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Nur 80 Prozent verlieben – und dann?

In der Zeitschrift EMOTION, so wird mir gerade berichtet, würde demnächst die Psychotherapeutin Alexandra Widmer über das Verlieben schreiben. Und der einzige Kernsatz, den man in die Welt hinausgepustet (1) hat, lautet:

Lieber 80 Prozent verliebt sein und mal schauen, wie es bei den nächsten Dates so läuft.
Nun frage ich mich, wie das gehen soll. Also, ich geh heute zum Date, bin 80 Prozent verliebt (schon eine „Verliebtometer-App auf deinem Handy?) und gehe nächste Woche zum nächsten Date, um zu gucken, ob der neue Typ mich nun zu 85 Prozent mauschig macht oder nur zu 69 Prozent? Und muss ich da jedes Mal hinterher zur Magnetresonanztomografie oder reicht ein Dopamin-Bluttest?

Ach so, ja … also die Frau Widmer meint wohl, „das Verliebtsein auf den zweiten Blick" wäre besser als auf den ersten Blick … und das heißt, ich soll den Typen lieber noch mal treffen, damit der Tank dann auf 100 Prozent aufgefüllt wird – oder der Liebestreibstoff schon aufgebraucht ist.

Wobei mir immer noch nicht klar ist, wie das so laufen kann. Ich meine, Verliebtheit in Prozent zu messen. Vielleicht erfahre ich das ja noch in der EMOTION – am Kiosk.

(1) Zu lesen in mehreren Artikeln des RND.

Psychologie des Online-Datings in 17 Thesen?

Muss man nun über 17 Brücken gehen, 17 Regeln beachten oder sich 17 „psychologischen“ Faktoren beugen, um Erfolg bei der Partnersuche zu haben?

Ich habe für euch alle 17 Tipps gelesen – ja, „Tipps“, den in ihnen steckt so viel Sinn wie ihn der Alltag nun mal beinhaltet, also von allem ein bisschen, ob mit Psychologie oder ohne.

Punkt eins: Partnersuche ist Partnersuche - kein Verschiebespiel

Eines sollte klar sein – wer auf Partnersuche geht, sollte wissen, dass er auf Partnersuche geht – und nicht glauben, dass Links-rechts-Verschiebungen etwas mit Partnersuche zu tun haben. Und da stimme ich den „Psycho-17“ einer Partnerbörse zu: Partnersuche setzt einen Beziehungswunsch voraus.

Das Eingemachte - was darf sich verändern udn wie soll es werden?

Wirklich ans „Eingemachte“ geht allerdings nur ein Punkt der gegenwärtig kursierenden 17 „psychologischen“ Faktoren:

Du solltest wissen, was was du beibehalten willst und was sich für dich verändern darf. Es ist genau dieser Punkt (Nummer neun bei der 17-P-Befragung, dem zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. (1) Wenn es dich betreffen sollte: Wenn du einen Partner gefunden hast, gibt es auf jeden Fall Veränderungen. Einige hast du gewollt und einkalkuliert, andere ahnst du nicht einmal. Die meisten sind – hoffentlich – positiv für dich und deinen Partner/deine Partnerin. Aber einige belasten auch, oder sie lösen Konflikte aus.

Die beste Lösung - die offene Partnersuche

Wenn du dies berücksichtigst, kannst du die beste Lösung wählen, nämlich die nach allen Seiten offene Partnersuche. Das einzige Kriterium: Deine zukünftige Partnerin oder dein zukünftiger Partner muss zu den Lebensbedingungen passen, die du auf keinen Fall verändern willst.

„Das ist alles?“, wirst du vielleicht fragen. Und ich sage: Ja, das ist alles. Was sonst noch wichtig sein könnte, ergibt sich, wenn du dich mit ihr (ihm) triffst. Dann ist deine soziale, intellektuell und emotionale Erfahrung gefragt – und sonst gar nichts.

(1) Zitat von Punkt Neun laut Pressemitteilung Gleichklang:

Ein Partner ist kein Zusatz, den man bestellen und dann sein Leben einfach weiterführen kann. Partnerschaft erfordert immer Veränderungen. Erfolgreich sind diejenigen, die für sich herausarbeiten, was tatsächlich beibehalten werden sollte und was verändert werden kann.

Scheitert die Ehe an übertriebenen Gefühlserwartungen?

