnen (und wenige Autoren) sind unglaublich offen und zögern oft nicht, über ihre „inneren“ körperlichen und psychischen Befindlichkeiten zu schreiben. Sie bieten deshalb einen tiefen Einblick in das, was sonst eher verschwiegen wird: die Lust am Sex, die Lust am eignen Körper und die Lust an der völligen Hingabe.

Und sie haben Nachteile: Einseitigkeit, geschönte Informationen und psychische Verzweiflung, die sich merkwürdig mit übermäßiger Wollust paart.

Und die Wahrheit?

Einige von den Blogs, die ich noch nicht las, sollen von „Betrug am Partner“, sei er Ehebruch oder Vertrauensbruch, berichten. Angeblich wird „eine Menge“ darüber geschrieben, zum Beispiel um (1):


- Sich zu revanchieren, weil der Partner sie schon betrogen hat.
- Um der Langeweile (in der Beziehung) zu entfliehen.
- Zur Selbstbestätigung (ich bin noch attraktiv)
- Um besseren Sex zu finden und zu genießen.

Dabei wäre für mich die Frage, ob die Autorinnen (oder Autoren?) dies veröffentlichen, weil es so „chic spektakulär“ ist oder ob sie wirklich losziehen, um ihre Lüste und Bedürfnisse auszuleben.

Führst DU ein erotisches Blog oder ein anderes erotisches Tagebuch? Dann sag es einfach.

(1) Nicht wörtlich, aber sinngemäß nach einem Artikel in "medium".