Die Verführung und die gewillkürte Unschuld

Eine Handlungsweise oder Zustand, die/der jemanden dazu bringen will, etwas zu tun, was diese Person eigentlich nicht will.
Wie schön für alle, die Orakel lieben. Jemand (also eine andere Person) hat es darauf abgesehen, einen Menschen zu verleiten oder in biblischer Sprache „in Versuchung“ zu führen. Darauf beruht die Lehre, dass Verführungen an sich unvermeidlich sind – allerdings wird jenen gedroht, die sie „verschulden“. (Lukas 17,1)
Verführer als Personen
Womit wir bei den Personen wären, die wir als Verführer und Verführerinnen kennen. Seit wir Autoren alle genötigt werden, Frauen nicht zu vergessen, schreiben wir es in dieser Weise. Allerdings wäre es vielen Feministinnen lieber, wir würden die soziale Gefälligkeit hier weglassen: Verführer sind nach ihrer Meinung (fast) immer Männer.
Die KI kommt ins Spiel - belehrend und konservativ
Die KI weiß es jedenfalls genau: Wenn ich nach „Verführerinnen“ frage, werde ich erst einmal abgekanzelt: (2)
„Es ist wichtig, zu verstehen, dass Begriffe wie "Verführerinnen" oft stereotype Vorstellungen über Frauen und ihre Beziehungen zu anderen Menschen widerspiegeln.“
Die Quasselstrippe in der KI weiß auch, dass ich ein ganz falsches Menschenbild habe, denn ich sollte:
„Im Hinterkopf behalten, dass gesunde Beziehungen auf gegenseitigem Respekt, Zustimmung und Kommunikation beruhen.“
Die andere Meinung - Frauen, Verführungen und das wirkliche Leben
Das kleine rote Büchlein auf meinem Schreibtisch weiß es „irgendwie anders“ und sagt mir:
„Es gibt die langsame Verführung. Die fast beiläufige und das punktgenaue Zugreifen – und alles dazwischen.“
Ich erfahre außerdem, was die Autorin damit meint:
„Ich denke mir Verführung als eine ästhetische Übermittlung der eigenen Persönlichkeit, die keinen weiteren Zweck hat. Diese Zwecklosigkeit ist das eigentlich Unschuldige.“
Man erkennt: Die Frau, die dies sagte, geht aus philosophischer Sicht an das Thema – sie ignoriert die Volksmeinung.
Es gibt Verführungen - und sie folgen keiner festen Regel
Mal ganz schnell zum Grundsätzlichen: Ja, es gibt Verführungen. Einige davon wurden von anderen inszeniert. Das gilt als Willkür. Einige sind selbst inszeniert – dann war die Bereitschaft längst da und die Wahrscheinlichkeit groß, dass es passieren würde.
Wenn es passiert, dann wird die oder der Verführte am nächsten Tag oder bei passender Gelegenheit erzählen, er (oder sie) habe nicht dazu beigetragen. Er (oder sie) habe nicht die leiseste Ahnung, wie es ausgerechnet ihm (ihr) passieren konnte. Ein Teil dieser Personen lügt dabei nicht einmal, während der andere Teil sich mit dieser Behauptung lediglich schützt.
Verführungen als Spiel - wehe, wenn es jemand durchschaut
Mir geht ein Gedanke durch den Kopf: Könnte es sein, dass Verführer(innen) und Verführte nichts anderes als ein „Spiel spielen“, aber sich dieses Spiel nicht eingestehen wollen? Rechnen sie damit, dass dieses Spiel misslingt? Und was passiert, wenn es dennoch gelingt? Wenn sie einfach hinein glitschen?
Wahrscheinlich werden die Paare behaupten, kein Spiel gespielt zu haben (4). Und wenn du ihnen später sagen würdest: „Na, ich habe doch genau gesehen, was für ein Spiel ihr da gespielt habt?“ – was dann?
Dann wärest du ein Spielverderber, denn natürlich haben sie ein Spiel gespielt, aber du hättest es nicht merken dürfen. Von dir wird erwartet, dass du dem letzten Satz zustimmst, der so häufig wie Gänseblümchen ist: „Ich weiß wirklich nicht, wie es dazu gekommen ist.“
Zitate:
(1) Witionary - Mehrheitsmeinung, konservativ
(2) KI in einer Suchmaschine. Gefragt wurrde in mehreren Varianten wie viele Frauen als Verführerinnen gelten.
(3) Ariadne von Schirach in "LUST", München 2007.
(4) Verführung als Spiel interpretiert vom Autorenteam (sehpferd) nach einer Idee von Laing, Ronald D. Psychiater in "Knoten".