Der Zeitgeist sagt uns, wie wichtig Gefühle sind – und da erinnere ich mich an eine Zeit, in der diese Frage schon einmal gestellt wurde: Man wollte ans Eingemachte, an die innersten Empfindungen. Nach Maslow passiert das immer dann, wenn man sonst keine Probleme mehr hat: Sozial und finanziell gesichert, etabliert und saturiert: Und nun will man mal sein Seelchen schmücken. Dagegen spräche nicht, wenn damit nicht Forderungen und Ansprüche verbunden würden.

Wenn die Esoterik- und Psycho-Branche frohlockt

Esoteriker, Gurus und Geschäftemacher versuchten schon Mitte der 1970er Jahre, eine neue, auf asiatische Religionen, neue psychologische Richtungen und allerlei Hokuspokus basierende Gefühlsbewegung aufzubauen. Sie hatte die üblichen dreifachen Folgen: einigen diente sie, finanziell wie emotional, manche ruinierte sie (überwiegend emotional) und die große Masse nahm sie verblüfft zur Kenntnis. Letztendlich ging man zur Tagesordnung über: „Ach, eine dieser Moden“. Wer sei Geld mit der Hände Arbeit verdienen musste, verstand die ganze Chose nicht, und wer seinen Geist einsetzte, um sein Brot zu verdienen, spottete schon damals: ach, die sind eben auf dem Psycho-Trip“. Ich kann mich an eine Episode erinnern, in der ich davor warnte, Gefühle zu hoch zu bewerten, zu weit herauszuhängen und vor allem, sie sie zu sehr zu verherrlichen, weil der Umgang mit ihnen eher ein Kulturphänomen sei.

Anmaßende Forderung: Ach, schenke mir doch Gefühle!

Nun kommt der Glaube an die Gefühle wieder zurück - aber aus anderer Sicht: Ehepartner maßen sich an, einen Anspruch auf ein reges Gefühlsleben des Partners zu haben. Sie kommen gar nicht erst auf die Idee, dass sie selber für ihre Gefühle verantwortlich sind, oder dass sie die Gefühle, die ihnen entgegengebracht werden, maßgeblich beeinflussen. Und sie sind sich absolut sicher, dass ihre Erwartungen „normal“ sind, also nicht über alle Maßen hoch. Der erwünschte Gefühlszuwachs soll vom Partner kommen. Er soll Liebe schenken, Intimität gewährleisten und letztendlich auch der Verantwortliche sein, wenn der Goldtopf der Gefühle nicht ständig randvoll ist.

Erwartungen herunterschrauben?

Nun könnte man sagen: Die Erwartungshaltungen von Ehepartnern aneinander sind offenkundig zu hoch – wie könnte man diese Erwartungen absenken? Das wäre möglicherweise sinnvoll, denn generell sind viele Erwartungshaltungen aneinander zu hoch geworden und die Enttäuschungen daher umso größer.

Oder Beziehungsarbeit verordnen lassen?

Oder aber, wir lassen uns von Psychologen, Beratern, Gurus und Esoterikern mehr „Beziehungsarbeit“ verordnen. Das klingt immer gut, und daran lässt sich nötigenfalls auch verdienen. Bücher, DVDs, Seminare … ungefähr so wie damals in den 1970ern.

Gefühlskonten plündern und plündern lassen?

Ich frage mich: Was ist aus uns geworden, mit solchen Ansprüchen zu leben? In den 1970ern ließen sich Frauen oft scheiden, weil sie glaubten, in einer neuen Beziehung mehr Freiheit zu verspüren. Zunächst aber mussten sie sich an andere Realitäten anpassen, was sie im Rausch der Erwartungen nicht einmal geahnt hatten. Heute wollen sie mehr Gefühle absaugen – und dann? Macht es Freude. Ständig die Sozial-und Gefühlskonten anderer zu plündern? Wobei auch Männer ständig wie die Taubenschwanzfalter im Abstand an weiblichen Gefühlen nuckeln und sich niemals auf einer Blüte niederlassen. Überhaupt Männer – sie sind zum Teil egoistisch im Konsum von Liebe, Lust und Leidenschaft. Dann wollen sie noch mal die „richtige“ Lust und Leidenschaft verspüren und junge, frische Haut riechen. Schade, aber kaum zu ändern.

