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Nur ein Wort - warum wir nicht wissen, was Liebe ist

ein wort für alles: liebe


Seit Jahrhunderten benutzen wir ein Wort, um zu sagen: „Ja, ich habe zu einer Person oder zu etwas eine besondere große Neigung, die über das übliche Maß hinausgeht.“ Das Wort heißt Liebe, und weil jeder das Wort für alles benutzt, bedeutet es inzwischen fast gar nichts mehr.

Mickey Mouse und Jugendstil – alles Liebe?

Ein Wort für alles? Das musste ja schief gehen. Wir liebten Karl May oder Mickey Mouse, erklärten, dass wir die Musik von Elvis oder Little Richard lieben würden, erklärten E.T.A. Hoffmann zu unserem Lieblingsdichter und Charles Mingus (oder meinetwegen Frank Zappa) zu unserem Lieblingsmusiker. Wir waren verzückt in stiller Liebe zu Sängern, Schauspielern, Dichtern oder Zeitstilen.

Warum Lehrer die Liebe nicht erklären können

Unsere Lehrer versuchten, uns den Wert der Liebe zu erklären – nichts misslang ihnen so gründlich wie dieses Unterfangen. Lehrer können in der Regel alles zerlegen, aber sie verstehende Kunst des Integrierens nicht. So lernten wir Eros, Philia und Agape kennen, und wussten so wenig wie zuvor. Immerhin hatten die Griechen offenbar wenigstes drei Wörter für das, wofür wir nur ein einziges hatten: Liebe.

Wertewechsel: Die Liebe und die Pubertät

Wie fast jeder von uns erlebt hat, ändert sich die Bedeutung des Wortes drastisch, wenn jemand in die Pubertät kommt. Plötzlich und ohne Vorwarnung kommt die triebgesteuerte Liebe zum Vorschein, deren Ziel die geschlechtliche Vereinigung ist. Zu diesem Zeitpunkt versuchten die Kirchen, ihre Traktätchen unters Jungvolk zu bringen: „Nicht Sex, sondern Liebe“. Sie verwirrten mehr, als sie erklärten. Wie konnte oder wie kann ein Junge Liebe entwickeln, wenn seine Triebe so verlangend hervortraten? Wie konnte ein Mädchen auf Dauer widerstehen, wenn es doch auch fühlte, was es bedeutet, Erwachsen zu werden?

Liebe lernen? Emotional und körperlich: Fehlanzeige

Die bürgerliche Gesellschaft hat ihre kleinen Fluchten, wenn die Pubertät über ihre Kinder hinein bricht: sie versucht, zu verdrängen, zu „sublimieren“. Nicht nur Körperertüchtigung und kaltes Duschen, auch Schwärmereien und Liebesgedichte sollen helfen, diese Zeit unbeschadet zu überstehen. Bei unserer heutigen, verschulten Jugend fällt die „heiße Phase“ der Pubertät in die intensiven Lernphasen, in denen sich ja angeblich die Zukunft entscheidet. Also den Geist vollstopfen mit Wissen, die Psyche volldröhnen mit Emotionen und dann und wann ein wenig Sex? Um Himmels willen – und das soll wirklich gut gehen?

Gleich, wie dies alles ausging oder ausgeht – die Liebe bleibt jedenfalls auf der Strecke. Man kann Liebe nur lernen, wenn man sich Zeit dafür nimmt, und um den Begriff zu füllen, würde man noch mehr Zeit benötigen.

Liebe, Sozialkitt und Vereinfachungen

Liebe ist im Deutschen deshalb fast alles, was irgendwie mit Zuneigung zu tun hat. Gott lieb uns, aber eben auch nicht, weil er ein zorniger Gott sein kann, unter uns allen ist die Liebe eine Art zwischenmenschlicher Sozialkitt. Wer die liebe so sieht, muss Philosoph, Soziologe oder Theologe sein. Im jüngst erschienen Buch „Das Ende der Liebe“ wird provokativ über den Sozialkitt „Liebe“ geschrieben - die innige Liebe, wie sie die meisten Deutschen verstehen, war gar nicht gemeint.

„Unser täglich Liebe“ als einfaches Gefühl

Wenn wir im Alltag über die Liebe reden, so meinen wir die Liebe, die uns entweder sehr nah oder gerade ganz fern ist: das Gefühl, mit jemandem von ganzem Herzen verbunden zu sein, in einer erdachten Einheit von Psyche, Körper und Geist.

Romantik – Mutter des Liebeskitsches

Die Mutter des Liebeskitsches, den wir heute überall vorfinden, ist die romantische Liebe. Sie ist eine reine Kopfgeburt, die zu früheren Zeiten beispielsweise darin bestand, dass der Jüngling „errötend den Spuren“ der Jungfrau folgte. Soviel ist klar: Ist es unschicklich, in der Nähe eines Mädchens gesehen zu werden, so ist der Knabe bereits „vom Gruß beglückt“ und wird dies eine „romantische Begegnung“ nennen. Hier die Begierde – dort der innere oder äußere Widerstand der Hingabe – so entsteht das Gebäude deutscher Liebesromantik. In Wahrheit ist die Liebe in Deutschland weitgehend unromantisch, ja nicht einmal sinnlich. Junge italienische Frauen liebkosen Stunde um Stunde ihre Liebste auf Parkbänken, und junge Ungarinnen sitzen ebenso lange rittlings in der Öffentlichkeit auf ihren Liebsten, während sie nichts anderes tun als Händchen zu halten, einander zu küssen oder zu streicheln.

Liebe – oft eine unbestimmte Empfindung

Liebe? Wen sie überfällt, für den wird sie ein sehr unbestimmtes, widersprüchliches Gefühl. Wie anders sollte es auch sein? Mutter Natur pumpt gewaltige Mengen von Drogen in unseren Kreislauf, um uns die Vernunft zu rauben und uns zur Kopulation zu bewegen. Väterchen Moral sagt uns, dass wir dem am besten gar nicht folgen sollten: Trugbilder, nichts als Trugbilder. Der Herr Pfarrer mag es gar Teufelswerk nennen. Ja, und wir? Wir sind Menschen, und Menschen leben mit Widersprüchen.

Keine festen Regeln mehr – Liebe neu schaffen

In unserer heutigen Zeit erleben wir einen Wandel: Die Zeiten fester Regeln für die Liebe sind vorbei – jedes Paar muss sie sich selber neu schaffen. Interessanterweise wird gerade in dieser Zeit viel von „der Liebe“ gesprochen, die es gar nicht gibt, und auch ein anderes Phänomen ist zu entdecken: Je mehr sich Frauen und Männer gesellschaftlich angleichen, umso mehr bestehen die Ideologen darauf, dass die Unterschiede betont werden. Der Liebe kommt dies nicht zugute.

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