Der erste esoterisch-emanzipatorische Aufbruch und sein Preis

Zur Erinnerung: In den 1970ern hatte die Freiheit ihren Preis, und er wurde selten einkalkuliert: Frust und Einsamkeit erwarteten (zumindest zunächst) die frisch Geschiedenen, denen man eingeflüstert hatte, sie würden nichts als ihre Fesseln verlieren. Die meisten stiegen sozial, wirtschaftlich und emotional ab,. Manche dauerhaft, manch vorübergehend. Und sie musste erst einmal lernen, was ein selbstverantwortliches Leben bedeutet. Mit anderen Worten: der Preis war viel höher als gedacht.

Zurück zu den Frauen (insbesondere ab 40): Sucht mal schön die Männer, die euch dauerhaft diese tollen Gefühle produzieren. Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen: viel Glück dabei!

Alle anderen sagen ich von Herzen: Sucht die guten Gefühle in euch selbst, und belästigt andere nicht damit, sie euch zu schenken.

Nachwort: ich erwarte nicht, jedem aus dem Herzen zu sprechen, der dies liest. Widersprecht mir, wenn euch danach ist. Und ich las, bevor ich dies schrieb, "ze.tt"

Die sexuelle Normalität

Was ist normal?
Die meisten Menschen, die über die „Normalität“ reden, wissen nicht einmal, was die Realität ist, aber sie behaupten, etwas über die Normalität sagen zu können. Es ist absolut anmaßend, wird aber merkwürdigerweise toleriert.

Unwissenheit und Unsinn aus der Wissenschaft

Wir lesen erstaunt, dass die „Normalität“ das „Selbstverständliche“ ist – doch die Lexika werden uns nie erklären können, was denn nun selbstverständlich ist. Bitte: Ist es das, was sich „von selbst versteht“? Sind die Soziologen wirklich so bescheuert, dass sie glauben, etwas „verstehe sich von selbst“? Nein, sind sie nicht. Sie sagen, es würde durch die Erziehung oder durch das Abgucken nützlicher Verhaltensweisen erlernt. Für die Ewigkeit? Aber nicht doch - welch ein Unsinn.

Oh, ich las weiter, was die Psychologen darüber denken – immer sehr interessant. Demnach ist das „Normale“ das akzeptierte, gesunde und förderungswürdige Verhalten. Nein, nein, das stammt nicht aus dem 19. Jahrhundert, sondern lässt sich taufrisch im Internet in einem Beitrag von 2018 nachlesen.

Das Weltbild des „Normalen“ bricht zusammen

Erstaunlich viele Menschen sind verwirrt, wenn ihr selbst gezimmertes Weltbild zusammenbricht. Sie verstehen nicht, dass sich die Welt da draußen bewegt. Andere haben sie verändert, mal langsamer, mal schneller, aber diese Veränderungen gingen nicht mit großen Fanalen, Protestmärschen und brennende Barrikaden einher – dun wenn doch, dann nicht vor unserer Tür. Wer stehen geblieben ist, reibt sich die Augen, so wie der Ehemann, der nach zwanzig Ehejahren geschieden wird und nun erneut eine Frau sucht. Die Art von Frau, die er sucht, existiert kaum noch, und die Methoden, sie zu finden und anzusprechen, werden nun eher belächelt.

Regeln selbst vereinbaren und festlegen

Das hat nun noch nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit dem gesellschaftlichen Wandel. Die „alten Zeiten sind vorbei“, sagt man wohl leichthin, aber es sind nicht die „alten Zeiten“ und ihre festen Regeln, die durch neue, ebenso eherne Regeln ersetzt wurden.

Worum geht es dann? Es geht darum, dass es keine Normalität gibt, es sei denn, wir erschaffen sie. Es gab Zeiten, in denen wir glaubten, einen Charakter erkennen zu können, weil er einer Norm entsprach. Wir nahmen an, dass er/sie uns mit diesen marginalen Eigenschaften heiraten würde und dass sie sich niemals mehr verändern würden. Wir taten dies, weil wir keine Ahnung von der Vielfalt des menschlichen Wesens hatten. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass viele Menschen (auch angeblich kluge) dies heute noch glauben.

Normalität zwischen Partnern – und ihr Bruch

In Wahrheit entsteht die Normalität zwischen den Partnern heute dadurch, dass sie ähnliche Regungen und Eigenschaften bevorzugen. Das ist für sie „Normal“. Würde die „normale“ Gerlinde im dritten Ehejahr plötzlich ein Korsett tragen und sich mit einer Peitsche präsentieren, so wäre die Normalität gestört. Gerd und Gerlinde müssten dann „nachverhandeln“, ob sie solche Varianten des Liebesspiels als „normal“ einstufen würden. „Normal“ ist also überwiegend die Norm einer kleinen Gruppe, die eine Vereinbarung darüber schließt, was FÜR SIE normal ist.

Wenn nichts vereinbart ist – offen sein und fragen

Ein sehr gutes Beispiel dafür, was Menschen als „normal“ ansehen, finden wir wieder in der Partnersuche. Man kann beobachten, dass Frauen über 40 oft „brüskiert“ reagieren, wenn man ihnen rät, die Sinnlichkeit nicht zu Hause zu lassen und offen gegenüber der Sexualität zu sein. Sie halten für „normal“, so etwas nicht einmal zu denken und gehen davon aus, dass ein „anständiger Mann“ ebenfalls niemals „an so etwas“ denken würde.

Überhaupt gilt: Isoliert lebende Menschen und Ideologen haben es schwer, sich an Vereinbarungen zu gewöhnen. Wenn eine sexuelle Variante ihnen Unbehagen bereitet, dann überwiegend deshalb, weil sie diese nicht praktizieren. Werden sie aufgefordert, es dennoch zu versuchen, so sagen sie nicht einfach „Nein“ – was überaus legitim ist, sondern sie sagen „Pfui Teufel“. Und sie berufen sich schnell auf „die Normalität“, die ihnen verbietet, etwas „Schmutziges“ zu tun.

„Nein“ ist eine mögliche Antwort – aber wie war die Frage?

Nun ist es so: Wenn alles, was wir „dort draußen“ tun, abhängig von Vereinbarungen ist, dann müssen wir auch „fragen dürfen“. Männer haben inzwischen wahrscheinlich gelernt, dass ein „Nein“ heißt: „Ich will es nicht.“ Aber es heißt nicht, dass die Frage verboten ist, im Gegenteil: Wer nicht fragt, kann auch keine Vereinbarungen schließen.

Halten wir fest: Die Lust, die spontan aus beiden herausbricht, wie sie in Kitschromanen und im Kino gelegentlich gezeigt wird, ist eine Variante. Und eine andere ist die Ansage: „Du, ich sag dir mal was für den weiteren Abend noch möglich ist und was nicht – dann kannst du entscheiden, ob du das willst.“ Erstaunlicherweise hört man sie seit vielen Jahren auch von Frauen.

Bliebt noch zu fragen: «Ja, und was ist denn nun für dich „normal“?»Sieh mal, das kannst nur du wissen. Wer sonst?

Bild: Nach einer Zeichnung von Becat, Ausschnitt.
Lesenswert: Das Ende der Normalität, München 2011

Die absolute Hingabe

Einst eine Erwartung, heute umstritten: die Hingabe
Was eine Hingabe eigentlich bedeutet, ist im Deutschen nicht völlig klar. Grimms Deutsches Wörterbuch (1) sagt aus, dass die Hingabe“ nach „neueren Quellen“ die „Hingebung in Liebe“ bedeute. Ursprünglich war die Hingabe eines Gutes gemeint, im Extremfall die Hingabe der Freiheit. Im weiteren Sinne überwiegen aber Bezüge, die mit der Liebe zur Kunst oder zu einem Menschen zusammenhängen. So wurde in Teilen Deutschlands auch die Verlobung der Frau als „Hingabe“ bezeichnet. Ein anderer Begriff dafür wäre das ebenso altertümliche Wort „die Preisgebung“(2). Das Wort „Hingabe“ wird nicht immer positiv bewertet, und im 19. Jahrhundert lesen wir gar, dass „Prostitution die gewerbsmäßig betriebene Hingabe“ sei.

Sich hemmungslos hingeben?

Was bedeutete es nun, sich jemandem „hemmungslos“, „absolut“ oder „völlig“ hinzugeben?

Die Redensart kommt in modernen, schnell dahingeschriebenen Liebesromanen vor. Nachdem die Partnerin in irgendeiner Weise sexuelle erregt wurde, gibt sie sich ihm/ihr unvermittelt „völlig hin“.

Hemmungslose Geilheit ?

Gemeint ist zumeist, dass ihre Geilheit auf einem Punkt angekommen war, an dem sie an nichts anderes mehr dachte, als befriedigt zu werden. Das heißt: alle Gedanken an die Begleitumstände, und damit auch alle eventuell vorhandenen Bedenken waren plötzlich verschwunden. Mit ihnen vergingen dann auch die eigenen Wünsche und Vorstellungen.

Die völlige Hingabe ist – wenn sie nicht gespielt wird oder durch romantische Verzückung mental gestützt wird – eine Folge des Einsatzes körpereigener Drogen, also an sich etwas völlig Natürliches. Die Natur drängt ihre Geschöpfe, einen einmal eingeleiteten Geschlechtsakt in jedem Fall zu vollenden und versucht daher, den Rückzug in jedem Fall zu vereiteln.

Einfache Formel für die Hingabe


Oder, sehr einfach:


Je weniger der Geschlechtsakt durch Gedanken „gestört“ wird, umso größer ist die Möglichkeit der „absoluten Hingabe“.

Die Hingabe als ideologische Unmöglichkeit

Aus der Sicht der „Neusprech-Bewegung“, die für „soziale Korrektheit“ sorgen will, ist die die Lust, sich hinzugeben, ein Tabu. Die Vertreter dieser Philosophie sehen im Geschlechtsakt einen gleichberechtigten, durchgängig bewussten Prozess. Jede Form von Asymmetrie wird dabei ausgeschlossen, und Hingabe wird in diesem Zusammenhang mit „Unterwerfung“ gleichgesetzt. Erstaunlich dabei ist, wie Menschen in ihrem Lusttaumel noch „psychische Prozesse“ oder gar Feinheiten des „neuen Lust-Knigges“ wahrnehmen wollen. Und um es zu verdeutlichen: Hier ist nicht von SM-Aktivitäten die Rede, sondern von der reinen, unverfälschten Begierde gewöhnlicher Paare.

Psychologie und Esoterik als Helfer für die Hingabe?

Manche Psychologen sagen, die Hingabe sei ein „psychischer Prozess“, der erlernt werden könne, weil die Hingabe etwas mit „Urvertrauen“ zu tun habe. Das mag stimmen, wird aber zur Farce, wenn es mit zu viel esoterischem Unsinn ummantelt wird. Natürliche Prozesse wie die Hingabe kann man durch psychische Hemmungen, falsches Lernen, verinnerliche Ideologien, Ängste vor den Folgen oder Gedankenkonstruktionen verhindern. Es mag verschiedene Meinungen dazu geben, wie sie sich auflösen lassen – doch sicher nicht dadurch, dass man behauptet, man müsse neue veränderte psychische oder esoterische Methoden entwickeln, um dies zu tun.

Männer, analer Zugang und SM-Spiele

Nicht ausschließlich Frauen, auch Männer haben gelegentlich Vorbehalte unterschiedlicher Art, sich „absolut hinzugeben“, und sie drücken sich je nach Art und Veranlagung so aus, dass sich der Penis nicht versteift oder die Ejakulation gehemmt ist. Die größten Vorbehalte haben Männer immer dann, wenn sie selbst (anal) penetriert werden sollen – das betrifft auch heterosexuelle Männer, die sich auf Rollenspiele oder Pegging einlassen.

Hingabe gleich Kapitulation?

Hingabe, das Hingeben oder Aufgeben, auch die „Kapitulation“, wie man wörtlich übersetzt im Englischen sagen würde, sind Reizwörter, weil sie in einem Zusammenhang mit Macht, Aufgabe der Macht und sogar Ohnmacht verwendet werden. Die Forderung, sich hinzugeben, ist deshalb ehrenrührig, der Wunsch, sich hinzugeben, aber durchaus vorhanden und ein Beweis des Selbstbewusstseins. Denn nur derjenige oder diejenige wird sich lustvoll hingeben, der/die weiß, dass der nächste Tag wieder die Person hervorbringt, die man zuvor darstellte.

Lösung: sich der animalischen Natur bewusst werden

Es gilt also, wie so oft in der Liebe, sich seiner animalischen Natur bewusst zu sein und sie mit der Lust und der Realität verbinden zu können. Das ist allemal hilfreicher als jede Diskussion um die Berechtigung der Hingabe.

Es ist eine große Aufgabe – möglicherweise eine, die viele Jahre in Anspruch nimmt – und wohl dem, der dabei eine einfühlsame Partnerin oder einen entsprechenden Partner hat.

(1) Bei Grimm - nachlesen.
(2) Preisgebung ist noch stärker als "Hingabe" mit dem Begriff "sich als Beute hingeben" verbunden. Weitere Gedanken zur Hingabe und zum Konflikt um den Wortgebrauch in DIE ZEIT.
Bild: Buchillustration,oberer Teil des Bildes, ca. 1925